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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.07.2013, 12:36 Uhr

Der Soziologe Ulrich Beck im Gespräch Digitaler Weltstaat oder digitaler Humanismus?

Wir brauchen weltweite Normen gegen die neuen Kontrollmonopole: Ein Gespräch mit dem Soziologen Ulrich Beck über die unsichtbare Katastrophe und die Notwendigkeit einer Whistleblower-Gewerkschaft.

© Julia Zimmermann Für einen neuen Kosmopolitismus der Werte und Rechtsnormen: der Soziologe Ulrich Beck

Herr Beck, Sie sagen, es gibt ein neues digitales Kapitel in der Weltrisikogesellschaft. Wie meinen Sie das?

Ulrich Beck: In den vergangenen Jahrzehnten haben wir eine Reihe von weltöffentlichen Risiken kennengelernt: das Kernkraftrisiko, das Finanzrisiko, der 11. September und der Terror - und nun das digitale, globale Freiheitsrisiko. In gewisser Weise sind alle diese Risiken Teil einer technologischen Entwicklung. Sie sind auch Teil von Befürchtungen, die man während der Modernisierungsphase dieser neuen Technologie jeweils geäußert hatte. Plötzlich aber kommt es zu einem Ereignis, an dem diese Risiken weltöffentlich zum Problem wird, so wie jetzt beim Freiheitsrisiko.

Sie denken an die Enthüllungen durch Edward Snowden.

Ja. Beim Kernkraftrisiko haben die Reaktorunfälle in Tschernobyl und später in Fukushima öffentliche Diskussionen angestoßen. Beim digitalen Freiheitsrisiko haben wir es aber mit einer ganz anderen Logik zu tun: Hier war nicht der Katastrophenfall ausschlaggebend, denn die Katastrophe wäre ja die durchgesetzte Kontrollhegemonie auf globaler Ebene - das heißt eigentlich das Verschwinden des Risikos im Selbstverständnis des durchgesetzten Informationsmonopols.

Sie meinen also, die Katastrophe wäre eingetreten, aber niemand hätte es bemerkt, weil es niemand bemerken konnte. Das wäre es dann auch, was das Freiheitsrisiko strukturell von den anderen Risiken unterscheidet.

Richtig, die Katastrophe wäre der Fall, in dem das Katastrophale als solches gar nicht mehr erkennbar ist. In unserem Fall wurde die mögliche Katastrophe nur dadurch bewusst, dass ein einzelner Geheimdienstexperte der Vereinigten Staaten mit den Mitteln der Informationskontrolle selbst das Risiko weltöffenttlich sichtbar gemacht hat. Das bedeutet eine völlige Umkehrung der Verhältnisse.

Was bedeutet das für das Risikobewusstsein des Einzelnen?

Es macht das Risikobewusstsein äußerst fragil, weil es sich nicht, wie bei den anderen globalen Risiken, auf eine physisch und real in Raum und Zeit existierende Katastrophe hin orientiert, daraus hervorgeht und immer wieder darauf bezogen wird. Es bricht ja eigentlich nur die vorhandene Selbstverständlichkeit plötzlich auf, das fast zur Zweiten-Natur-Werdende der Kontrollmöglichkeiten der modernen Informationssysteme. Durch dieses Sichtbarmachen stößt es aber immer wieder auch auf Widerstände. Man kann das nochmal in einer anderen Weise klar machen: Zunächst haben alle globalen Risiken einige Merkmale gemeinsam.

Welche?

Alle machen auf die eine oder andere Weise die globale Interdependenz alltäglich erfahrbar. Alle sind in einem besonderen Sinne global, das heißt, sie beruhen nicht auf räumlich, zeitlich und sozial begrenzten Unfällen, sondern auf räumlich, zeitlich und sozial entgrenzten Katastrophen. Und alle sind Nebenfolgen der Erfolge der Modernisierung, die rückwirkend die bisherigen Institutionen der Modernisierung in Frage stellen. Im Falle des Freiheitsrisikos sind das die nationalstaatlichen Kontrollmöglichkeiten der Demokratie, in den anderen Fällen die Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Versicherungsschutz und so weiter. Außerdem haben alle diese Risiken gemeinsam, dass sie sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.

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