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Der Vergleich des Fürsten Hans-Adam II. Ein Mann dreht durch

11.09.2008 ·  Er habe „schon drei Deutsche Reiche überlebt“ und hoffe, „auch noch ein viertes zu überleben“, schrieb der Liechtensteiner Monarch in einem Brief an den Leiter des Jüdischen Museums in Berlin. Die Selbstkostümierung als Opfer ist kein Einzelfall.

Von Niklas Maak
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Ein Mann dreht durch: Anders kann man kaum beschreiben, was passiert sein muss, als Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein in einem Brief an den früheren amerikanischen Finanzminister und jetzigen Leiter des Jüdischen Museums in Berlin, Michael Blumenthal, Deutschland als „viertes Reich“ bezeichnete, das „je länger, desto weniger geneigt ist, sich an den Grundprinzipien des internationalen Völkerrechts zu orientieren“. Er habe „schon drei Deutsche Reiche überlebt“ und hoffe, „auch noch ein viertes zu überleben“, schrieb der Monarch laut einem Bericht des Schweizer „Tages-Anzeiger“.

Was war der Anlass dieser Tirade? Blumenthal hatte Hans-Adam II. gebeten, dem Museum für die Ausstellung „Raub und Restitution“ ein Werk des niederländischen Porträtmalers Frans Hals zu leihen, das der Fürst auf einer Auktion in New York erworben hatte. Das lehnte dieser ab, weil Deutschland sich in einer anderen Sache geweigert hatte, dem Fürsten ein von ihm beanspruchtes Gemälde auszuhändigen. Dazu erboste den Fürsten die Art, wie der große Steuerhinterziehungsskandal aufgedeckt worden ist.

Eine fast pathologische Selbstwahrnehmung als Opfer

Man könnte den Brief an Blumenthal, der mit der Misere des Fürsten nichts zu tun hat, als verbalen Amoklauf eines gereizten, von komplettem Realitätsverlust geplagten Hochadeligen abtun, wenn sich in dem Schreiben nicht ein eigenartiges Symptom abbilden würde: Es ist schon eine erlesene Geschmacklosigkeit, ausgerechnet Blumenthal, der als Dreizehnjähriger vor den Nationalsozialisten fliehen musste, im Kostüm eines potentiellen Opfers des „vierten Reichs“ entgegenzutreten, das er „zu überleben hofft“, als seien sein und Blumenthals Lebensweg von vergleichbaren Bedrohungen geprägt gewesen. Mit dieser fast pathologischen Selbstwahrnehmung als Opfer treten zurzeit nicht nur verwirrte Fürsten an die jüdische Gemeinde heran.

Auch unter deutschen Museumsleitern und Kunsthändlern tendiert eine Fraktion dazu, sich - im Streit um die Rückgabe von Raubkunst an jüdische Erben - allen Ernstes als Opfer geldgieriger Anwälte zu empfinden, die deutsche Museen leer räumten und so die „Lebensleistung“ einer Generation von deutschen Kunsthistorikern desavouieren wollten, die die verfemte Moderne nach dem Krieg wieder in die Museen gebracht habe. So schnell sind diejenigen, die äußerst problematische Versäumnisse bei der Aufarbeitung der Provenienz ihrer Werke zu verzeichnen haben, weg von der Anklagebank und mit auf der Opferseite. Und anders als im Fall des Fürsten stehen hinter dieser turbulenten Selbstkostümierung als Opfer keine kryptopathologischen Motive, sondern handfeste kommerzielle Interessen.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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