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Zukunft im Nahen Osten : Wir müssen Israel aus seiner Lebenslüge wecken

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Die Menge glaubt an die propagierte Kluft

Diese falsche moralische Überlegenheit erreichte ihren Höhepunkt in den Tagen nach der Ermordung von Mohammed Abu Chedir. Zu diesem Zeitpunkt waren die Mörder des Jugendlichen noch unbekannt. Dass es nicht sein könne, dass die grausame Tat von Juden verübt worden sei, glaubten die Menschen. Dass „Juden nicht auf so eine grausame Art töten“, sagten die Politiker. Die schlichte Wahrheit ist, dass sich Juden darin von anderen Völkern nicht unterscheiden. Auch Juden verüben grausame Morde, und wir müssen endlich bereit sein, diese Tatsache anzuerkennen. Stattdessen lassen wir uns in Israel von einer mythischen Stimmung einfangen, von einer mythologischen Moral, und versinken immer tiefer in diesen Sumpf der falschen moralischen Überlegenheit. Das brachte die Justizministerin Tzipi Livni zum Ausdruck, als sie schrieb: „Uns wurde der Glaube geraubt, dass so etwas bei uns nicht passieren kann. Uns wurde die Möglichkeit geraubt zu sagen, dass wir so nicht sind, dass so ein grausamer, sadistischer Mord nicht das Handwerk von Juden sein kann.“

Das deutlichste Beispiel dieser falschen moralischen Überlegenheit aber ist, dass die israelische Justizministerin bislang offenbar dieser Ansicht war: dass alle anderen Völker zum brutalen Mord fähig sind – nur die Juden nicht. Aus welcher historischen Grundlage, aus welcher Geschichtserzählung bezog sie diese Gewissheit? Kann man die Wirklichkeit verändern, wenn man so hartnäckig darauf besteht, sie nicht anzuerkennen?

Schon seit Jahren redet Israels Linke von zwei Staaten und der Trennung von Juden und Palästinensern. Während dieser ganzen Zeit habe ich immer darauf bestanden, über den Rassismus innerhalb der jüdischen Gesellschaft gegenüber „Nichtjuden“ zu reden und zu schreiben. In meinen Augen ist dies das brennendste Thema; die Besatzung ist die Folge der Unfähigkeit Israels, die Rechte der Nichtjuden anzuerkennen. Die Sache wird noch dadurch kompliziert, dass viele Juden – durch die Propaganda der Panikmacher, die den Holocaust zu ihren eigenen Zwecken nutzt und mit der Angst spielt, wir seien nur „einen Schritt von Auschwitz entfernt“ – in dem Gefühl moralischer Überlegenheit und des Opfer-Seins leben. Wenn man von solchen Gefühlen geschützt wird, kann man nicht in den Spiegel sehen. Man ist mit Rechtfertigungen beschäftigt, mit der Behauptung, der jüdische Israeli sei „für das Leben“, der andere aber, der Palästinenser, „für den Tod“. Nach 47 Jahren Besatzung, nach Festnahmen, Morden, Landenteignungen und permanenter Unterdrückung im Alltag, spricht Premierminister Benjamin Netanjahu tatsächlich von einer „moralischen Kluft“ zwischen „uns und den Palästinensern“, und die Menge glaubt ihm.

Revolution gegen das vergiftete Denken

Das Gefühl der moralischen Überlegenheit wurde zu einer nationalen Pathologie, die die Israelis blendet und eine politische Lösung der Besatzungsproblematik verzögert: Es gibt keinen Grund für eine mutige politische Initiative, wenn man sich auf der moralisch sicheren Opferseite wähnt. In den vergangenen Wochen traf ich ständig Menschen, die erschüttert sind angesichts des alltäglichen Rassismus bei uns, die in Folge des Mordes an den drei jüdischen Religionsschülern überall im Land zu erleben war. Es scheint, als sei der Verleugnungspanzer rissig geworden, die Menschen wollen handeln.

Seit vielen Jahren, wie gesagt, vermarktet die Linke ihre Idee der Zwei-Staaten-Lösung. Doch nicht nur ist diese Vision niemals zustande gekommen. Während dieser ganzen Zeit verlor die Linke die israelischen Gegenwart aus dem Blick. Sie hat die wichtigste Aufgabe nicht erledigt: gegen den alltäglichen Rassismus und für die Gleichberechtigung aller hier lebenden Menschen zu kämpfen.

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