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Veröffentlicht: 28.04.2014, 06:16 Uhr

Sind die Deutschen zu weich? Der Westen leuchtet heller

Die russische Propaganda schimpft uns als weich und dekadent. Viele Deutsche glauben, da sei etwas dran. Aber das Gegenteil ist der Fall.

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© dpa Ein falscher Putin, verirrt ins Lager westlicher Dekadenz

Wir, hier im Westen, haben es uns längst abgewöhnt, unsere Dichter auch als Seher zu betrachten, als Propheten, welche die künftigen Ereignisse, lange bevor da etwas sichtbar wird, schon ahnen mit feinerem Gespür - und ganz egal, ob das an uns, an unseren Dichtern oder an der Zukunft liegt: Woanders ist das jedenfalls ganz anders.

Claudius Seidl Folgen:

In Russland zum Beispiel, woher Viktor Jerofejew kommt, jener Dichter, dessen Romane schon immer auch als Ahnungen und Prophezeiungen gelesen werden wollen. Es war allerdings kein Werk der Dichtkunst, es war ein schlichter Zeitungsartikel, in welchem Jerofejew, schon im Herbst des vergangenen Jahres, als die Proteste in der Ukraine gerade erst an Schwung gewannen und von Russlands Rolle kaum die Rede war, all das kommen sah, was uns heute so beunruhigt und bestürzt.

Es sollte in diesem Artikel eigentlich nur um Dmitri Kisseljow gehen, Russlands mächtigsten Journalisten, den Mann, der schreibt und ausspricht, was Wladimir Putin nur denkt und so pointiert nicht formulieren kann - aber anscheinend fand Jerofejew, dass man Putins schlimmsten Propagandisten nur erklären könne, wenn man zuvor ein paar Stichworte zur geistigen Situation Russlands und der Russen liefere.

Zu weibisch, zu schwul, zu multikulturell

Es fühle sich stark, dieses Russland, schrieb Jerofejew, und es fühle sich umso stärker, als es die Schwäche des Westens zu spüren glaube. Finanz- und Wirtschaftskrise, Streit und Zersplitterung, das habe, in der Wahrnehmung der Russen jedenfalls, die Stärke des Westens weitgehend aufgebraucht. Und die Enthüllungen Edward Snowdens, die Erkenntnis, dass die demokratischen Staaten ihre Bürger so total bespitzeln und überwachen, habe dem Westen die letzte Legitimation genommen, von oben herab, aus der Position derer, die von Rechtsstaatlichkeit und bürgerlicher Freiheit mehr verstehen, über Russland oder zu den Russen zu sprechen.

Russland fühle sich mächtig, wie lange nicht mehr, Russland gehe jetzt „zur Offensive über. Russland führt den Angriff. Der Westen hat ihm jetzt nichts mehr zu sagen.“ Und natürlich benannte Jerofejew, darin ganz Dichter und Prophet, ein paar Ursachen, die tiefer gründen als jene politischen und ökonomischen Probleme, welche nur der Ausdruck einer umfassenden kulturellen, geistigen und seelischen Schwäche seien.

Auf Jerofejews Mängelliste stehen all die Dinge, welche Linke und Liberale, Fortschrittsgläubige, Aufklärer und alle Emanzipationsbewegungen als Errungenschaften verbuchen. Der Westen sei zu weibisch, zu schwul, zu multikulturell geworden. Er habe seine spirituellen Quellen zugeschüttet, und seine metaphysische Gleichgültigkeit sei erschreckend. „Vom Lehrer, der die Erfolgsrezepte für Zivilisation und Komfort kennt, verwandelte sich der Westen nach und nach in einen hochnäsigen Studenten mit schlechten Noten und einer verfehlten Vorstellung von der Welt.“

Brutale Spiritualität

Ob er nur referiere oder ob er diese Positionen teile, das ließ Jerofejew damals offen; so richtig distanziert hat er sich nicht - und wenn man hier im Westen sitzt, zweitausend Kilometer von Moskau entfernt, dann hört man vielleicht nur die lautesten, die bösesten, die wütendsten Stimmen. Dass ein Priester auf die Frage, worin sich seine Spiritualität äußere, geantwortet habe: „Alle Homosexuellen in eine Stadt deportieren und dort erschießen“ - das hat neulich (in der F.A.Z. vom 15. April) die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch berichtet. Und jener Dmitri Kisseljow schafft es, in einem Interview einerseits zu sagen: „Die Gay-Kultur bei uns zu unterstützen käme einer Selbstliquidierung gleich.“ Und wenig später: „Wir haben die Rollen getauscht. Russland ist für die Freiheit des Wortes, der Westen schon nicht mehr.“

Wie populär solche Haltungen in Russland sind, lässt sich von einem deutschen Schreibtisch aus nur schwer bestimmen - auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, dass all das, was Jerofejew referiert, was Leute wie Putin und Kisseljow sagen, nur die Meinungen einer kleinen, radikalen Minderheit sind. Was man hier in Deutschland aber sehr gut hören kann, das sind die Stimmen der vielen Deutschen, die, mal teilweise, mal ganz, diese Positionen teilen. Das fängt schon an mit dem ästhetischen Unbehagen jener Liberaler, welche weder den Hass auf Homosexuelle noch das allgemeine Ressentiment gegen alles, was wie Westen und Aufklärung aussieht, diskutabel finden; und die doch in Putins trivialen Macho-Inszenierungen, in seinen Auftritten als Jäger, Flieger, Oberkommandierender vor allem die Herausforderung sehen, dem stärkere Zeichen der Entschlossenheit und Kraft entgegenzusetzen als die vorsichtigen Worte des Jean Asselborn und die leicht beleidigte Miene der Lady Ashton. Dass die Russen handeln, während in Brüssel nur palavert werde, das behagt sehr vielen Deutschen nicht.

Es geht weiter mit dem grundsätzlichen Verdacht, dass jene Härte und soldatische Männlichkeit, die uns hier angeblich fehle, nicht zu haben sei in dieser Gesellschaft, in der die Frauen, die Homosexuellen, die ethnischen Minderheiten so viel zu melden hätten. Und in welcher Sanftheit das Ziel des Umgangs miteinander, mit der Natur und mit der eigenen Schwäche sei.

Und es läuft alles auf den Befund hinaus, dass der Westen, dieses plutokratische, restlos aufgeklärte und inzwischen von den Geheimdiensten total durchleuchtete amerikanische Imperium mindestens genauso schlimm und uns Deutschen im Grunde wesensfremder sei als der Brutalismus der Russen.

Freude am Kapitalismus

Das war schon damals so, vor ein paar Jahren, als viele glaubten, die islamische Welt, die sich ja auch ihren spirituellen Quellen näher fühlt, sei die größte Herausforderung für den Westen. Wir müssen werden wie sie, wenn wir uns gegen sie behaupten wollen: stärker im Glauben und weniger anfällig für dessen Gegenteil, den Zweifel, die Skepsis, die Toleranz. Jetzt sind es die Russen, welchen, weniger in der veröffentlichten Meinung und umso deutlicher in den Leserkommentaren und den Diskussionsforen des Internets, bescheinigt wird, dass sie, irgendwie, echter und ursprünglicher, gläubiger und weniger korrumpiert von den flachen Freuden des Kapitalismus seien.

Dass wir Deutschen so empfänglich für diese Haltungen sind, für diese radikale Kritik und Ablehnung des Westens, liegt womöglich daran, dass wir nicht nur deren Adressaten sind; wir sind, gewissermaßen, auch deren Urheber - und schon deshalb lohnt es sich, in diesen Tagen mal wieder in Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu lesen, jenem Riesenessay, welcher, wegen seiner hohen Selbstreflexivität, seiner intellektuellen Skrupel und seiner sprachlichen Integrität, sehr viel besser ist als sein Ruf als böser, falscher Text. Und der doch auf dem kategorischen Gegensatz von Geist und Politik, von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, also von deutscher Kultur und westlicher Zivilisation besteht.

Es ist der Russe Dostojewskij, von dem sich Thomas Mann die Hypothese leiht, der Auftrag und die Bestimmung der Deutschen sei seit jeher das „Protestantentum“ - eine Haltung, welche beide nicht bloß theologisch verstehen. Vielmehr gehe es, seit Armin dem Cherusker, darum, Einspruch zu erheben und Widerstand zu leisten gegen den universalen Anspruch jener westlichen Welt, die Mann als „römisch“ bezeichnet, auch wenn er „das neue Kapitol“ in Washington entdeckt. Es lohnt sich, dieses Kapitel heute wieder zu lesen - aber man muss von Dostojewskij und Mann nicht allzu viel wissen, um in Wladimir Putin den Nachfolger zu sehen, den Mann, der dem Imperium entgegentritt und dessen Anspruch auf universale Gültigkeit seiner Normen und Werte als totalitär zurückweist.

Das ist der Grund, weshalb jene Rechten, denen die Homosexuellen, die Frauen und alle Minderheiten schon viel zu frech geworden sind, genauso mit Putin sympathisieren wie jene Linken, die in jeder Geste, welche sich gegen die Amerikanisierung und Globalisierung richtet, nur Befreiung und Selbstermächtigung sehen. Und nicht die brutale Aggression.

Dekadenz des Westens

Wenn aber der verdammte Konflikt, der schon viel zu viel Leid in der Ukraine angerichtet hat, trotzdem auch eine erkenntnisstiftende Wirkung haben soll, dann müsste alles damit beginnen, dass wir uns fragen, ob das alles überhaupt stimmt: dass wir hier im Westen weich und schwächlich geworden seien, verwöhnt und vom Komfort korrumpiert. Und dass dem eine andere Menschlichkeit gegenüberstehe, eine tiefere Empfindung, eine Vitalität, die sich aus reicheren Quellen speise.

Man wird, wenn man nicht völlig ideologisch verblendet ist, schnell entdecken, dass die Kritik an der Dekadenz des Westens fast so alt wie der Westen selber ist - und wenn man zurückblickt, wurde der Abstieg immer nur vorhergesagt und ist doch nicht gekommen, und ganz egal, woran man das Wohl der Menschen misst, es geht ihnen besser als je zuvor. Dass eine Politik, welche Einwanderer willkommen heißt, den Frauen die gleichen Rechte wie den Männern erkämpft und dafür sorgt, dass Minderheiten nicht benachteiligt werden, dass eine solche Politik eine Gesellschaft nicht schwächt, sondern, ganz im Gegenteil, stärker und vitaler werden lässt, das zeigt sich schon darin, dass die Motive für diese Entwicklung ja nicht bloß moralische sind. Es ist der Kapitalismus, der auf keine menschlichen Ressourcen verzichten kann. Dass dieser Kapitalismus, der aus kaltem Kalkül eine emanzipatorische Wirkung hat, aber außer Autos, Computern und Selbstkritik auch mehr Glück produziert, das legen all die Umfragen nahe, wonach kaum ein Volk unglücklicher ist als das russische.

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Und so scheint all das Gerede von der tieferen Menschlichkeit und der größeren Kraft und Vitalität, all die Spiritualität, die aber anscheinend von Nächstenliebe so wenig weiß wie von der Barmherzigkeit, nur das Opium zu sein, welches man dem Volk verabreicht, dem man keine anständigen Wohnungen bieten kann, keine Rechtssicherheit, keine Aufstiegsperspektive. Und schon gar keine neue, schöne, attraktive Idee, die mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder dem amerikanischen Traum sich nur halbwegs messen könnte.

Wer also den Umstand, dass, nur zum Beispiel, die Nationen der Europäischen Union erst eine Weile miteinander verhandeln müssen, bis ein Entschluss fällt, wer im Beharren auf Höflichkeit, Diplomatie und immer neuen Verhandlungen nur die Schwäche des Westens sieht - der verhält sich wie ein Straßengangster in Metropolis, der sich mit Clark Kent anlegt, weil er dessen Brille und die zurückhaltenden Manieren für Schwäche hält.

Wir, hier im Westen, sollten unsere Brillen mit ein bisschen mehr Selbstbewusstsein tragen.

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