http://www.faz.net/-gqz-9cu4y

Nach Özils Rücktritt : Der Rassismus der Anderen

Keine Aussagen, kein Spiel: Mesut Özil in Singapur. Bild: AP

Mesut Özils Erklärung zu seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft löst eine Rassismus-Debatte aus. Doch welche Richtung nimmt diese? Ein kurdischstämmiger Fußballspieler hat eine Anmerkung dazu. Ein Kommentar.

          Endlich haben wir wieder eine Debatte. Sogar eine, von der ein Kolumnist bei „Spiegel Online“ meint, sie werde das Land verändern. Es geht um Rassismus. Auf diesen nämlich beruft sich Mesut Özil in der dreiteiligen Verlautbarung, mit der er seinen Rücktritt aus der Fußball-Nationalmannschaft erklärt hat. Folgt man den Reaktionen in den Medien, ist das nicht nur Mesut Özils Thema, sondern das aller Menschen mit (und ohne) Migrationshintergrund in Deutschland. Eben waren wir noch das Land der Willkommenskultur, nun sind wir eines, das der Zuschreibung des türkischen Präsidenten Erdogan entspricht – im Kern faschistisch. Wie twitterte der AKP-Abgeordnete Kerem Abadi? „Seit Adolf Hitler hat sich nicht vieles geändert in Deutschland. Rassismus wurde nur zeitgenössisch modernisiert.“ Erdogan selbst indes „küsst“ Mesut Özil „die Augen“, will heißen: Er ist ihm unendlich dankbar. Diese Dankbarkeit wird Erdogan bei seinem Staatsbesuch im Herbst in Berlin sicherlich noch einmal unterstreichen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es ist schon erstaunlich, wie viele schnell über den Stock springen, den Mesut Özil oder, wie manche vermuten, sein Berater Erkut Sögüt, hingehalten hat. Ihr in nicht leicht zu übersetzendem Englisch verfasster Text handelt von Özils innerer Zerrissenheit und von der Erfahrung, niemals richtig anerkannt worden zu sein. Er gipfelt in der Feststellung, dass er, habe die Mannschaft gewonnen, als Deutscher gegolten habe, bei einer Niederlage aber der ewige Türke geblieben sei. Diese Klage über fehlende Anerkennung, über ein Fremdbleiben im eigenen Land, sollte man nicht geringschätzen oder für einen Einzelfall halten. Im Internet ist daraus der Hashtag „MeTwo“ geworden, unter dem Menschen von Rassismus und Diskriminierung im Alltag berichten. Aber man sollte dies bei jemandem wie Mesut Özil, der bis zuletzt der unumstrittene Lieblingsspieler des Nationaltrainers Jogi Löw war, doch mit einem Fragezeichen versehen dürfen. Ist er, der sich vorher und nachher zu nichts erklärt, sondern nur lächelt, die richtige Identifikationsfigur – für gelungene Integration und gegen Rassismus?

          Die Kritik an seinem PR-Auftritt mit Erdogan war überzogen, die Haltung des DFB war hilflos. Doch hat das weniger mit Rassismus, sondern mit dem Umstand zu tun, dass Mesut Özil auch ein wichtiger Botschafter der Nationalmannschaft mit Blick auf die Bewerbung um die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft 2024 war, um welche Deutschland bekanntlich mit der Türkei konkurriert.

          Ünsal Arik 2017 in seiner Wohnung in Nürnberg.

          Die Kritik hat auch nichts damit zu tun, dass Mesut Özils Familie aus der Türkei stammt und Erdogan Präsident dieses Landes ist, sondern damit, was für ein Präsident dieser ist – einer, der sein Land spaltet und die deutsch-türkische Gemeinschaft in Deutschland. Darauf macht Özil zum Beispiel der kurdischstämmige Fußballspieler Deniz Naki aufmerksam, der in Deutschland und der Türkei Fußball spielte, hier wie dort rassistisch angegriffen und in der Türkei wegen vermeintlicher „Terrorpropaganda“ (für die kurdische PKK) verurteilt und als Spieler gesperrt wurde. Im Januar dieses Jahres, als er auf Heimatbesuch Richtung Düren war, wurde auf ihn sogar auf der Autobahn A 4 nahe Köln geschossen.

          Wenn es Mesut Özil wirklich um Rassismus gehe, warum trete Özil dann nicht auch gegen diesen ein, „wenn es in der Türkei immer mehr zu rassistischen und faschistischen Angriffen auf mich oder auf kurdischstämmige oder anderen Minderheiten zugehörende Fußballer kommt?“

          Der Profiboxer Ünsal Arik, ein ausgesprochener Erdogan-Kritiker, verlor, kaum hatte er dem Online-Portal dieser Zeitung vor einer Woche ein Interview zu Özil und Erdogan gegeben, einen Sponsorenvertrag, wie er in der „Zeit“ sagte: Man schätze seine klaren Worte, habe man ihm gesagt, doch wolle man sich nicht mit dem türkischen Präsidenten anlegen. Angefeindet werde er auch von türkischen Fans, sagt Ünsal Arik: „Ich werde von allen Seiten alleine gelassen. Viele sehen Özil als Opfer deutscher Rassisten, aber es wird vergessen, dass er sich zu dem Autokraten Erdogan bekannt hat.“ Deniz Naki bittet den Kollegen Özil darum, daran zu denken: „Diejenigen, die dich bei der nächsten Reise in die Türkei mit offenen Armen empfangen, werden genau dieselben sein, die mich rassistisch angreifen. Zwischen Faschisten unterscheidet man nicht, diese sind überall, in jedem Land gleich.“

          Solche Stimmen gehen bei der Debatte, die dieses Land angeblich verändert, fast unter. Und erinnert sich – Stichwort Rassismus – noch jemand an die Solidarisierung für Jérôme Boateng, nachdem der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland gemeint hatte, jemanden wie den Bayern- und Nationalspieler Boateng wollten „die Leute“ nicht zum Nachbarn haben? Eine Menge Leute in diesem Land machten Gauland klar, wie falsch er mit dieser Einschätzung liegt.

          Weitere Themen

          Weltmeister des Aussitzens

          Krise der DFB-Elf : Weltmeister des Aussitzens

          Erst das WM-Debakel, dann der Abstieg in der Nations League: Doch beim DFB ist die Mission Postenverteidigung erfolgreich. Wie ist das nur möglich? Fünf Fragen und Antworten zur Lage der Fußballnation.

          Deutsche Kulturkämpfe

          Muslime in Deutschland : Deutsche Kulturkämpfe

          Historiker blicken auf das 19. Jahrhundert, um die heutige Situation der Muslime in Deutschland besser zu verstehen. Die Wissenschaftler sehen in der Zeit Parallelen zu Katholiken im Kaiserreich.

          Topmeldungen

          Brexit-Szenarien : Londoner Finanzmarkt zittert

          Die Ungewissheit über den EU-Austritt Großbritanniens treibt die Anleger um. Finanzexperten warnen vor Spekulationen auf die unterschiedlichen Szenarien – vom weiteren Wertverlust des Pfunds ist die Rede.

          Zwan­zig Jah­re ISS : Lego im Weltall

          Vor zwan­zig Jah­ren be­gann der Bau der ISS, der In­ter­na­tio­nal Space Sta­ti­on. Das größ­te be­mann­te Raum­fahrt­pro­jekt ist zu­gleich das, bei dem bis­her am we­nigs­ten schief­ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.