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Der letzte Überlebende des 20. Juli Wir wollten den Judenmord stoppen

Philipp von Boeselager, Mitverschwörer des Attentats vom 20. Juli, war siebenundzwanzig, als er Hitler töten wollte. Was ist sein Vermächtnis? Ein Gespräch mit dem letzten überlebenden Widerstandskämpfer von 1944 und dem Zeithistoriker Joachim Scholtyseck.

© Daniel Pilar Vergrößern Risiken eingehen: Philipp von Boeselager

Philipp von Boeselager, Mitverschwörer des Attentats vom 20. Juli, war siebenundzwanzig, als er Hitler töten wollte. Was ist sein Vermächtnis? Ein Treffen mit dem letzten überlebenden Widerstandskämpfer von 1944 und dem Zeithistoriker Joachim Scholtyseck.

Wie aktuell ist Widerstand? Brauchen wir mehr Widerständigkeit heute?

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Scholtyseck: Wir leben in einer gefestigten Demokratie, in der Widerstand in diesem Sinn nicht notwendig ist. Wenn hier jemand gegen die Globalisierung demonstriert, dann ist das Protest, legitimer Protest, solange man sich an die Gesetze hält, aber kein Widerstand.

Boeselager: Zum Wesen des Widerstandes gehört es, dass man etwas zu verlieren hat, dass man persönlich ein Risiko eingeht. Das macht ja auch die Abwägung aus: Soll ich Widerstand leisten? Obwohl es mir persönlich keine Vorteile bietet? Ist die Sache es wert, dass ich das Risiko auf mich nehme, mein Leben und das Wohl meiner Familie aufs Spiel setze? Das kann man von den G-8-Gegnern ja nun wirklich nicht sagen, trotz Wasserwerfern.

Sie haben Ihren Kopf riskiert, indem Sie den Sprengstoff besorgt haben, mit dem Stauffenberg das Attentat auf Hitler verübte.

Boeselager: Ja, ich hatte Zugang zu Sprengstoff, englischem, das war der beste, weil die Zünder so leise waren. Und da wurde ich gebeten, solchen zu besorgen. Wofür genau, wurde nicht besprochen, das konnte man sich denken. Ich habe dann einen Koffer mit Sprengstoff gefüllt und Helmut Stieff gebracht. Ich hörte später davon nichts mehr. Ich wusste auch nicht, dass der am 20. Juli eingesetzt worden war.

Vor kurzem waren Sie in Masuren und haben Ihren Sprengstoff gesucht.

Boeselager: Ich traf nach dem Krieg Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld, der Staatssekretär in Bonn war. Und der erzählte mir, dass Stieff ihm damals einen Koffer gegeben habe, meinen Koffer, den sollte er aufheben. Kurz vor dem 20. Juli hat Stieff dann in seinem Beisein zwei Bomben aus dem Koffer genommen, da wusste Herwarth überhaupt erst, was er all die Zeit unterm Bett gehabt hatte. Und am 20. Juli abends hätte er den Koffer hinter der Baracke in der Nähe von vier Kiefern verbuddelt. Ich war 1993 schon mit meiner Frau dort und habe vorsichtig mit einer Spitzhacke gesucht, ich wusste ja nicht, wie das mit den Sprengkapseln ist. Jetzt haben wir noch einmal gesucht, zusammen mit der polnischen Armee, auch nicht erfolgreich. Aber Masuren ist wunderschön, es war eine wunderbare Reise.

Als Sie schließlich aus dem Krieg zurückkehrten, wollte man vom Widerstand wenig wissen.

Boeselager: Das kam erst, als die Bundeswehr aufgestellt wurde. Die Bundeswehr musste Stellung nehmen, die musste sich mit ihrem Erbe beschäftigen. Aber in der Bevölkerung spielte der Widerstand keine Rolle, er war obsolet und tabu. Erst jetzt mit der Enkelgeneration, da ist das anders, die interessiert das, und plötzlich, so erlebe ich es persönlich, wenn ich jungen Menschen begegne, bei Vorträgen etwa, plötzlich ist der Widerstand wieder aktuell.

Scholtyseck: Das war ja ein Phänomen der Zeit, dass die Historiker schon untersucht haben: diese gewisse Stille in den fünfziger Jahren, von der Hermann Lübbe gesprochen hat, die offensichtlich notwendig gewesen ist, um einen demokratischen Staat aufzubauen. Das ist ein Denkmodell, das nicht entschuldigen, sondern erklären soll, warum in den fünfziger Jahren der Fokus nicht auf diesem Thema lag. Man konnte nicht gleichzeitig etwas verarbeiten und etwas Neues aufbauen. Der britische Historiker Tony Judt schreibt, dass überall, in Frankreich, Italien oder in Osteuropa, der Umgang mit der Vergangenheit, mit Widerstand und auch Kollaboration, schwierig war. Er meint, Nachkriegseuropa sei eigentlich auf bewusster Falscherinnerung aufgebaut worden.

Und im persönlichen Umfeld, Herr von Boeselager, haben Sie da über Ihre Beteiligung am Widerstand gesprochen?

Boeselager: Nein, überhaupt nicht. Ich habe 1948 geheiratet - und erst hinterher habe ich irgendwann meiner Frau erzählt, dass ich beim Widerstand war. Das interessierte keinen. Es ging um Aufbau - was da vorher im Krieg war, was der Widerstand war, das spielte keine Rolle.

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