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Veröffentlicht: 10.07.2014, 12:53 Uhr

Zukunft im Nahen Osten Wir müssen Israel aus seiner Lebenslüge wecken

Ich habe die Familie des ermordeten palästinensischen Jungen besucht und weiß nun, dass der Zeitpunkt für eine moralische Revolution gekommen ist. So darf es nicht weitergehen.

von Nir Baram
© REUTERS Gibt es einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt? Ein maskierter Palästinenser beobachtet die Beerdigung von Mohammed Abu Chedir in Shuafat

Ich stehe im Trauerzelt der Familie Abu Chedir. Die Leiche ihres Sohnes Mohammed, ermordet von jüdischen Siedlern, die ihn bei lebendigem Leib verbrannt haben, wurde vor wenigen Tagen gefunden. Ich bin nicht allein an diesem Ort. Politiker aller Parteien sind ebenfalls gekommen. Sie stellen sich in die Mitte des Zeltes neben Mohammeds Vater auf, der unendlich müde wirkt, und halten laute Reden in die vielen Kameras ringsherum. Mein Blick fällt auf drei Jugendliche, die am Rand des Zeltes neben einem bunten Vorhang sitzen und aussehen, als langweilten sie sich. Sie haben die erloschene Zigarette in meiner Hand gesehen – es ist Ramadan, und man darf hier nicht rauchen. Da zeigen sie mir einen Bereich hinter dem Vorhang, wo heimlich doch geraucht wird. Ich setze mich zu den Jugendlichen.

Einer von ihnen ist Taha Abu Chedir, der Cousin des ermordeten Mohammed. Die anderen sind seine Freunde, Mustafa und Suliman. Sie sind achtzehn und arbeiten in einer Elektrowerkstatt. Wir unterhalten uns in einem Mischmasch aus Englisch, Hebräisch und Arabisch. Ich erzähle ihnen, dass meine Großeltern aus Syrien und aus Ägypten stammen und fließend Arabisch sprachen und ich erst jetzt, mit achtunddreißig Jahren, die Sprache lerne. Sie tippen Sätze auf Arabisch in ihr iPhone, lassen sie über Google ins Hebräische übersetzen und zeigen mir das Ergebnis. Wir sprechen über die Mörder von Mohammed, und sie tippen in ihr iPhone, dass sie fordern, „dass auch ihre Häuser zerstört werden, gerade so, wie es bei palästinensischen Mördern geschieht“.

Wir sprechen über Mohammed, mit dem sie in der Nacht seiner Entführung verabredet waren. Er sei strebsam gewesen und gutherzig, sagen sie. Sie fragen, wo ich arbeite. „Ich schreibe Bücher.“ Sie wollen Beweise sehen. Zu viert sitzen wir über dem iPhone, und ich zeige ihnen Zeitungsartikel über mich. Ich erzähle ihnen, dass ich hier in Schoafat Mütter getroffen habe, die Angst hätten, dass ihren Kindern etwas zustoße. „Habt ihr Angst?“, frage ich Taha, Mustafa und Suliman. „Wir haben Angst vor gar nichts“, antworten sie.

Reaktion auf das Morden

Dann werde ich Mohammeds Vater vorgestellt. Ich sage ihm, wie sehr ich mit ihm fühle und dass ich große Scham empfinde. Er fragt mich, ob ich die Fotos gesehen habe. Ich blicke in seine hellen, vom Weinen geröteten Augen und weiß, dass ich kaum etwas sagen kann. Weil es doch nur Worte sind, er hat schon so viele Worte gehört. Aber einen solchen Verlust, wie ihn dieser Vater erlitten hat, der sich immer wieder vorstellt, wie die letzten Momente seines Sohnes gewesen sind, als er bei lebendigem Leib verbrannt wurde – dafür gibt es eben keine Worte. Ratlos, traurig und beschämt gehe ich zurück zu den Jugendlichen. Wir sprechen über Fußball, die Weltmeisterschaft, die für uns so langweilig geworden ist. Ich habe Taha, Mustafa und Suliman fotografiert. Wir haben uns gemeinsam fotografiert. In ihrer Gegenwart wird mir etwas leichter ums Herz.

Als ich den Stadtteil Schoafat im östlichen Jerusalem verlasse, komme ich an der niedergebrannten Bahnstation vorbei. Daneben stehen Leute vor einem Laden, der Süßigkeiten verkauft. Da denke ich mir, wie seltsam das ist: Ein gewaltsamer Konflikt, zwei Meter weiter sieht man davon keine Spur.

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