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Vorwurf gegen den Westen : Morgen wird der IS auch bei euch sein

  • -Aktualisiert am

Freiwillige Peshmerga-Kämpfer, die die nordirakische Stadt Mossul vor einem Jahr gegen den „Islamischen Staat“ verteidigen wollten. Bild: dpa

Vor einem Jahr eroberte der „Islamische Staat“ die irakische Stadt Mossul. Wie hat der dortige katholische Bischof diesen Vormarsch erlebt? Worauf hofft er? Ein Interview über unterschätzte Gefahren und eine Kriegserklärung per Telefon.

          Eminenz, wie war die Situation für die Christen beziehungsweise für Ihre syrisch-katholischen Gemeinden vor den Angriffen der IS-Kämpfer im Irak?

          Wir lebten in einem Gebiet, das von Dörfern umgeben ist, in denen Muslime die Mehrheit bilden. Und dort wohnten andere Minderheiten, wie die Kakaiiten, die den Yeziden nahe sind. Unsere Beziehung zu allen diesen Nachbarn war sehr gut. Die Muslime haben uns aufgrund unserer kulturellen Teilnahme an der Gesellschaft akzeptiert, viele haben uns ihren Respekt erwiesen. Unsere Schulen sind die besten im Land, unsere Lehrerinnen und Lehrer haben auch in von Muslimen bevölkerten Orten unterrichtet. Kurz gesagt, wir lebten nicht schlecht.

          Gab es Vorfälle, die die Entstehung des IS vorwegnahmen? Etwa Spannungen gegenüber den Christen im Irak?

          Sicherlich, auch bevor die IS-Kämpfer zu uns kamen und den sogenannten „Islamischen Staat“ ausgerufen haben, verzeichneten wir brutale Verhaltensweisen von einigen Muslimen gegenüber uns Christen. Das ließ sich ganz einfach begründen: Die Schwäche des irakischen Zentralstaates eröffnete schwachen Seelen diverse Möglichkeiten, Minderheiten zu bedrohen. Betroffen war vor allem, wer reich war oder ein staatliches Amt bekleidete. Es gab Entführungen, um Lösegeld von den Angehörigen zu erpressen. Das bewog viele Christen, die Region zu verlassen und ins Ausland auszuwandern.

          Wann wurden Sie von den Kämpfern des IS angegriffen?

          Bischof Yohanna Petros Mouche zweifelt an der Unschuld des Westens.

          Sie haben unser Gebiet am 10. Juni 2014 überfallen. Ich war zu der Zeit nicht im Irak. Drei Tage später, nach meiner Rückkehr, stellte ich fest, dass die meisten Christen scheinbar freiwillig aus Mossul geflohen waren. Doch in Wahrheit hatte sie die Angst in die umliegenden Dörfer getrieben, nachdem sie sahen, wie ihre muslimischen Nachbarn schon Stunden zuvor Mossul in Scharen verließen. Auch der Bischofssitz wurde daraufhin verlegt: in die nahe Stadt Karakosch. Anfangs ahnten wir aber nicht, welche Gefahr der IS für uns Christen darstellt. Seine Vertreter hatten uns immer wieder Nachrichten überbracht, worin es hieß, sie hätten kein Problem mit uns Christen. Sie trafen sich auch tatsächlich dann mit einigen Mönchen und Priestern und fragten diese nach dem Grund des Wegzugs der Bevölkerung. Den Christen würde nichts geschehen, versicherten sie, wir könnten nach Mossul zurückzukehren.

          Warum mussten Ihnen dann die kurdischen Streitkräfte zu Hilfe eilen?

          Zum Glück trafen die sogenannten Peschmerga bei uns ein. Sie waren es, die uns beschützten, denn IS-Kämpfer waren mittlerweile nicht mehr weit von unseren Dörfern entfernt. Dennoch schien die Lage für uns noch normal zu sein. Die IS-Kämpfer versicherten immer wieder, unsere Dörfer wären gar nicht ihr Ziel, sie seien auf dem Weg nach Bagdad. Ende Juni 2014 aber beschossen sie Karakosch mit Kanonen. Damals verließen die meisten Menschen Karakosch.

          Haben auch Sie Ihren neuen Bischofssitz in Karakosch damals aufgegeben?

          Als Bischof konnte ich doch mein Bistum nicht verlassen, deswegen bin ich mit einigen Priestern und wenigen Bewohnern in Karakosch geblieben. Wir wollten wissen, warum der IS seine Meinung geändert und uns doch angegriffen hatte. Wir nahmen telefonischen Kontakt zu beiden Konfliktparteien auf und versuchten zu schlichten. Die Antwort des IS-Vertreters lautete: „Sollten die Peschmerga hier bleiben, werden wir eure Stadt weiter bombardieren. Seht bloß zu, dass sie aus eurem Gebiet verschwinden.“ Dies sei aber doch auch eine Kriegserklärung an uns, sagte ich ihm. „Versteht es, wie ihr wollt“, war seine letzte Antwort. Der IS stellte uns danach Bedingungen: Christen sollten nur in der Region bleiben können, wenn sie entweder zum Islam konvertierten oder Schutzgeld zahlten.

          Haben Sie darüber verhandelt?

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