Anthony Weiner, demokratischer Kongressabgeordneter aus New York, musste im Juni 2011 seinen Sitz räumen. Er hatte einer Frau, die ihm bei Twitter folgte, ein fotografisches Selbstporträt geschickt, das ihn mit nacktem Oberkörper zeigt. Der Begriff „shirtless picture“ ging ins Lexikon des politischen Leichtsinns ein. Weiner belegte in den Vergleichstests, anhand derer Interessengruppen die Abgeordneten sortieren, einen der obersten Plätze auf der Liberalismusskala. Und das sieht man seinem auf die mutmaßlichen Wünsche einer bestimmten Wählerin zugeschnittenen Bild auch an. Es ist nicht nur hemdenlos, sondern auch kopflos. Die obere Partie des Gesichts ist abgetrennt, man muss sich die Augen dazudenken, die mit Wohlgefallen auf den Muskelpaketen ruhen. Weiner exponiert sich frech und nimmt zugleich das Recht auf Privatheit in Anspruch.
Jetzt zirkuliert wieder ein „shirtless picture“ eines Dieners der Republik. Frederick W. Humphries II ist Special Agent des FBI mit Dienstsitz in Tampa im Bundesstaat Florida. Er hat die Untersuchung eingeleitet, die zum Rücktritt von David Petraeus als Chef der CIA führte. Humphries wurde auf Bitten von Jill Kelley tätig, einer Arztgattin, die sich in Tampa mit karitativen Bemühungen einen Namen gemacht hatte. Das Objekt ihrer Fürsorge war das Offizierskorps jener Hauptquartiere von Großverbänden der Streitkräfte, die sich in Tampa auf kleinem Raum drängen wie die Großkirche in Colorado Springs. Von der Sicherheitskontrolle am Eingang des Luftwaffenstützpunkts war Jill Kelley befreit. Als in ihrem elektronischen Postfach Drohbriefe aufliefen, die ihr unsittliche Absichten in Richtung auf General Petraeus unterstellten, vertraute sie sich Humphries an.
Bei ihm glaubte sie ihr kleines sauberes Geheimnis, dass sie keine Geheimbeziehungen unterhielt, in den besten professionellen Händen, und so lieferte sie dem Agenten mit ihrem Elektrobriefstapel zugleich die Reputation des Generals aus. In den Augen der enthusiastischen Patriotin libanesischer Herkunft hatte sich Humphries nicht etwa durch die Sendung disqualifiziert, die einige Monate vor den bösen anonymen Briefen unter ihrer elektronischen Anschrift eingegangen war: ein Foto, auf dem seine professionellen Hände nicht in Hemdsärmeln stecken, sondern auf den Schultern zweier ebenfalls nackter Oberkörper ruhen. Eher dürfte der Besitz des Bildes Frau Kelley, die sich als Botschafterin der Streitkräfte verstand und sogar ein Zertifikat mit diesem Titel vorweisen konnte, in der Gewissheit bestärkt haben, dass Humphries der richtige Mann für die heikle Mission war.
Eine Pose mit Tradition
Die Bilder der zwei Hemdlosen, des wegen seiner spitzen Zunge gefürchteten Abgeordneten aus New York und des Geheimagenten in Florida, der im Mai 2010 auf dem Luftwaffengelände in Tampa einen Messerstecher erschoss, unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Und zwar schon buchstäblich. Weiners Werbefoto ist eine düstere, unscharfe Innenaufnahme, offensichtlich vor dem Computer gemacht. Diese Körperkulturarbeit ist verklemmt. Humphries präsentiert sich als freier Muskelmann unter freiem Himmel und hat die Kamera so eingestellt, dass alle Kraftlinien seines Leibes plastisch hervortreten. Er steht zwischen den Torsi zweier durchlöcherter Puppen, im Hintergrund liegt eine Schießausrüstung, er hat soeben eine Schießübung absolviert.
Der Bundespolizeibeamte hat die Pflicht, sich in Form zu halten. Sein Siegerlächeln nach dem Training weist ihn als Vollzeitprofi aus, für den der Dienst für das Ganze und die Arbeit an der eigenen Verbesserung ebenso verschmelzen wie Erholung und Verausgabung. Aus der Managerwelt, in der die Angeberei eine Überlebenstechnik ist, kennt man dieses Ich-Ideal der durchgebildeten physischen Präsenz. Mit der abstrakten Natur des Staates scheint sich ein solches Rittertum der sportlichen Bewährung schlecht zu vertragen, zumal natürlich bei einem Funktionär einer Behörde, deren Auftrag der Schutz der Staatsgeheimnisse ist. Tradition hat diese Pose in der soldatischen Selbstdarstellung - der Soldat kompensiert mit der Kraftdemonstration das Wissen, dass er, wenn er gefallen ist, sofort ersetzt wird. Wie Petraeus von der Armee zum Geheimdienst wechselte, so könnte der halbnackte Triumphator in Tampa auch bei den Marines beschäftigt sein.
Medium des überbordenden Freimuts
Der kahlrasierte hohe Schädel entspricht einem Archetyp des Kämpfers: Wer einen Naturhelm hat, kann die Tarnkappe entbehren. Die Versendung des Bildes sei kein erotischer Antrag gewesen, sondern ein Scherz, hat der angeblich wegen Übereifers gerügte Agent zu Protokoll gegeben. Der Witz liegt darin, dass auch die beiden Schießstandfiguren keine Haare auf dem Kopf haben. Die Bildlegende lautet: „Which one is Fred?“ Der Ermittler setzt sich als Kampfmaschine ohne natürliche Abnutzung in Szene, ist aus dem Musterbuch fürs perspektivische Zeichnen hinausgetreten ins dreidimensionale Leben. Die Verwechselbarkeit ist ein mit dem Berufserfolg einhergehendes Risiko, das er lachend hinnimmt. Es sticht ins Auge, dass der Athlet aus Fleisch und Blut eine deutlich schmalere Taille hat als seine Plastikkameraden. Der Übermensch erfüllt das humanistische Ideal, um es hinter sich zu lassen. Auch der gescheiterte Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan hatte sich durch sein drakonisches tägliches Bauchmuskeltrainingsregime empfohlen: ein selbstgemachter Mann im existentiell-biologischen Sinne.
Das an Jill Kelley geschickte Foto soll auch den Schreibtisch der Ehefrau von Fred Humphries zieren. Dass die Freundschaft sich derselben offenherzigen Körperzeichensprache bedient wie die eheliche Liebe, ist für die Welt, in der David Petraeus aufgestiegen und gestürzt ist, ebenso charakteristisch wie die Identität von persönlicher Ertüchtigung und dienstlicher Erledigung. Es ist eine Welt der öffentlichen Intimität, der Geheimnislosigkeit, in der das bürgerliche und das abenteuerliche Leben zusammenfallen. Die Elektropost, deren Vertraulichkeit nicht geschützt werden kann, ist das Medium des überbordenden Freimuts. Es verwundert nicht, dass zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts, die nichts weiter verbindet als die Zugehörigkeit zu diesem Milieu professioneller Freundschaft, in zwei Jahren eine Korrespondenz aufgelaufen sein soll, deren Ausdruck eine fünfstellige Zahl Blatt Papier erfordert. 20.000 bis 30.000 Seiten E-Mails sollen sich Kelley und General John Allen geschickt haben.
Überlegenheit in scheinbarer Gleichbehandlung
Den Ehrgeiz, die Fitness ständig sichtbar zu optimieren, teilte der berühmte General Petraeus mit dem unbekannten Agenten Humphries, der zum Auslöser seines Untergangs geworden ist. Das Laufen war das Interesse, das Petraeus und seine Biographin Paula Broadwell einander näherbrachte. Ganz automatisch, im beschleunigten Gleichschritt, so darf man sich das vorstellen, entdeckten sie ihre Körper- und Seelenverwandtschaft. Petraeus gibt an, dass die Liebesbeziehung erst nach seinem Abschied aus der Armee eingesetzt habe. Wenn das wahr ist, so muss man die fatale Dynamik des Verhältnisses mit einem Paradox beschreiben: Petraeus hat die Affäre auch dann schon nicht mehr verheimlicht, als sie noch gar nicht bestand. Im Rückblick beschreiben Augenzeugen aus dem Quartier in Afghanistan übereinstimmend die Irritation, die es auslöste, dass die Biographin jederzeit Zugang zum General hatte.
Diesem Ignorieren von Rangstufen und Zuständigkeiten, deren Beachtung dem Kommandeur den Kopf fürs Kommandieren freihalten soll, haftet aber noch etwas Unschuldiges an. Denn jedem anderen zur Schwärmerei bereiten Berichterstatter gewährte Petraeus dieselbe Vorzugsbehandlung. Einige der betörten Journalisten haben jetzt Abbitte geleistet wie die Ex-Geliebten von Jörg Kachelmann und dargelegt, wie sie die von Petraeus geäußerten Platituden als Maximen eines neuen Clausewitz unter das Publikum brachten. Petraeus lud die Journalisten zum Joggen ein und ließ sie durch scheinbare Gleichbehandlung seine Überlegenheit spüren. Er verkaufte sich als intellektueller Stratege für die unblutigen Kriege der Zukunft. Glaubwürdig schien das nur, weil er die physische Seite des Kriegerhandwerks mit absoluter Hingabe kultivierte.
Der Kennedy dieses amerikanischen Friedens
Norman Mailer hat in seinem „Esquire“-Artikel „Superman kommt in den Supermarkt“ die Erhebung John F. Kennedys zum Präsidentschaftskandidaten als Heimkehr des Helden beschrieben. Kennedy sah wie ein Skilehrer aus, (sein Bruder Bobby „wie ein West-Point-Kadett“), sprach wie ein Harvard-Professor und galt als Kriegsheld. Nach Mailer wurde Kennedy von einer orgiastischen Sehnsucht nach körperlicher Erfüllung ins Weiße Haus getragen, die im geschlechtslosen Eisenhower-Land in den Untergrund gewandert war. Die Minderheit der Nixon-Wähler entschied sich für „die psychische Sicherheit, so wie ein Mann, der im Leben keine Abenteuer mehr erleben wird, sich an das altbackene Brot seiner Ehe hält“. Als Kennedy auf dem Parteitag erschien, erinnerte er Mailer an den Football-Helden, der beim Dekan vorspricht, um sich den Kuss von dessen Tochter zu sichern. Auf ihrer Forschungsreise durch Afghanistan führte Paula Broadwell ein Tagebuch, das ein verbündeter Blogger unter der Überschrift „Travels with Paula“ veröffentlichte. Sie löste eine Kontroverse aus, weil sie behauptete, dass bei der Zerstörung eines Dorfes, das angeblich den Taliban als Versteck diente, keine Zivilisten getötet worden waren. Das Dorf wurde zerstört, um es sofort wieder aufzubauen. Die Soldaten legten einen Granatapfelbaumgarten an.
In Tampa, der Garnisonsstadt, ist der von Mailer 1960 beschworene Krieg zwischen den Lebensformen von Großstadt und Kleinstadt beigelegt. David Petraeus, der die Tochter seines Rektors in West Point heiratete, hätte der Kennedy dieses amerikanischen Friedens werden können.