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Historikerkommission : Was war der Majdan?

  • -Aktualisiert am

Gedenkfeier für die Opfer der Ukraine-Krise in Prag Bild: Reuters

Die neuen Bruchlinien, die gegenwärtig im Russland-Ukraine-Krieg zum Vorschein kommen, kann man nur historisch erklären. Deshalb brauchen wir eine deutsch-ukrainische Historikerkommission.

          In der Revolution des Euro-Majdan und im Russland-Ukraine-Krieg ist Geschichte allgegenwärtig: als Ressource zur politischen Mobilisierung und als Folie zur Erklärung des aktuellen Geschehens. Nur historisch kann man die neuen Bruchlinien erklären, die gegenwärtig zum Vorschein kommen; nur aus einer geschichtlichen Perspektive ist zu begreifen, weshalb der Krieg Russlands gegen die Ukrainer aus der Sicht verschiedener europäischer Länder so unterschiedlich bewertet wird. Eine historische Tiefendimension ist aber vor allen Dingen notwendig, um den Majdan und das Jahr 2014 als Zäsur zu verorten. Was war der Majdan? Ein nationalistischer Putsch? Ein soziales Phänomen neuer Art? Die bisher letzte Revolution in einer Reihe europäischer Revolutionen, die in den achtziger Jahren mit der Solidarność-Bewegung in Polen begann? Was ist die russische Intervention in der Ukraine? Eine pragmatische, situativ vorgehende Interessenwahrnehmung an der Grenze? Oder ein neo-imperiales Projekt Wladimir Putins, das gleichzeitig der Herrschaftssicherung im Inneren dient?

          Sobald man anfängt, nach historischen Erklärungen zu suchen, weitet sich der zeitliche und geographische Rahmen in die gesamte Neuzeit Europas. Dennoch ist es sinnvoll, die Diskussion in einer bilateralen deutsch-ukrainischen Historikerkommission zu beginnen. Deutschland ist aus den Reihen der EU-Staaten der wichtigste Akteur in dem Konflikt, zugleich besteht in Deutschland ein eklatantes Manko an historischem Fachwissen über die Ukraine. Dies zu erweitern und am Aufbau einer institutionellen Grundlage für Ukraine-Studien in Deutschland und Deutschland-Studien in der Ukraine zu arbeiten ist ein wichtiges Ziel der Kommission. Sie wird auch die klassische Aufgabe einer bilateralen Historikerkommission erfüllen, die gemeinsame Geschichte beider Staaten und Nationen so zu erforschen, dass sich der öffentliche historische Diskurs und der Geschichtsunterricht auf eine von beiden Seiten anerkannte Grundlage beziehen können.

          Auffällige Blindstellen

          Neben Belarus gehört die Ukraine zu den Territorien, die von der deutschen Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg am grausamsten getroffen wurden. Ukrainer sind Opfer, Zeugen und auch Kollaborateure im deutschen Vernichtungskrieg geworden. Im deutschen Geschichtsbewusstsein wird dies weitgehend ignoriert; Schuldgefühle beziehen sich aber nur auf Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Dies ist umso erstaunlicher, als die Ukraine nicht nur im nationalsozialistischen „Generalplan Ost“ im Visier zur Vernichtung und Ressourcenausbeutung stand, sondern auch im Entwicklungsplan Stalins eine zentrale Rolle spielte. Dessen forcierte Industrialisierung nahm willentlich den Tod von Millionen Menschen in der Ukraine in Kauf.

          Die Farben beider Länder: Demonstrantinnen bei einer Mahnwache für die Opfer des Ukraine-Kriegs vor der russischen Botschaft in Berlin
          Die Farben beider Länder: Demonstrantinnen bei einer Mahnwache für die Opfer des Ukraine-Kriegs vor der russischen Botschaft in Berlin : Bild: dpa

          Eine Historikerkommission ist aber auch der beste Ort, die geschichtlichen Voraussetzungen für die Wahrnehmung des anderen zu klären. Diese hat in Deutschland in Bezug auf die Ukraine auffällige Blindstellen: Bemerkenswert hoch war in Deutschland sogar nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim die Bereitschaft, die Ukraine lediglich als Objekt russischer Interessen zu betrachten oder ihr gar den Status als „echte“ Nation abzusprechen. Vor dem Majdan ist die Ukraine in Deutschland abwechselnd als potentieller Raum eigener kriegerischer Expansion, als hoffnungslos korrupter Oligarchen-Staat und unter Folklore-Gesichtspunkten wahrgenommen worden. Die zivilgesellschaftlichen Traditionen, die auf dem Majdan sichtbar wurden, haben die deutsche Öffentlichkeit überrascht.

          Eine bemerkenswerte, noch nicht aufgeklärte Rolle in der mentalen Neuvermessung Europas aus deutscher Sicht spielte die Mitteleuropa-Diskussion der achtziger Jahre. Mitteleuropa meinte damals vor allem Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn; die Ukraine war allenfalls mit ihrer habsburgischen Hinterlassenschaft Galizien dabei. Die Funktion dieser Diskussion war die Abgrenzung der Mitte vom Osten: Vereinigte diese „größte Mannigfaltigkeit auf kleinstem Raum“ (Milan Kundera) in sich, so war alles östlich von ihr Gelegene von Einheitlichkeit und imperialer Herrschaft durchformt. Das war schon in den achtziger Jahren Geschichtsideologie, denn die stilisierte Wirklichkeit „Mitteleuropas“ gab es nach den Genoziden des Zweiten Weltkriegs und den Nachkriegsvertreibungen nicht mehr.

          Problemfreier Dialog: Ein ukrainischer Junge spielt mit seiner deutschen Gastschwester im Klimahaus Bremerhaven.
          Problemfreier Dialog: Ein ukrainischer Junge spielt mit seiner deutschen Gastschwester im Klimahaus Bremerhaven. : Bild: dpa

          Auch die Ukraine ist von dem Jahrhundert der Extreme in jeder Hinsicht gezeichnet worden. Aber gerade die Ukraine, allenfalls ein Randgebiet des „Mitteleuropa“ der achtziger Jahre, zeichnet sich durch jene Vielfalt und Hybridität aus, welche dieses für sich reklamierte: Ukrainisch sprechende Ukrainer, russisch sprechende Ukrainer und russisch sprechende Russen, Juden und Tataren lebten in ihrem Staat zusammen, ohne dass dieser – anders als Polen oder die Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit – eine diskriminierende Minderheitenpolitik betrieb. Erst die Intervention Russlands hat diese Wirklichkeit auf der Krim und in Teilen der östlichen Ukraine zerstört.

          In Warschau und Moskau gibt es Deutsche Historische Institute; Deutschland steht mit Polen und Russland überdies in einem kontinuierlichen geschichtswissenschaftlichen Austausch durch eine Historische Kommission und eine Schulbuchkommission. Die deutsch-ukrainische Historikerkommission ist der erste Schritt zu einer institutionellen Verbindung zwischen den beiden Geschichtswissenschaften. Auf deutscher und ukrainischer Seite wirken in der Kommission Historiker mit, die weit über ihre Nationalgeschichte und die bilaterale Beziehungsgeschichte hinausschauen. Darüber hinaus haben die Direktoren der Deutschen Historischen Institute in Moskau und in Warschau ihre Bereitschaft signalisiert, in der Kommission mitzuwirken. Die Kommission bringt alle Voraussetzungen mit, sich in einer internationalen geschichtswissenschaftlichen Landschaft Gehör zu verschaffen. In dieser Woche tritt sie mit ihrer ersten Konferenz über „Krieg und Revolution: Die Ukraine in den großen europäischen Transformationen der Neuzeit“ in Berlin erstmals an die Öffentlichkeit.

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          Martin Schulze Wessel lehrt Osteuropäische Geschichte an der LMU München; Yaroslav Hrytsak lehrt Geschichte an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg. Beide koordinieren die Arbeit der Historikerkommission.

          Quelle: F.A.Z.

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