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Zukunft im Nahen Osten : Wir müssen Israel aus seiner Lebenslüge wecken

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Mehr als das Predigen von zwei Staaten und die Unterstützung neuer vergeblicher Verhandlungen unter amerikanischen Vermittlung wäre es zu dieser Stunde die eigentliche Aufgabe der Linken, die jüdische Bevölkerung aus ihrer Lebenslüge zu wecken. Dass sie gar nicht in einer Gesellschaft leben müssen, in der von Juden gegen Nichtjuden, Juden gegen Palästinenser, Juden gegen „Gojim“ gesprochen wird. Dieses vergiftete Denken hat uns lange geformt, jetzt müssen wir dagegen ankämpfen. Zweistaatlichkeit wird den Rassismus nicht beenden. Die israelische Gesellschaft braucht eine grundlegende Revolution ihrer Werte.

Stunde der Entscheidung?

Am Dienstagabend heulen in Tel Aviv die Sirenen. Unser Wohnhaus am Rabinplatz hat keinen Bunker, also stehen wir alle im Treppenhaus. Zwei Männer, die ihre Babys im Arm halten, zwei ältere Damen und ich. „Wo sind die anderen Nachbarn, was für eine Enttäuschung“, sagt einer der Männer, und wir lachen. Nach wenigen Minuten dringt ein dumpfer Laut zu uns herein, die Stadt wird mit Raketen beschossen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir uns hier versammeln. Zurück in der Wohnung, lese ich einen Artikel der Studentin Abeer Ayyoub, die in Gaza-Stadt lebt: „Es ist der erste Angriff, den meine beide kleinen Nichten erleben. Sie sind nicht einmal drei Jahre alt, und es gibt nichts, was ich tun kann, um sie zu beruhigen. Wenn die Bomben fallen, weinen sie. Ich kann sie dann nur umarmen und sagen: Das ist doch nur Feuerwerk.“

Israel hat den Gazastreifen wieder angegriffen. Die Hamas beschießt die Städte im Süden, die in den vergangenen Jahren schon so viel abbekommen haben, und auch die Städte im Zentrum wie Tel Aviv und Jerusalem. Israel schießt zurück. Wieder gibt es Militäroperationen, wieder Schießereien, wieder Tod und furchtbares Leid. Überall dieselbe stereotype Militärsprache, in der von Zielen, Bewaffneten und Feuer die Rede ist. Es gibt nichts Neues daran, es ist dasselbe Stück, das hier seit Jahren aufgeführt wird; jede militärische Operation beginnt und endet immer am selben Punkt. Ein Teufelskreis der Operationen und der Routine.

Am Dienstagabend sehe ich zusammen mit einem ausländischen Schriftsteller das Spiel Deutschland–Brasilien. Wir staunen. Und es erinnert mich an den zehnten Gesang von Dantes „Inferno“. Dante und Vergil gehen darin durch brennende Särge. Dante bittet darum, einen Toten sprechen zu dürfen. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, als Farinata sich aus einem der Särge aufrichtet und ihn anredet. Als er von Dantes Vorfahren hört, sagt er: „Furchtbare Gegner waren sie meinen Ahnen, mir und meinem Teil, und zweimal drum vertrieb ich sie in Scharen.“ Dante, der das Geschehen nach Farinatas Tod selbst miterlebt hatte, antwortet: „Wenn auch vertrieben, kehrten sie in Eil’ zweimal zurück aus jeder Gegend.“ In einem scheinbar unendlichen Kreislauf aus Kriegen, Rache und Vergeltung wird jeder Sieger irgendwann besiegt, und jeder Verlierer wird irgendwann siegen. Das Einzige aber, das gewiss bleibt, sind die Toten, die zu beklagen sind.

Immer nur von Rache zu Rache, von Operation zu Operation – wir leben in wachsender Hoffnungslosigkeit, ohne ein Bild von der Zukunft. Niemand in Israel kann sich vorzustellen, wie das Land in zwanzig Jahren aussehen mag – es macht zu viel Angst. In aufrichtigen Augenblicken gestehe ich mir ein, dass auch ich die Chance, dass es irgendwann anders werden wird, bezweifele. Es gibt Gründe für diese Verzweiflung. Aber wir müssen daran glauben, dass eine Änderung unserer Gesellschaft möglich ist. Wir haben keine Zeit mehr zu jammern und keine Zeit dafür, diese Kultur des „Schießens und Weinens“ der Linken fortzusetzen. Auch wenn dies von den besten israelischen Schriftstellern, Filmemachern und Intellektuellen erfolgreich weltweit vermarktet wird. Die Zeit, „zu schießen und zu weinen“, ist vorbei. Wir brauchen jetzt einen politischen Plan, der den Kampf gegen Rassismus mit einer Zukunftsvision verbindet, die für ein gemeinsames Leben und Gleichberechtigung statt Trennung und Abgeschiedenheit steht.

Ich kann mich keiner Zeit erinnern, in der so viele Israelis so verzweifelt gewesen sind wie heute. Meine Generation hat den Glauben daran fast schon verloren, die eigene Zukunft gestalten zu können. Aber wir sind entschlossen zu handeln. Und es kann sein, dass jetzt die entscheidende Stunde gekommen ist.

Nir Baram

Der Schriftsteller Nir Baram, 1976 in Jerusalem geboren, setzt sich seit Jahren für die Gleichberechtigung der Palästinenser und für Frieden in Israel ein.

Auf Deutsch erschien von Baram 2012 der Roman „Gute Leute“ im Hanser Verlag. Sein neuer Roman „Der Schatten der Welt“ wird 2015 erwartet.

Aus dem Hebräischen von Alexandra Belopolsky.

Quelle: F.A.Z.

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