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Veröffentlicht: 28.05.2015, 09:20 Uhr

Historikerkommission Was war der Majdan?

Die neuen Bruchlinien, die gegenwärtig im Russland-Ukraine-Krieg zum Vorschein kommen, kann man nur historisch erklären. Deshalb brauchen wir eine deutsch-ukrainische Historikerkommission.

von Martin Schulze Wessel und Yaroslav Hrytsak
© Reuters Gedenkfeier für die Opfer der Ukraine-Krise in Prag

In der Revolution des Euro-Majdan und im Russland-Ukraine-Krieg ist Geschichte allgegenwärtig: als Ressource zur politischen Mobilisierung und als Folie zur Erklärung des aktuellen Geschehens. Nur historisch kann man die neuen Bruchlinien erklären, die gegenwärtig zum Vorschein kommen; nur aus einer geschichtlichen Perspektive ist zu begreifen, weshalb der Krieg Russlands gegen die Ukrainer aus der Sicht verschiedener europäischer Länder so unterschiedlich bewertet wird. Eine historische Tiefendimension ist aber vor allen Dingen notwendig, um den Majdan und das Jahr 2014 als Zäsur zu verorten. Was war der Majdan? Ein nationalistischer Putsch? Ein soziales Phänomen neuer Art? Die bisher letzte Revolution in einer Reihe europäischer Revolutionen, die in den achtziger Jahren mit der Solidarność-Bewegung in Polen begann? Was ist die russische Intervention in der Ukraine? Eine pragmatische, situativ vorgehende Interessenwahrnehmung an der Grenze? Oder ein neo-imperiales Projekt Wladimir Putins, das gleichzeitig der Herrschaftssicherung im Inneren dient?

Sobald man anfängt, nach historischen Erklärungen zu suchen, weitet sich der zeitliche und geographische Rahmen in die gesamte Neuzeit Europas. Dennoch ist es sinnvoll, die Diskussion in einer bilateralen deutsch-ukrainischen Historikerkommission zu beginnen. Deutschland ist aus den Reihen der EU-Staaten der wichtigste Akteur in dem Konflikt, zugleich besteht in Deutschland ein eklatantes Manko an historischem Fachwissen über die Ukraine. Dies zu erweitern und am Aufbau einer institutionellen Grundlage für Ukraine-Studien in Deutschland und Deutschland-Studien in der Ukraine zu arbeiten ist ein wichtiges Ziel der Kommission. Sie wird auch die klassische Aufgabe einer bilateralen Historikerkommission erfüllen, die gemeinsame Geschichte beider Staaten und Nationen so zu erforschen, dass sich der öffentliche historische Diskurs und der Geschichtsunterricht auf eine von beiden Seiten anerkannte Grundlage beziehen können.

Auffällige Blindstellen

Neben Belarus gehört die Ukraine zu den Territorien, die von der deutschen Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg am grausamsten getroffen wurden. Ukrainer sind Opfer, Zeugen und auch Kollaborateure im deutschen Vernichtungskrieg geworden. Im deutschen Geschichtsbewusstsein wird dies weitgehend ignoriert; Schuldgefühle beziehen sich aber nur auf Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Dies ist umso erstaunlicher, als die Ukraine nicht nur im nationalsozialistischen „Generalplan Ost“ im Visier zur Vernichtung und Ressourcenausbeutung stand, sondern auch im Entwicklungsplan Stalins eine zentrale Rolle spielte. Dessen forcierte Industrialisierung nahm willentlich den Tod von Millionen Menschen in der Ukraine in Kauf.

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