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Videobeweis im Fußball : Die Stadien der Überwachung

Foul oder nicht Foul? Bild: dpa

Die Kameras haben alles gesehen – und trotzdem kann keiner sagen, was geschehen ist. Der Videobeweis im Fußball zeigt genau wie die Bilder der Überwachungskameras, dass man nur sieht, was man will.

          Heftig ist diskutiert worden über die Dystopien des Überwachungsstaates, über Kameras zur Erprobung der automatischen Gesichtserkennung, über die Ausweitung der Befugnisse zur visuellen und akustischen Überwachung an allen möglichen öffentlichen Orten. Was dabei übersehen wird: Es gibt schon seit Jahren das Modell eines lückenlos überwachten öffentlichen Raums. Das Fußballstadion. Mindestens 38 Kameras waren während der Europameisterschaft 2016 in Frankreich bei jedem Spiel im Einsatz, 16 bis 22 sind es bei jedem Bundesligaspiel, das der Bezahlsender Sky überträgt. Dazu kommen die Überwachungskameras der Polizei: Auf den Monitoren in der Einsatzzentrale sind während eines normalen Bundesligaspiels die Bilder von mehr als 40 Überwachungskameras im Stadion abrufbar.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Alles ist tendenziell sichtbar geworden, alles scheint beweisbar: der Tritt des Stürmers wie das heimliche Textilvergehen, der Hitlergruß des Fans und die Physiognomie des Mannes, der die Pyros zündet. Man kann nun vom „gläsernen Fußball“ reden oder über die Grenzen der Transparenz sinnieren, man kann die mediale Durchdringung des Fußballs beklagen im selben Atemzug wie die Kommerzialisierung nach den Imperativen des globalisierten Kapitalismus. Das ist alles nicht falsch, so wie auch die Behauptung zutrifft, das Fernsehen habe unsere Wahrnehmung des Fußballs verändert und damit auch schon diesen selbst.

          Es ist nur merkwürdig, wie selten all das auftaucht in den Debatten über ein Phänomen, das seit dem Beginn der Bundesligasaison 2017/18 im Wochenrhythmus für Erregung sorgt. Müsste man nicht, jenseits der Aufregung über den Einzelfall, gerade aus den Problemen des Videobeweises im Fußball auch etwas über die Aporien der Videoüberwachung im Allgemeinen, über die Beweiskraft von Bildern und die Krise der Evidenz erfahren?

          Im Überwachungsraum der Bundesliga, Köln
          Im Überwachungsraum der Bundesliga, Köln : Bild: Picture-Alliance

          Erst die mediale Aufrüstung des Fußballs hat ja die technischen Voraussetzungen für den Videobeweis geschaffen. Mit der Technologie entstand die Überzeugung, auf diesem Wege Objektivität und somit mehr Gerechtigkeit herstellen zu können. Der öffentliche Diskurs stützte die Annahme, mit dem Videobeweis über ein verlässliches Instrument der Erkenntnis zu verfügen. Denn Evidenz als das dem Augenschein nach unbezweifelbar Erkennbare hat, so der Kunsthistoriker Peter Geimer, einerseits zwar ihren Ort im Bild, „aber sie ist immer auch woanders: in der Bildlegende, die dem Blick eine Richtung vorgibt; in der Autorität einer Instanz, die das Bild produziert hat; in den Funktionen der Technik, auf der seine Herstellung beruht“.

          Das beschreibt genau, worauf auch der Evidenzanspruch des Videobeweises im Fußball beruht. Erfahrungen aus anderen Feldern zeigen jedoch, was passiert, wenn die Gewissheit porös wird, wenn die Autorität einer Instanz und die Glaubwürdigkeit einer Technik schwinden. In der Verkehrsüberwachung zum Beispiel begann in den siebziger Jahren die Krise der Standfotos, wie der Kulturwissenschaftler Dietmar Kammerer in einem lesenswerten Aufsatz über „Die Anfänge von Videoüberwachung in Deutschland“ (auf www.zeitgeschichte-online.de) rekonstruiert hat. Wachsende Skepsis gegenüber der Eindeutigkeit und damit der Beweiskraft der Bilder führte dazu, dass Bewegtbilder von Verkehrsdelikten statt Fotos eingesetzt wurden.

          Wohin die Reise im Fußball gehen würde, das hat, nicht überraschend, der Künstler und Filmemacher Harun Farocki 2007 mit seiner Videoinstallation „Deep Play“ antizipiert. Auf zwölf Plasmabildschirmen waren da verschiedene Ansichten des Endspiels der Weltmeisterschaft 2006 zu sehen, die zum Teil auf Analyse- und Bildbearbeitungsverfahren zurückgriffen. Das Bild der Überwachungskamera im U-Bahnhof stand da neben Bewegungsdiagrammen oder Vektorvermessungen der Spielerkörper, die Zidane und Materazzi beim Kopfstoß in lauter kleine, flimmernde rote Pfeile auflösten.

          Farockis Installation hatte ihre eigene Dialektik: Sie erschloss ein Potential und stellte es zugleich in Frage. Sie demonstrierte, dass auch der Fußball, der gern naiv-romantisch als Ort der Spontaneität und Intuition verklärt wird, sich wissenschaftlichen Analysen nicht entziehen kann; und dass die Anwendung dieser Verfahren das Spiel selbst verändern würde. Der 2014 verstorbene Farocki, dessen ganzes Werk eine Reflexion über die gesellschaftliche Produktion von Bildern und damit auch über die Matrix ist, die das Apriori unserer Wahrnehmung bildet, wählte den Fußball ja nicht nur, weil er selbst ein leidenschaftlicher Spieler war. Sondern weil Fußball ein System darstellt, das einem klaren Regelwerk in einem überschaubaren Raum folgt und zugleich einen hohen Anteil an Emergenz und Fehleranfälligkeit aufweist – ganz ähnlich wie der Straßenverkehr.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Auf diese Eigenschaften setzt auch die Annahme, der Videobeweis könne für mehr Gerechtigkeit sorgen durch die Vielzahl der Beobachtungsperspektiven und die Eindeutigkeit der Bilder. Das Verfahren, anhand des aufgezeichneten Bildmaterials während des Spiels strittige Situationen zu überprüfen, beansprucht eine Evidenz für sich, die den bloßen Augenschein des Schiedsrichters überbietet. Zugleich aber weiß jeder Zuschauer aus den Fernsehbildern der letzten Jahrzehnte, dass die Eindeutigkeit des Bildmaterials eine hübsche Fiktion ist. Die Beweiskraft war also von vornherein fragwürdig, weil Evidenz eben immer von der Deutung der Bilder abhängt. Ganz abgesehen davon, dass die Mehrfachbetrachtung bei verlangsamter Bildgeschwindigkeit im Studio andere „Einsichten“ erlaubt als der Zwang zur schnellen Entscheidung, unter dem der Schiedsrichter auf dem Rasen steht.

          Paradox könnte man daher formulieren, dass eine Einführung des Videobeweises überhaupt nur aussichtsreich und sinnvoll gewesen wäre, als sich die Digitalisierung samt einschlägiger Analyse- und Bildbearbeitungsverfahren noch im Frühstadium befanden, als den digitalen Bildern noch mehr Überzeugungskraft zugeschrieben wurde. Heute ist zwar das Bedürfnis nach Evidenz nicht verschwunden, aber es wird von einer profunden Skepsis und einem kollektiven Wissen um die Möglichkeiten der Manipulation von Bildern perforiert.

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          Das Problem des Videobeweises liegt also nicht darin, ob die Zahl der „Ungerechtigkeiten“ und „Fehlentscheidungen“ zugenommen hat oder nicht. Über den Zeitraum einer Saison, das ist statistisch wahrscheinlich, dürfte sich das „Unrecht“ gleichmäßig verteilen. Das zeigen schon jetzt die von frustrierten Fans erstellten imaginären Tabellen im Internet, die festhalten wollen, wer bei ausschließlich „richtigen“ Videoentscheidungen auf welchem Platz stünde. Das Verfahren funktioniert ja, wo es Messgenauigkeit gibt, bei Abseits und bei der Frage, ob ein Ball die Aus- oder Torlinie überschritten hat. Wo es notorisch eng wird, also bei Zweifeln an der Korrektheit eines Tors, beim Verhängen und Verweigern eines Elfmeters oder einer Roten Karte, hilft es dagegen allenfalls punktuell weiter. Hier muss die Zahl der aufgehobenen Fehlurteile konkurrieren mit neuen Deutungsproblemen.

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          Und mitunter öffnen sich dann auch mitten im Geschehen Abgründe, die das ganze Verfahren zu verschlingen drohen. Am Samstag vor einer Woche, beim Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Schalke 04, erkannte der Schiedsrichter nach einem Foul im Schalker Strafraum (das auch nach Ansicht der Szene in Zeitlupe ein Foul bleiben sollte) auf Elfmeter. Sofort meldete sich der VAR, der Video Assistant Referee, per Funk beim Schiedsrichter. Der VAR sezierte die verfügbaren Bilder, der Schiedsrichter studierte sie auf der Videovorrichtung am Spielfeldrand, und dann geschah etwas Seltsames. Er begab sich an einen Ort, an dem niemand ihn erwartet hatte: an die Torauslinie zwischen Eckfahne und Strafraumlinie. Dort hatte er unmittelbar vor dem elfmeterreifen Foul die Aktion eines Gladbachers gegen einen Schalker eben nicht als Foul gewertet. Weil der VAR jedoch ein Foul „sah“ und der Schiedsrichter als letzte Instanz das „einsah“, wurde die Elfmeterentscheidung zurückgenommen.

          Denkt man über die Implikationen dieser Entscheidung nach, lauern da philosophische Grundsatzfragen. Kann eine Entscheidung (gegen ein Foul) so eindeutig falsch sein, dass sie eine fraglos richtige Entscheidung (auf Elfmeter) entwertet? Die Experten waren in der Beurteilung der Situation uneinig. Man muss hier eher einen infiniten Regress befürchten, weil sich in künftigen Fällen die Kausalkette prinzipiell noch verlängern ließe. Hätte, rein hypothetisch, dann nicht auch ein falscher Einwurf, der dem ungeahndeten (Nicht-)Foul an der Torauslinie vorausgegangen wäre, als Begründung für eine Revision herangezogen werden können? Man ist da schnell bei Lothar Matthäus, bei „Wäre, wäre, Fahrradkette“. Und es liegt in der Struktur des Videobeweises, dass er mehr Evidenz nicht produzieren kann.

          Es hilft im Übrigen wenig, wenn der ehemalige Schiedsrichter Bernd Heynemann die Kölner Videozentrale „Darkroom“ nennt, auch wenn sich das amüsant anhört. Denn dass im Dunkeln nun besser manipuliert werden könnte, weil der Chef im Kontrollraum bestimmt, welche Situationen zu den vom Regelwerk definierten Fällen gehören, ist angesichts der Entscheidungsfolgen fraglich. Die Vertrauenswürdigkeit des Verfahrens versteht sich eben nicht mehr von selbst. Dafür ist zumindest der Systemzweifel generalisiert. Würde er herausgefordert von dubiosen Aktivitäten der Männer im „Darkroom“, er würde sich vehement Luft verschaffen.

          Und so führt der Videobeweis im Fußball zu ähnlichen Fragen wie in der Überwachungsdiskussion: Was wird für wen wie sichtbar, beweisbar oder nachvollziehbar? Welches Verhalten, welche Bewegungen, welche Mimik verraten wem mit welcher Beweiskraft den potentiellen Täter? Woher rührt die Evidenz, dass eine Straftat oder Regelverletzung vorliegt? Welche Kameraperspektive zeigt die „Wahrheit“? Bei wem liegt die Deutungshoheit?

          Auch die beliebte Innenministerthese, Prävention rechtfertige die Anwendung von immer mehr Kameras, findet im Fußball keinen Beleg. Schon die seit Jahren existierende Möglichkeit der nachträglichen Ahndung von dem Schiedsrichter entgangenen Fouls durch einen visuellen Beweis hat keinerlei abschreckende Wirkung gehabt. Weder werden weniger Fouls begangen noch wird weniger gegen Entscheidungen des Schiedsrichters protestiert. Die vielen Kameras waren ja auch alle schon da, bevor es den Videobeweis gab.

          Die Krise der Evidenz haben sie nicht überwunden. Sie haben sie eher verschärft, weil die Vervielfältigung des Bildmaterials die Zweifel und die Deutungsspielräume erweitert hat. Auch an der Schnittstelle von Stadion und Außenwelt, an der polizeiliche Überwachungskameras das Geschehen auf den Tribünen und rund ums Stadion erfassen, ist das Verhältnis von Aufwand und Ertrag nicht günstiger als an anderen öffentlichen Orten mit vielen Kameras. Und es ist fraglich, ob sich das durch die sogenannten Superkameras ändern würde, die es ermöglichen, auch vermummte Täter durch die Nutzung von Bewegungsdaten zu identifizieren. Noch untersagt der Datenschutz deren Verwendung.

          Soll man deshalb nun für die Beibehaltung oder für die zügige Abschaffung des Videobeweises plädieren? Das ist die falsche Frage. Fußballinstitutionen wie die Fifa oder der DFB werden sich nicht einfach von dieser Simulation von Objektivität verabschieden können, weil das ihre Autorität untergrübe. Sowenig wie sich staatliche Datensammler je mit ihren stetig erweiterten Befugnissen zufriedengeben werden. Der Schalker Trainer Domenico Tedesco hat dazu beiläufig etwas Kluges gesagt: „Das ist im Grunde wie ein Deutschaufsatz, es liegt im Auge des Betrachters, nicht wie bei Mathe.“ Natürlich werden weiterhin Deutschaufsätze benotet und Daten und Metadaten interpretiert werden. Objektivität bleibt im gesamten Überwachungsdiskurs eine Restgröße.

          Quelle: F.A.S.

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