24.11.2010 · Der Vatikansprecher gibt sich Mühe, den Papst an die Tradition zurückzubinden. Aber mit seiner Antwort auf die Kondomfrage bringt Benedikt XVI. das Lehrgebäude einer Doppelmoral ins Wanken.
Von Christian GeyerEin eigentlich bizarres Szenario: Ein Gummi zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs gerät zum Testgummi für die Modernetauglichkeit einer Institution mit 1,2 Milliarden Mitgliedern. Wie viel Druck muss dieser Gummi aushalten, wenn an ihm jetzt die Frage diskutiert wird, ob es innerhalb der katholischen Kirche eine „revolutionäre Wende“ gegeben hat oder nicht.
Der Satz des Anstoßes steht in dem heute unter dem Buchtitel „Licht der Welt“ erscheinenden Gespräch zwischen dem Papst und dem Journalisten Peter Seewald und lautet: In „begründeten Ausnahmefällen“ zur Aids-Prävention sei die Verwendung eines Präservativs erlaubt. Kaum ist der Satz als veritabler Kondom-Thriller vorab gemeldet, wiegelt der Vatikan ab: Nein, die jüngst bekanntgewordenen Äußerungen des Papstes zum Kondom seien selbstverständlich kein Beleg für eine „revolutionäre Wende“, so der Vatikansprecher Federico Lombardi. Nun sind revolutionäre Wenden in der katholischen Doktrin ohnehin nicht vorgesehen. Da, wo es bei der Lehrautorität dennoch revolutionäre Wenden gab und gibt – bei der Anerkennung der Religionsfreiheit etwa –, heißen sie nicht Wenden, sondern werden als vertieftes Verständnis der Lehre von immer bezeichnet. Die Neuerung kann noch so revolutionär sein, nie darf sie im Verhältnis zur Tradition als Bruch erscheinen; der Aufweis der Kontinuität ist das A und O jedes kirchenamtlich autorisierten Umsturzes. Insofern gehört das Dementi revolutionärer Wenden zur Rollenprosa jedes Vatikansprechers, jedes Sprechers einer Bischofskonferenz. Kondome? Konnte man ausnahmsweise schon immer benutzen!
Nicht allein mit Kondomen, aber auch nicht ohne
Interessant ist die Begründung Lombardis: „Zahlreiche Moraltheologen und angesehene kirchliche Persönlichkeiten haben analoge Positionen vertreten und vertreten sie weiterhin. Es ist allerdings richtig, dass wir sie noch nicht mit dieser Klarheit aus dem Mund eines Papstes gehört haben, auch wenn sie in einem Gespräch und nicht lehramtlich erfolgte.“ Diese Aussage sucht gleich in mehrfacher Hinsicht das Verhältnis zur Tradition zu sichern. Bisher war es so, dass sich das strikte vatikanische Kondomverbot gerade gegen anderslautende Stimmen von Moraltheologen und angesehenen kirchlichen Persönlichkeiten behauptete. Nun werden ausgerechnet diese Stimmen des Dissenses zum Beleg für die Traditionsförmigkeit der päpstlichen Neuerung herangezogen. Man beruft sich auf die Abweichler von der offiziellen Linie, um die Papstworte auf Linie zu bringen. Denn ein Vorgängerpapst, auf den sich Benedikt XVI. hätte berufen können, steht nach Darstellung des Vatikansprechers ja gerade nicht zur Verfügung: Noch nie sei etwas Derartiges wie die Lockerung des Kondom-Verbotes „mit dieser Klarheit aus dem Mund eines Papstes gehört“ worden. Was aber, wenn sich herausstellen sollte, dass der Papst sich doch zu weit aus dem Fenster gelehnt hat und die Kontinuität seines Satzes mit der lehramtlichen Tradition nicht hinreichend nachgewiesen werden kann? Für den Fall stuft der Vatikansprecher schon einmal vorsorglich den Autoritätsgrad der päpstlichen Aussage zurück: Sie sei schließlich „in einem Gespräch und nicht lehramtlich“ erfolgt.
Von dieser vatikanischen Lesehilfe aus ist es nicht mehr weit bis zu der Position, die die Realität des safer sex als gültiges Traditionsargument anerkennt. Salopp formuliert: Der Vatikan wäre in der Wirklichkeit angekommen. Tatsächlich scheint Benedikt XVI., liest man seine Kondomaussage im Zusammenhang nach, in diese Richtung gehen zu wollen. Er nimmt in dem Gesprächsbuch zunächst Bezug auf eine Aussage, die er während seiner Afrikareise im vorigen Jahr machte: „Ich hatte dabei nicht zum Kondomproblem generell Stellung genommen, sondern, was dann zum großen Ärgernis wurde, nur gesagt: Man kann das Problem nicht mit der Verteilung von Kondomen lösen. Es muss viel mehr geschehen. Wir müssen nahe bei den Menschen sein, sie führen, ihnen helfen; und dies sowohl vor wie nach einer Erkrankung.“ Der Papst fährt fort: „Tatsächlich ist es ja so, dass wo immer sie jemand haben will, Kondome auch zur Verfügung stehen. Aber dies allein löst eben die Frage nicht. Es muss mehr geschehen.“ Hier wird die moraltheologisch hochgradig aufgeladene Frage nach dem Präservativ vom Papst beinahe als überflüssig bezeichnet – man kann sie doch sowieso an jeder Ecke kriegen –, um dann nur zu erklären, was jeder Aktivist der Aids-Prävention bestätigen würde: dass Kondome allein natürlich nicht ausreichen, um „dem Übel der HIV-Infektion beizukommen“. Nicht allein mit Kondomen, aber auch nicht ohne Kondome – wenn das die päpstliche Position ist, hätte sie den Realitätstest tatsächlich bestanden.
„Das Christliche darf nicht zu einer archaischen Schicht werden“
Mit weitreichenden Folgen für die Moraltheologie. Zum ersten Mal sei päpstlicherseits die Kondom-Frage zu einer Frage der Güterabwägung erklärt worden, staunt nun etwa der Moraltheologe Johannes Gründel. Er reibt sich die Augen. Wie sagt dieser Papst? „Tatsächlich ist es ja so, dass wo immer sie jemand haben will, Kondome auch zur Verfügung stehen“: Die revolutionäre Wende besteht, kurz gefasst, darin, dass ein Papst in einem moraltheologisch umkämpften Fall die Kluft zwischen nicht lebenstauglicher Maxime und stillschweigend geduldeter Realität schließt. Und zwar mit Worten, „wie sie noch nicht aus dem Mund eines Papstes gehört“ wurden. Als hätte der Papst in diesem hellen Moment erkannt, dass nichts so sehr seine Lehrautorität gefährdet wie das überkommene katholische Kalkül der augenzwinkernden Duldung bei gleichzeitigem Festhalten an lebensfremder Norm.
Für die aufgebrachten Traditionalisten liefert Benedikt an anderer Stelle des Buches den großen, das Verhältnis von Säkularität und Religion betreffenden Zusammenhang der leidigen Gummi-Frage nach: „Das Christliche darf nicht zu einer archaischen Schicht werden, die ich irgendwie festhalte und gewissermaßen neben der Modernität lebe. Es ist etwas seltsam Lebendiges, etwas Modernes, das meine gesamte Modernität durchformt und gestaltet – und sie insofern regelrecht umarmt.“
Wer betreibt die Fixierung auf das Kondom?
Sollte sich dieses Kriterium vom theologischen Wert eines säkularen Eigensinns im Vatikan durchsetzen, ließe sich darüber spekulieren, ob man eines fernen Tages auch nicht mehr über kirchliche Reizthemen wie Homosexualität oder Pille reden müsste. Von Papst Paul VI. ist die Aussage überliefert, er verstehe die ganze Aufregung um das Pillen-Verbot nicht. Man könne die Pille, wenn nicht als Verhütungsmittel, so doch als Hormonpräparat nehmen. Zu erklären, man könne das Präservativ, wenn nicht zur Verhütung, so doch zur Minimierung des Ansteckungsrisikos nehmen, ist vielleicht das Maximum, was einem Papst derzeit möglich ist. Dass dies – die Öffnung einer bislang ehernen Doktrin hin zum Prinzip der Güterabwägung – als faktische Freigabe des Kondoms verstanden werden kann, begründet den Aufschrei im traditionalistischen Kirchenmilieu.
Einstweilen beunruhigt bei der weiteren Begründung der Kondomverbot-Lockerung die fortgesetzte Unterstellung, Sexualität sei vor dem Abgleiten in den Hedonismus zu bewahren. Hat nicht jedes Beziehungsleben seine eigene Plage? Liegt es nicht im Eigensinn des Sozialen, eine verantwortliche Sexualität zu leben, wenn das Zusammenleben nicht zerbrechen soll? Welche Partnerschaft, die um ihre Stabilität bemüht ist, wäre auf die kirchliche Dauerwarnung vor der Banalisierung der Sexualität angewiesen? „Die bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen.“ Wer betreibt denn die Fixierung auf das Kondom? Wer banalisiert den Sex für die Zwecke eines Kulturkampfs? Die belehrend darüber reden oder die es beim safer sex bewenden lassen? Was, wenn mit der revolutionären Wende in der Kondomfrage auch das Reinreden in die Sexualität ein Ende hätte? Ein Gedanke nur, gleich dem einer Droge.