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Unser Umgang mit Flüchtlingen : Die Welt zu Gast bei Fremden

  • -Aktualisiert am

Beweglichkeit ist für viele ein Ideal unserer Zeit: Berlins Hauptbahnhof im Gegenlicht Bild: Picture-Alliance

Der Flüchtling, könnte man meinen, verkörpert unser soziales Ideal des aktiven, unternehmerischen Subjekts. Warum ist er dennoch nicht willkommen? Ein Erklärungsversuch.

          Warum sind Fremde uns eigentlich fremd? Von Georg Simmel stammt die bekannte Unterscheidung des Fremden vom Gast: Während der Gast heute kommt und morgen geht, kommt der Fremde, um zu bleiben. Und bleibt uns im Bleiben fremd. Nicht also, weil er oder sie bestimmte physische Merkmale mitbrächte, eine andere Haut- oder Haarfarbe zum Beispiel. Nicht, weil er oder sie bestimmte Eigenarten pflegt: von unseren Gewohnheiten abweichende Sitten und Bräuche, ungewöhnliche oder auch nur ungewohnte Praktiken des Essens und Trinkens, des Denkens und Glaubens, des Tuns und Lassens. Der Fremde ist uns fremd nicht, weil er anders ist. Sondern weil er plötzlich einfach da ist. Und weil er bleiben möchte. Weil er nicht bloß vorübergehender Gast, sondern dauerhafter Mitbewohner sein will.

          Die befremdliche Praxis des Fremden ist nicht das Kommen und Gehen. Es ist das Kommen und Nicht-mehr-gehen-Wollen. Es ist die Verbindung von Kommen und Bleiben, die nicht ins Bild passt, in unser Bild vom Zusammenleben. Wir leben mit denen zusammen, die da sind. Die schon da waren, als wir kamen. Irgendwie „immer schon“ da waren. Wer dazukommt, nachdem wir schon da waren, ist neu. Passt nicht ins Bild, stört es vielmehr. Der Fremde passt nicht: passt nicht rein, passt nicht dazu, passt nicht zu uns. Gut, was nicht passt, wird passend gemacht: Soll sich der Dazugekommene doch den (vermeintlich) Immer-schon-Dagewesenen anpassen. Aber selbst das passt uns auch wieder nicht: Das Befremdliche ist, so tun, als ob - als ob man dazugehörte, selbst immer schon da gewesen wäre. Als ob man einfach so „einer von uns“ werden könnte.

          Gefragt ist der bewegte Mensch

          Warum stört uns das Fremde, warum tun wir uns mit dem Phänomen des Fremdelns so schwer? Warum wollen wir das Fremde zum Eigenen machen und das Eigene uns nicht fremd werden lassen: „unter uns“ bleiben, mit uns eins bleiben, mit uns und anderen identisch sein? Das Fremde ist nicht nur das Andere, sondern das Bislang-so-nicht-Dagewesene. Der Fremde kommt, und auf einmal ist „alles“ anders. Der Fremde ändert etwas. Der Fremde bringt Veränderung - und es ist nicht der Andere oder das spezifisch Andersartige, was den Kern unseres Unbehagens ausmacht, unseres Befremdens gegenüber dem Fremden. Sondern die Veränderung an und für sich. Der Fremde symbolisiert die Veränderung, er führt sie uns vor Augen, er verkörpert sie geradezu: Er hat sich, indem er von irgendwo fortging und hierherkam, selbst verändert.

          „Ich möchte mich verändern“, so lautet die gängige, marktkompatible Semantik in der spätmodernen Welt des strukturell erzwungenen Selbstmarketings. Dabei stimmt das gar nicht: Wir wollen uns gar nicht verändern. Wir wollen uns eigentlich gleich bleiben. So bleiben, wie wir waren, „wie wir sind“. Oder wie wir zu sein meinen.

          Die angesprochenen gesellschaftlichen Verhältnisse der Spätmoderne aber verlangen anderes. Sie fordern Initiative und Innovation, Bewegung und Beweglichkeit, Aktivität und Flexibilität ein. Wir leben in Zeiten der Aktivgesellschaft: Gefragt ist der bewegte Mensch. Die Figur des „Unternehmers“ ist das soziale Rollenmodell unserer Zeit: Dinge angehen, in die Zukunft investieren, kein Risiko scheuen - das sind die gesellschaftlich wertgeschätzten, im Erfolgsfall auch materiell honorierten Eigenschaften des Aktivbürgers. Jeder ein Unternehmer seiner selbst, immer bereit, Verantwortung für sich zu übernehmen, für das eigene Leben, das eigene Fortkommen - das ist die gesellschaftlich dominante und politisch durchgesetzte Erwartung an uns alle.

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