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Ähnlichkeiten der Parteien : Erst der Computer löst das Suchbild

  • -Aktualisiert am

Wahlplakate von CDU und SPD Bild: Reuters

Sind die Parteien einander wirklich so ähnlich, wie es oft wirkt? Tatsächlich gibt es wesentliche Unterschiede – aber um die zu entdecken, braucht man schon ausgefuchste mathematische Verfahren und Big Data.

          Die Zeit vor der Wahl, ein Routinebetrieb, so scheint es. Die Medien zitieren fast täglich neue Umfragen, und man selbst macht sich Gedanken, wem man dieses Mal eine Stimme schenken will – oder welche Parteien man überhaupt für wählbar hält. In diesem Jahr ist die Entscheidungsfindung besonders schwer. Zum einen drängt sich dem interessierten Bürger das Gefühl auf, dass der türkische Präsident Erdogan in Deutschland engagierter für sein Referendum kämpft als die Volksparteien für die Bundestagswahl; zum anderen helfen auch die inhaltlich hochangereicherten Slogans der Parteien nur bedingt.

          Ein Ausweg soll sein: der Wahl-O-Mat, angeboten von der Bundeszentrale für politische Bildung. Dahinter steckt ein populärer Computeralgorithmus, der als Informationsangebot gedacht ist, aber auch als Entscheidungshilfe für die Wahl dienen kann. Er funktioniert leicht vereinfacht so: Die zur Wahl stehenden Parteien werden zu 38 Thesen befragt. Die Parteien dürfen zu jeder These aus drei Antworten wählen: Zustimmung, Ablehnung und Neutralität. Die Antworten der Parteien werden im Wahl-O-Mat gespeichert. Jetzt ist der Wähler dran: Er darf zu denselben Thesen ebenfalls zustimmen, ablehnen oder neutral antworten. Die Antwortkette wird mit den Antwortketten der Parteien verglichen. Übereinstimmende Antworten geben zwei Punkte, gegensätzliche Zustimmung beziehungsweise Ablehnung ergeben null Punkte. Kombinationen wie „Neutral und Ablehnung“ ergeben einen Punkt. Für jede Partei erhält man so den Prozentsatz der maximal möglichen Punkte. Diese Antwort soll Orientierung liefern, welche Partei am besten zum eigenen Meinungsbild passt.

          Sind das nur Einzelfälle?

          Mathematisch ist dieser Ansatz sehr vielversprechend. Allein: Er nützt dieses Jahr nicht viel. Denn es stimmt ja, was kürzlich bemängelt wurde (F.A.Z. vom 8. September): Wenn sich mehrere Parteiprogramme so stark ähneln, dass am Ende alle nur ein paar Prozentpunkte unterschiedlich weit von meinen Wünschen entfernt liegen, hilft die Information auch nicht recht weiter. Was nützt eine Wahlempfehlung, bei der die vier heute im Bundestag vertretenen Parteien sich gewissermaßen den ersten Platz teilen?

          Stimmabgabe : Die Bundestagswahl hat begonnen

          Zunächst stellt sich die Frage, ob die Beobachtungen der Ähnlichkeit Einzelfälle sind. Um das herauszufinden, habe ich mir den Wahl-O-Mat am eigenen Computer auf eine Weise nachgebaut, die es mir erlaubt, extrem schnell Hunderttausende Anfragen von ratsuchenden Wählern zu simulieren. Jeder dieser virtuellen Zufallswähler beantwortet die 38 Thesen, wobei er im Schnitt zehn Prozent neutrale Antworten, 45 Prozent Zustimmungen und 45 Prozent Ablehnungen zu den Thesen abliefert. Diese Antworten der Zufallswähler wurden, wie der echte Wahl-O-Mat es tut, gegen die Antworten der Parteien vermessen (allerdings nur gegen die, die auch eine realistische Chance haben, in den Bundestag zu kommen: CDU, SPD, Grüne, Linke, FDP, AfD). Wenn wir nicht nur die Partei mit dem höchsten Prozentsatz an Übereinstimmung als Sieger gelten lassen, sondern auch dicht darauf folgende Parteien (alle binnen 8 Prozentpunkten), ist das ungefähr das geschilderte Szenario. Ergebnis meiner Simulation: Für mehr als ein Drittel aller virtuellen Zufallswähler gab es mindestens vier Siegerparteien. Und das, obwohl nur die sechs genannten Parteien überhaupt getestet wurden und darin in Form von AfD und Linkspartei die rechten und linken Enden des mutmaßlich nächsten Bundestages schon enthalten waren.

          Machen wir das Experiment noch einmal, aber diesmal ohne die rechten und linken Enden: nur mit den Parteien CDU, SPD, FDP und Grüne. Dann erhalten mehr als 47 Prozent aller Zufallswähler mindestens drei Sieger – von vier Parteien. Eine Entscheidungshilfe sieht sicher anders aus. Der Wähler kann anhand der Ergebnisse nicht unterscheiden, ob er selbst politisch bunt ist oder die Parteien einen inhaltlichen Konsens bilden.

          Und doch wäre es nicht gerecht, dem Wahl-O-Mat die Schuld dafür zu geben. So vielversprechend dessen Ansatz auch sein mag: Bei seiner Entwicklung hat sich das gefühlte Zusammenwachsen der Parteien wohl niemand träumen lassen. In einer Zeit, in der die CDU die Energiewende und die „Ehe für alle“ mit durchgesetzt hat, die Spitzenkandidatin der Linkspartei äußert, dass kriminelle Flüchtlinge ihr Gastrecht „dann eben auch verwirkt“ hätten, und man beim Kanzlerduell jeden Moment erwartet, dass die Kontrahenten sich in die Arme fallen und die Fusion der Volksparteien verkünden, darf auch ein Computeralgorithmus schon mal die Orientierung verlieren.

          Ich möchte darum allen, die zwischen den gängigen Parteien beim besten Willen keine Unterschiede mehr ausmachen können, zeigen, dass es doch Unterschiede gibt. Es mag Bürgern mit nur im üblichen Maße ausgeprägtem politischem Interesse zwar schwerfallen, diese noch mit bloßem Auge zu sehen. Aber wer etwas Aufwand zu treiben bereit ist und die richtigen Hochleistungs-Messmethoden anwendet, kann doch noch etwas feststellen.

          Wir werden zwei mathematische Verfahren aus dem Arbeitsbereich „Big Data“ anschaulich machen, um wenigstens ansatzweise wieder eine Ordnung unter die Parteien zu bringen. Beide Ansätze enthalten Grundrauschen, kein Ansatz ist der Weisheit letzter Schluss, und dennoch kann man mit ihnen einen visuellen Überblick über die Parteienlandschaft erhalten, um diese besser zu durchdringen.

          Vergleich aller Parteien miteinander

          Im ersten Ansatz wollen wir die Parteienlandschaft als eine Art Landkarte darstellen. In der Informatik nennt man eine solche Landkarte einen Graphen. Graphen sind dort ein gängiges Mittel, um Orte und Verbindungen zwischen den Orten mathematisch darzustellen. Beispielsweise ist Facebook ein großer Graph. Die Orte sind hier Personen, und die Verbindungen sind Facebook-Freundschaften. Was sind nun die Verbindungen, wenn wir die Parteien als Orte nehmen?

          Das Auslesen der Antworten aller Parteien auf die Thesen ermöglicht uns, diese gegeneinander zu vergleichen. Der Vergleich erfolgt genau so, wie der Wahl-O-Mat die Partei-Antworten mit den Antworten ratsuchender Wähler vergleichen würde. Wir vergleichen jede der 32 teilnehmenden Parteien mit jeder anderen. So erhalten wir 992 potentielle Verbindungen, wobei die Prozentzahl, die beim Vergleichen nach Wahl-O-Mat-Methodik herauskommt, die Stärke einer jeden Verbindung ist. Das sind sehr viele Verbindungen, die sowohl Bild als auch Mathematik schnell unübersichtlich werden lassen. Wir nehmen daher nur die stärkere Hälfte der Verbindungen tatsächlich in unseren Graphen auf.

          Je stärker eine Verbindung ist, desto dicker zeichnen wir sie auch im Bild. Solche starken Verbindungen wirken für unser Bild außerdem wie stramme Federn – sie ziehen die durch sie stark verbundenen Parteien näher zueinander. Parteien, die verbunden und nahe beieinander sind, sind also tendenziell verwandt aus Sicht der Beantwortung der Wahl-O-Mat-Thesen.

          Man kann den Graphen sehr gut nutzen, um auch solche kleineren Parteien ungefähr zu verorten, von deren Existenz man vielleicht noch gar nichts wusste. Interessant ist auch, dass man deutlich sieht, wie sich eine sehr dichte Gruppe aus kleinen, untereinander stark verbundenen, dem Ort im Graphen nach politisch eher linksgerichteten Parteien herauskristallisiert hat. Diese Parteien sind untereinander sehr viel ähnlicher als alle restlichen Parteien untereinander, darum drängen sie sich so zusammen. Nachdem wir nun einen Überblick über die Parteienlandschaft gewonnen haben, können wir dies mit einer weiteren Visualisierung noch vertiefen. Wieder legen wir die Daten zugrunde, welche Partei zu welcher These wie abgestimmt hat. Aber jetzt wollen wir nicht nur über die Parteien etwas lernen, sondern auch über die Thesen. Die folgende Ansicht ist viel informationstragender als der Graph, aber leider ist sie dafür etwas komplexer. Ich präsentiere sie zuerst, und danach führe ich schrittweise heran (Heatmap, siehe unten).

          Der Kern der Grafik, das große rotblaue Rechteck, ist eine sogenannte Heatmap. Das ist nichts weiter als die farbliche Darstellung einer Tabelle. Die Zeilen der Tabelle sind die 38 Thesen des Wahl-O-Mats. Die Spalten sind die Parteien. Thesen sind rechts beschriftet, Parteien unten. Über dem großen Rechteck findet man bei den bekannteren Parteien noch deren Farbe. Die Heatmap stellt die Antworten der jeweiligen Parteien zu den jeweiligen Thesen dar. Rot ist Zustimmung, Blau ist Ablehnung, Grau ist Neutralität. Man kann sehr schön eine Anomalie sehen: Die Gesundheitspartei (Fünfte von links) hat überall neutral abgestimmt.

          Will man wissen, ob zwei Parteien einander, was die Beantwortung der Wahl-O-Mat-Thesen angeht, nah oder fern sind, so muss man auf die baumartige Verwandtschaftsstruktur über der Tabelle schauen. Diese wurde algorithmisch und darum unvoreingenommen und ohne Ansehen der Parteien anhand der Ähnlichkeit der Partei-Antworten auf die Thesen ermittelt. Wir betrachten ein paar Beispiele:

          Der politische Weg von der NPD zu „Die Rechte“ ist sehr kurz. Wir sehen das daran, dass diese beiden Parteien durch dieselbe, hierarchisch an unterster Stelle stehende Verästelung verbunden werden. Der politische Weg von „Die Rechte“ zur AfD ist immer noch sehr kurz, aber schon etwas länger. Man muss eine Verästelungsebene höher im Baum laufen, um seinen Weg zu gehen. Der politische Weg von den Grünen zur AfD ist dagegen, wer hätte das geahnt, sehr weit. Man muss von einer der beiden Parteien ganz bis zur Wurzel des Verwandtschaftsbaumes laufen, um zur anderen zu kommen. Mehr Abstand gibt das politische Spektrum kaum her. CDU und SPD sind übrigens sehr nah beieinander.

          Der Partei-Verwandtschaftsbaum bestimmt die Ordnung der Spalten. Die Parteien sind also – wenn auch grob – nach Ähnlichkeit geordnet.

          Linke Herzensangelegenheiten schlagen rot

          Das Besondere ist aber, dass wir nicht nur etwas über das Verhältnis der Parteien zueinander lernen können, sondern umgekehrt auch etwas über das Verhältnis der Thesen zueinander. Thesen sind dann verwandt miteinander, wenn sie ungefähr dasselbe Abstimmungsverhalten über die Parteien hinweg erzeugen. Auf der linken Seite des Bildes findet sich darum noch ein weiterer Verwandtschaftsbaum – jener der Thesen. Und auch die Thesen sind grob nach Ähnlichkeit geordnet.

          Eines der Resultate dieser Doppelordnung ist das riesige rote Rechteck oben links in der Heatmap. Erinnerung: Rot war die Zustimmung einer Partei zu einer These. Bei der oberen Hälfte der Thesen beziehungsweise dem oberen Hauptast des Thesen-Verwandtschaftsbaumes scheint es sich primär um linke Herzensangelegenheiten zu handeln. Ein kurzer Blick über die Namen der Thesen spricht ebenfalls dafür. Politisch hier vom Algorithmus eher links verortete Parteien befürworten fast übergreifend die doppelte Staatsbürgerschaft, Dieselbesteuerung, Tempolimit, das bedingungslose Grundeinkommen, einen Schuldenschnitt für Griechenland, das ausnahmslose Verbot von Rüstungsexporten, die Vermögensteuer, Projekte gegen Rechtsextremismus, sozialen Wohnungsbau und noch ein paar andere Sachen.

          Die Ordnung von Thesen und Parteien nach Ähnlichkeit eignet sich auch ganz wunderbar zur visuellen Ausreißersuche. Das geht besonders gut in homogenen Gebieten der Heatmap. Es bietet sich beispielsweise an, in dem roten Rechteck der linken Herzensthemen und Parteien nach vereinzelten blauen Punkten zu suchen. So sind zum Beispiel ausgerechnet die Grünen gegen ein ausnahmsloses Exportverbot von Rüstungsgütern (der Fairness halber: Nicht alle Thesen sind gut mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten! Die Website des Wahl-O-Maten stellt Begründungen der Parteien zu ihren Antworten zur Verfügung).

          Unterschiede sind messbar

          Die Grünen sind auch gegen den vorgezogenen Renteneintritt als eine der ganz wenigen unter anhand ihrer Thesenantworten links verorteten Parteien. Die Piraten sind gegen generelle Tempolimits, was fast schon zu schön dem Klischee einer Partei mit eher jüngeren Mitgliedern entspricht. Die anderen Parteien sind insgesamt weniger homogen in ihrem Antwortverhalten, darum können wir bei ihnen rein visuell weniger gut Ausreißer finden. Ich möchte dem Leser aber auch noch Raum zum Selbstforschen lassen, deshalb nun zurück zur eigentlichen Botschaft.

          Wir haben die Funktionsweise des Wahl-O-Maten kennengelernt. Wir haben gesehen, dass es dort für sehr viele Wähler den Anschein haben kann, als würden sich die Positionen der Parteien im politischen Spektrum gar nicht mehr groß unterscheiden – eine Beobachtung, die sich dem unbedarften Bürger freilich auch unabhängig vom Wahl-O-Maten aufdrängen kann.

          Die Kritiker der Parteienlandschaft sind nun widerlegt, und zwar durch zwei verschiedene Ansätze: Allen Unkenrufen zum Trotz sind tatsächlich noch politische Richtungen und Unterschiede zwischen den Parteien messbar, auch wenn es auf Anhieb nicht so aussieht. Und die politische Landschaft gliedert sich dann auch ungefähr so, wie man es erwartet.

          Was es allerdings über unsere Demokratie aussagt, dass man für diesen Nachweis Computerpower und mathematische Methoden aus dem Umfeld der Künstlichen Intelligenz benötigt, ist eine andere Frage.

          David Kriesel ist Informatiker und arbeitet hauptberuflich daran, Wissen aus größeren Datenmengen zu gewinnen.

          Grafiken: David Kriesel / Bearbeitung: Bernd Helfert

          Quelle: F.A.Z.

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