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Historiker Fritz Stern ist tot : Fünf Deutschlande hat er gekannt

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Fritz Stern (2. Februar 1926 bis 18. Mai 2016) im Mai 2012 in Berlin Bild: Helmut Fricke

Einstein hatte ihm zum Medizinstudium geraten, doch Fritz Stern entschied sich für Geschichte. 1938 vor dem Nationalsozialismus geflohen, wurde er ein Fürsprecher der Wiedervereinigung. Jetzt ist der große Historiker gestorben.

          Er war einer der bedeutendsten angelsächsischen Historiker der Gegenwart und einer der großen Kenner deutscher Geschichte. Wie sein deutscher Verlag, C.H. Beck, mitteilt, ist Fritz Stern an diesem Mittwochmorgen im Alter von neunzig Jahren in New York gestorben.

          Am 2. Februar 1926 im damals preußischen Breslau als Sohn einer promovierten Physikerin und eines Professors der Medizin geboren, emigrierte Fritz Richard Stern, der protestantisch getauft worden war, mit seiner assimiliert jüdischen Familie 1938 vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten, wo Stern 1947 eingebürgert wurde.

          Obwohl ihm Albert Einstein, ein Freund der Familie, nach dem High-School-Abschluss 1943 zum Medizinstudium riet, entschied sich Stern für Geschichte an der New Yorker Columbia University, wo er 1953 mit einer Dissertation über radikalnationalistische Strömungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts promoviert wurde. Stern lehrte an der Columbia University, zwischenzeitig an der Cornell University in Ithaca, und in Princeton, New Jersey. Er übernahm Gastprofessuren an der Freien Universität Berlin, an der Yale University in New Haven, Connecticut, an der Universität Konstanz und der Fondation Nationale des Sciences Politiques Paris. Er bekleidete die Johannes-Gutenberg-Stiftungsprofessur in Mainz und war er zweiter Gastprofessor am „Jena Center - Geschichte des 20. Jahrhunderts“.

          Nachdem Stern 1950 zu Recherchen für seine Dissertation erstmals wieder in sein Geburtsland zurückgekehrt und sein Hass darauf in den frühen fünfziger Jahren nach eigener Aussage erloschen war, beschäftigte ihn vor allem die politische Kulturgeschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert. Dazu veröffentlichte er unter anderem 1961 die vielbeachtete Studie „The Politics of Cultural Despair“ (deutsch „Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland“, 1963), in der er den Einfluss von drei im Grunde unpolitischen, aber ideologisch ungeheuer wirksamen deutschen Schriftstellern – Paul de Legarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck – auf das nationale Empfinden weiter bürgerlicher Kreise in Deutschland zwischen 1870 und 1933 beschrieb.

          Traum und Versuchung

          Bald stand Stern im Ruf eines der bedeutendsten angelsächsischen Historiker der Gegenwart. In Ausblicken auf das 19. und 20. Jahrhundert bewährte sich nach Kritikermeinung seine Vorliebe für den biographischen Zugang zu den großen geschichtlichen Zusammenhängen. Als Meisterstück im Genre der politischen oder kulturgeschichtlichen Biographie gilt das 1977 erschienene Werk „Gold and Iron“, wofür Stern den „Lionel Trilling Book Award“ der Columbia University erhielt. Der Preisträger untersuchte darin die Beziehungen zwischen dem preußischen Junker Otto von Bismarck (1815-1898) und dem jüdischen Bankier Gerson Bleichröder (1822-1893), der das Privatvermögen des Reichskanzlers verwaltete und mit anderen finanziell die Kriege vor der deutschen Reichsgründung 1871 unterstützte. „Die Wechselbeziehung zwischen psychischen und politischen Faktoren hat mich fasziniert“, erläuterte Stern, „es gibt nicht nur sogenannte materielle Interessen, sondern ganz besonders auch psychische. Die einen sind meist klarer als die andern – verschwiegen werden oft beide“.

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