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Frankreich vor der Wahl : Ein Albtraum wird wahr

Es brennt nicht nur in Jerôme Leroys Roman „Der Block“: Proteste in Nantes im Februar 2017 Bild: AFP

In Frankreich gleicht die Fiktion den Nachrichten. Jerôme Leroy lässt in seinem Kriminalroman „Der Block“ die Banlieue brennen. In dem Film „Chez nous“ triumphieren die Rechtsextremen. Schildert das die Lage?

          Romane entwickeln oft eine eigene Zeitrechnung. Als Jerôme Leroy 2011 „Le Bloc“ veröffentlichte, war in Frankreich die Erinnerung an die Unruhen von 2005 in der Banlieue von Paris noch frisch und das Szenario einer Regierungsbeteiligung der Rechtsextremen eine dystopische Phantasie. Wenn der Roman jetzt erstmals auf Deutsch erscheint, sieben Wochen vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich, angesichts erneuter Unruhen in der Banlieue, kommt es einem so vor, als sei nicht das Buch mit den Jahren veraltet, sondern die Realität habe erst jetzt völlig zu ihm aufgeschlossen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mit dem „Bloc Patriotique“ ist natürlich der Front National gemeint, dessen Chefin der Roman gewissermaßen die Haare gefärbt hat. Agnès Dorgelles ist die schwarzhaarige Tochter ihres greisen Vaters, des Einigers der rechtsextremen Bewegung. Er habe die Wirklichkeit „verpixelt“, schreibt Leroy im Nachwort zur deutschen Ausgabe, um juristische Konsequenzen zu vermeiden. Das ist ein treffendes Bild für sein Verfahren, weil vieles so erst recht kenntlich wird, der Wiedererkennungswert also hoch ist. Leroy hat sich für eine klassische Struktur entschieden: die des Dramas mit der Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Mit der kleinen Variante, dass aus zwei Perspektiven erzählt wird: Stanko, der Chef des Sicherheitsdienstes des Blocks, spricht in der ersten Person Singular. Antoine, der rechtsdrehende Intellektuelle und Ehemann von Agnès, in der zweiten, in einer Art Zwiegespräch mit sich.

          Das Koks in der Mussolini-Büste

          Die Handlung beginnt in der Nacht, in der Vertreter des Blocks mit der bürgerlichen Regierung über eine Regierungsbeteiligung verhandeln. In der Banlieue brennt es seit Monaten, im Fernsehen zählt ein Liveticker die Todesopfer: 752 sind es zu Beginn, am Ende der Nacht werden es fast 800 sein. Und während Antoine in seiner luxuriösen Wohnung sitzt, trinkt und in Selbstmitleid badet, den Koks in der Mussolini-Büste in Griffweite, ist Stanko in einem schmuddeligen Hotel untergetaucht, unter „Museln, Kanaken und Negern“. Er ist das Opfer, das der Block für die zehn Ministerien bringen soll, er hat zu viele schmutzige Dinge für die Partei erledigt. Nun sollen ihn dieselben Männer beseitigen, die er für solche Zwecke ausgebildet hat.

          Der kapitelweise Wechsel der Perspektiven erzeugt einen straffen Spannungsbogen. Zugleich erlaubt er den beiden Männern, sich an vergangene Schlachten und Affären, an Tiefpunkte und Erfolge zu erinnern, worin sich wie von selbst die Geschichte vom Aufstieg des Blocks erzählen lässt. Antoine, der Bürgersohn aus Rouen, kokettiert als Schüler mit der Provokation; aus Überdruss und Weltekel gibt er den Romantiker mit der Faschistenmaske, zitiert Rimbaud, Bataille oder Drieu la Rochelle und ist ideologisch nie ganz berechenbar. Jetzt, mit 50, liebt er noch immer die Nouvelle Vague, Godard vor allem, und es gibt daher im Buch eine sehr schöne kleine Betrachtung zu „Masculin – Féminin“.

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