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Resolution des Historikertags : Die Lehrer Deutschlands

Mit dem linksliberalen Common Sense der Wissenschaft gegen die AfD: Der Historikertag wird zum Parteitag. Bild: AP

Auf ihrem Treffen in Münster verabschieden die deutschen Historiker mit großer Mehrheit eine Resolution zur Lage des Landes. Unter Berufung auf ihre Fachkompetenz stellen sie sich der AfD in den Weg.

          Inwieweit hat der Geschichtsunterricht zu dienen als Vorbereitung zur Teilnahme an den Aufgaben, welche das öffentliche Leben der Gegenwart an jeden Gebildeten stellt?“ Mit dieser Frage befasste sich die erste „Versammlung deutscher Historiker“ 1893 in München. Wie Matthias Berg im ersten Band der soeben erschienenen Geschichte des Historikerverbands und der Historikertage darlegt, war mit dem Referat zu dieser Frage ein Gymnasialdirektor beauftragt worden, der in Übereinstimmung mit Kaiser Wilhelm II. die These vertrat, dass der Geschichtsunterricht „das Staatsbewusstsein als die allbeherrschende verantwortungsvolle Pflicht gegen den Staat zu lehren“ habe. Diese Auffassung fand keine Mehrheit. Die Versammlung verabschiedete einen Antrag, wonach der Unterricht nicht „in systematischer oder auf eine bestimmte Gesinnung hinzielender Weise“ auf die Teilnahme am öffentlichen Leben vorbereiten könne und solle; er habe „vielmehr lediglich diejenigen geschichtlichen Kenntnisse zu übermitteln“, die zur späteren Teilnahme befähigten.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Auf Initiative von Ludwig Quidde stimmte die Versammlung gesondert über einen Satz des Antrags ab, der als Zeichen des guten Willens gegenüber der Staatsmacht gedacht war. Die Formulierung, dass das Schulfach Geschichte „insbesondere auch die Liebe zum Vaterland und ein strenges Pflichtbewusstsein gegen den Staat erwecken“ solle, wurde mit 38 gegen 29 Stimmen abgelehnt. Als Wolfgang Schäuble am Dienstag zur Eröffnung des 52. Deutschen Historikertags in Münster sprach, lobte er diese Entschließung des ersten Historikertags. Schon vor 125 Jahren hätten die Historiker „auf ihre Unabhängigkeit“ gepocht, die Freiheit der Wissenschaft, die auch auf die Schule ausstrahlt.

          Gegen das Nützlichkeitsdenken

          „Sich mit seinem Land zu identifizieren, Zugehörigkeit zu empfinden, auch Verantwortung und sogar Pflichten dem Gemeinwesen gegenüber: Daran ist nichts falsch. Im Gegenteil. Aber in einer freiheitlichen Gesellschaft lässt sich das nicht staatlich verordnen. Geschichte, zumal unsere Geschichte, lehrt eben auch Demut.“ Mit Stichworten aus der Debatte über eine in den frühen siebziger Jahren wahrgenommene Krise der Geschichte, die damals die Historikertage beschäftigte, sagte Schäuble, die Entschließung von 1893 habe sich „gegen ein Nützlichkeitsdenken“ gewandt, in dem „die Geschichtswissenschaft ihre Relevanz als Magd des Staates“ nachweisen müsse.

          Die versammelten Historiker von 2018 haben auf Schäuble nicht gehört. Sie glauben, dass sie sich nützlich machen müssen. Mit großer Mehrheit haben die Mitglieder des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands am Donnerstag eine „Resolution zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie“ verabschiedet. Der Verband spricht sich unter anderem „für eine historisch sensible Sprache, gegen diskriminierende Begriffe“ aus, „für parlamentarische Demokratie und pluralistische Streitkultur“ sowie „für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, gegen den politischen Missbrauch von Geschichte“ aus.

          Den Verfassern, den Göttinger Historikern Dirk Schumann und Petra Terhoeven, die sich der Unterstützung eines Redaktionskomitees prominenter Fachvertreter mit der apostolischen Mitgliedszahl zwölf versicherten, führte die allbeherrschende, verantwortungsvolle Pflicht gegen den Staat die Feder. In dem Fundamentalkonflikt, der sich seit 2015 in der deutschen Öffentlichkeit aufgetan hat, ergreift die Berufsvertretung der akademischen Historiker Partei, indem die Resolution in einer ihrer Zwischenüberschriften „für Humanität und Recht, gegen die Diskriminierung von Migranten“ plädiert.

          Nicht das Zeug zu einem moralischen Lehramt

          Nun kommen die Historiker mit dieser Intervention keiner Aufforderung der Bundesregierung nach. Insofern mögen die Unterstützer der Resolution meinen, die Vergleichbarkeit mit der Lage von 1893 sei nicht gegeben. Machen die Historiker nicht von ihrer Unabhängigkeit Gebrauch, indem sie sich politisch zu Wort melden? Aber diese Unabhängigkeit, verstanden als Freiheit der Wissenschaft, hat auch Voraussetzungen auf der Innenseite der wissenschaftlichen Selbstorganisation. Man muss sich über den Status wissenschaftlichen Wissens klar sein, darüber, welche Art von Geltung es beansprucht. Aus der prinzipiellen Vorläufigkeit dieses Wissens ergibt sich die wissenschaftliche Variante jener Demut in der Kommunikation unter den gesellschaftlichen Subsystemen, zu der sich Schäuble als Staatsrepräsentant für die Politik bekannte.

          Otto Gerhard Oexle, der 2016 verstorbene Direktor des abgewickelten Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, war acht Jahre lang Schriftführer des Historikerverbands. Er vertrat mit Verve die von ihm aus den Weltanschauungskämpfen der Epoche um 1900 hergeleitete Auffassung, dass die Wissenschaft mit ihren Erkenntnismitteln nicht das Zeug zu einem moralischen und politischen Lehramt habe. Ein solches Wissenschaftsverständnis hat in Vorstand und Ausschuss des Verbands offenbar keinen Sprecher mehr. Dirk Schumann, einer der beiden Verfasser des Resolutionsentwurfs, sagte in der Mitgliederversammlung, mit dem Text wollten die Historiker auf der Basis ihrer Fachkompetenz die Orientierung leisten, welche die Öffentlichkeit auch von ihnen erwarten dürfe. Andreas Wirsching, der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, exponierte sich in der Frage, ob diese Orientierung durch analytische Aussagen hergestellt werden solle (also das Äquivalent der zur Teilnahme am öffentlichen Leben nötigen Kenntnisse von 1893) oder auch durch normative Festlegungen. Mit den Wahlerfolgen der AfD sieht Wirsching „eine Zeit angekommen, in der es wichtig ist, dass wir uns auch normativ äußern“.

          Und diese Äußerungen beschränken sich eben nicht auf die Benennung der Funktionsbedingungen einer unabhängigen Geschichtswissenschaft, die sich auf eine Verfassung mit Gewaltenteilung und freier Presse erstrecken. Die Resolution macht auch inhaltliche Aussagen zur Europa- und zur Flüchtlingspolitik. Für beide Gebiete werden aus welthistorischen Befunden höchster Allgemeinheit Forderungen abgeleitet, die in den gewählten Formulierungen in der heutigen deutschen Öffentlichkeit heftig umstritten sind.

          Linksliberaler Common Sense

          Migration als „historische Konstante“ habe „die beteiligten Gesellschaften insgesamt bereichert“. Wie eine solche pauschale Bilanz in Ausübung historischer Fachkompetenz erstellt werden kann, ist nicht zu erkennen. Gleichwohl soll diese Überschlagsrechnung der Grund dafür sein, „auf eine aktive, von Pragmatismus getragene Migrations- und Integrationspolitik hinzuarbeiten, die sowohl die Menschenrechte als auch das Völkerrecht respektiert“. Hier wird eine migrationsfreundliche Eindeutigkeit des Völkerrechts suggeriert, die festzustellen, wenn überhaupt, Sache von Völkerrechtlern wäre.

          Die Formulierungen kommen in ihrer Allgemeinheit fast trivial daher. Aber Historiker müssen sehen, dass es sich um die Chiffren handelt, mit denen seit drei Jahren die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel verteidigt wird. Entsprechendes gilt für den Europa-Absatz der Resolution. „Für ein gemeinsam handelndes Europa, gegen nationalistische Alleingänge“: Das waren die Losungen der Merkel-Seehofer-Krise des Sommers, und zwar auf der Merkel-Seite. Nicht zufällig waren es Professoren aus Würzburg und Bayreuth, die Bedenken gegen die Resolution geltend machten. Die Beteuerung der Verfasser, der Text solle keine Wahlkampfhilfe leistet, wurde dementiert, als Wirsching, ausdrücklich „in Richtung Würzburg und Bayreuth“ sprechend, für das politische Engagement des Verbands das Ziel aufstellte, Koalitionen von CDU und AfD und damit AfD-Kultusminister zu verhindern. Der Änderungsantrag, als Beispiel für eine intolerable Beschimpfung des politischen Gegners dem „Volksverräter“ den „Nazi“ hinzuzufügen, wurde abgelehnt, nachdem der Zeithistoriker Axel Schildt unter großem Beifall erklärt hatte, die Stoßrichtung gegen rechts müsse eindeutig bleiben.

          Im Historikermilieu scheint die Hegemonie des sogenannten linksliberalen Common Sense ungebrochen. Warum begnügen sich die tonangebenden Leute im Fach nicht damit, die soziale Macht, die ein solcher Konsens bedeutet, in den Formen wissenschaftlicher Kommunikation auszuspielen, durch Tagungen, Bücher, Zeitungsartikel und vielleicht auch Unterschriftslisten? Warum muss ein Fachverband Parteitag spielen mit Kompromissformelsuche in der Flüchtlingspolitik? Als hätten die Historiker den Grundgedanken Reinhart Kosellecks vergessen, dass politische Begriffe zwangsläufig umstritten sind, will ihr Beschluss zu viel unstreitig stellen, was streitig ist, de facto und aus guten Gründen. Im Vertrauen auf die Textsorte „Resolution“ zeigt sich eine paternalistische Einstellung gegenüber der Öffentlichkeit. Als Kollektiv der Aufgeklärten bringen die Historiker ein Expertenwissen in Anschlag, dessen ideologischer Charakter derzeit kurioserweise ein Lieblingsthema der zeithistorischen Forschung ist.

          Am Ende wurden noch nicht einmal die Stimmen gezählt. Dabei wäre nicht nur für die Fortsetzung der Verbandsgeschichte der Vergleich mit den Zahlen von 1893 informativ gewesen.

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