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Der Fall Alicja Tysiąc Ein Einschreiben von Gott

17.04.2007 ·  Der Fall einer Mutter, die nach verwehrter Abtreibung erblindet, spaltet Polen. Gott wird, wahrscheinlich gegen seinen Willen, zum politischen Argument degradiert, schreibt die Schriftstellerin Dorota Masłowska. Eine Anklage der Bigotterie ihrer Heimat.

Von Dorota Masłowska
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Ich hätte mich sicher nicht entschlossen, über Alicja Tysiąc zu schreiben (siehe auch: Der Fall Alicja Tysiąc), der die polnischen Ärzte einen Schwangerschaftsabbruch verweigerten, obwohl klar war, dass die Geburt des dritten Kindes sie das Augenlicht kosten würde, wenn ich sie nicht ein, zwei Wochen vor ihrem Erfolg beim Europäischen Gerichtshof zufällig auf der Straße getroffen hätte. Genauer gesagt, traf ich Kazimiera Szczuka, eine Historikerin und Kritikerin, die sich gerade mit einer zierlichen Frau mit einer seltsamen Brille mit Lupengläsern unterhielt, die wie ein zweites Augenpaar wirkten.

Kazia und ich wechselten ein paar Worte darüber, ob man sich für Werbung hergeben solle. Ich vertrete natürlich ganz mutige Standpunkte à la Kurt Cobain: „Nie und nimmer, pfui Teufel!“ Aber Kazia sagte, sie würde das schon tun, man könne in fünfzehn Minuten einen Haufen Geld verdienen und es verschenken, an Alicja Tysiąc zum Beispiel, die drei Kinder, sechshundert Złoty Rente und eine Sehschwäche von 21 Dioptrien hat. Das verursachte mir natürlich heftige Schuldgefühle. Sich nichts aus Geld zu machen ist ziemlich extravagant in einem Land, in dem es für viele schon ein Luxus ist, überhaupt Geld zu verdienen. Sich deshalb auch noch revolutionär und emanzipiert vorzukommen, zeugt von einem verrutschten Weltbild, also sagte ich: „Dann schick' ich ihr Geld.“ Und das tat ich.

Ein billiges Vergnügen

Heute kannst du in der Großstadt lässig abstrakte Moralprobleme erörtern, während neben dir jemand am Hungertuch nagt. Eine Woche später war der Name, den ich auf das Überweisungsformular geschrieben hatte, in aller Munde, allen Medien, und mich frappierte vor allem die Unverfrorenheit, mit der selbstberufene Ritter des Lichts verkündeten, was gut und was schlecht ist - eine Hand auf der Brust (um den rechten Schlag seines heiligen Herzens zu spüren), die andere bereit, jeden mit dem Messer zu bedrohen, der das Gegenteil behaupten wollte.

Auf solch gewitzt simple Art Gutes zu tun und die einzige Wahrheit zu verkünden ist ein billiges Vergnügen. Und wenn man dazu ohne Haftungsrisiko „i.V.“ mit zugkräftigen Namen wie Gott, Jesus Christus, Maria und Papst Johannes Paul II. unterschreiben kann, kommt man sich selbst und anderen als reiner, guter Mensch vor, der gegen das Böse in der Welt kämpft, und das ewige Leben ist einem fast sicher. Fast. Und weil kürzlich eine Verfassungsänderung zur Verschärfung des Abtreibungsverbots anstand, mehrere tausend Personen im Durchschnittsalter von siebzig Jahren nach Warschau reisten und Transparente mit Losungen wie „Jesus Christus und Maria Ewige Jungfrau beten für euch“ und „Abtreibung ist erblich“ trugen (Alicja meinte: „Diese Frauen sind über sechzig, die werden vermutlich nicht mehr vergewaltigt“), beschloss ich, über sie zu schreiben, obwohl ich mich nie mit dem Transparent „Legalisierung der Abtreibung!“ hinstellen würde. Dazu ist mir dieses Problem moralisch viel zu abgründig, viel zu komplex.

Erschreckende gesellschaftliche Hysterie

Billiger Radikalismus von Außenstehenden hilft da nicht weiter, Fanatiker sollten sich fernhalten. Mein Körper gehört mir, doch niemand sollte sich einbilden, er entferne da nur einen Wurmfortsatz. Es ist kein Wurmfortsatz, aber auch kein Mensch. Aber wenn du Geld für eine illegale Abtreibung hast, ist es doch ein Wurmfortsatz, und hast du keins, ist es ein Mensch. Andererseits beunruhigt mich, dass den Leuten das so leicht über die Lippen geht, dass sie sich so kämpferisch danach drängen, moralische Entscheidungen für andere zu treffen und deren Lasten auf sich zu nehmen, zumal für so wankelmütige und unseriöse Personen, wie Frauen es sind. Hernach auch beim Tragen dieser Lasten zu helfen, dabei sind sie schon viel weniger eifrig. Die guten Worte sind gesagt, die Heiligenbildchen eingesteckt, man war ein guter Mensch und darf es dabei bewenden lassen.

Erschreckend in Polen ist die gesellschaftliche Hysterie in Bezug auf Kinder, die auch ich als Mutter zu spüren bekomme. Sehr löblich wäre diese Hysterie, wenn es nicht bei guten Vorsätzen und frommen Wünschen bliebe, sondern auch Folgen zeitigte. Ein Fremder pöbelt mich auf der Straße an, weil meine Tochter zu dünn angezogen sei, oder droht mir mit der Polizei, wenn ich als Schwangere Bier trinke; aber wenn ich mit dem Kind auf dem Arm in die Straßenbahn steige, muss ich mich fünf Haltestellen weit im Gedränge durchschütteln lassen, bis mir jemand seinen Platz anbietet.

Tag für Tag wird sie als Mörderin bezeichnet

In den Medien tobt eine kuriose nationale Debatte darüber, ob der polnische Staatsbürger solcher von Geburt an ist oder von der Empfängnis an oder gar schon als Samenfaden. Alicja sagt über ihre Tochter: „Sie ist sechs, natürlich liebe ich sie, und das ist etwas anderes, als wenn ich im ersten Monat schwanger bin.“ Der Schutz des ungeborenen Lebens ist vorzüglich ausgebaut. Aber kaum ist der Staatsbürger geboren, kaum hat er den ersten Zug segensreicher polnischer Atemluft getan, zerplatzt dieser Schutzschirm, ehe die Bürgerin, die ihn geboren hat, sich versieht, und alle, die so mannhaft und selbstlos zu seiner Verteidigung angetreten waren, gehen nach Hause und ziehen die Gardinen zu.

Tag für Tag wird Alicja Tysiąc als Mörderin bezeichnet, weil sie ihre Schwangerschaft abbrechen wollte und erklärt, dass sie damals abgetrieben hätte, wenn sie Geld für eine illegale Abtreibung gehabt hätte; denn die Schwangerschaft hat ihr Augenlicht nicht nur gefährdet, sie musste es zerstören. Eine Abtreibung erwägen, abtreiben wollen, gar tatsächlich abtreiben, das geht noch an, aber dann auch darüber sprechen, und zwar öffentlich, das ist allzu unverfroren. Als wir uns treffen, erzählt Alicja davon, wie sie nach ihrer Straßburger Klage gegen Polen immer wieder Briefe mit Heiligenbildchen erhielt mit der beiliegenden Anleitung, wie oft sie welche Gebete zu den Heiligen sprechen sollte. Oder sie erhielt einen Umschlag mit tausend Złoty und dem Zettel: „Nicht von mir, sondern vom lieben Gott.“ Leider habe der barmherzige selbsternannte Gott seine Adresse nicht angegeben, damit Alicja ihm das Geld zurückschicken konnte. Immer wieder sei sie gefragt worden, wie sie das eigene Vaterland so übel verleumden könne.

Rechnen, wofür es diesen Monat wieder nicht reicht

Sie dagegen fragt sich, warum sie Skrupel haben, wofür sie dem polnischen Staat so dankbar sein sollte. Die Ehefrau des stellvertretenden Ministerpräsidenten plädierte dafür, ihr das Sorgerecht zu entziehen. Alicja sagt, wenn sie damals in der Nähe gewesen wäre, hätte sie sie geschlagen. Sie liebe ihre Kinder, sie seien sauber angezogen und hätten zu essen. Und fügt nach kurzer Nachdenklichkeit mit scheuem Lächeln hinzu: „Glaube ich jedenfalls.“

Sie hat eine helle Stimme, und mich erschüttert am meisten, dass sie mit dieser hellen Stimme darüber sprechen kann, wie ihr Vater vor einigen Wochen an Krebs gestorben ist, wie sie seinen Leichnam im Seziersaal sah, dass die Bestattungsmesse sie drei ganze Monatsrenten gekostet hat, dass sie zugenommen hat und in kein schwarzes Kleid mehr passt, wie sie weitgehend erblindet ist und der Arzt ihr gesagt habe, dass sie bald nichts mehr sehen werde, dass sie die Braille-Schrift lernen und sich genau die Koordinaten ihrer Wohnung einprägen solle, was wo liege, denn in Kürze werde die Welt für sie verschwinden - da war sie überzeugt, sie würde verrückt werden.

Alicja Tysiąc ist wegen Depressionen und Angstneurose in Behandlung und sträubte sich sehr dagegen, zum Psychiater zu gehen. Aber als sie sogar vor dem Baden Angst bekam und ihre Tochter mit ins Badezimmer nehmen musste, um sich in die Wanne zu trauen, da ist sie doch zum Psychiater gegangen. Sie sagt, sie nehme Medikamente und werde sie wohl auch weiter nehmen, denn wenn sie sich abends hinlege und die Augen schließe, dann rechne sie nur noch, rechne und rechne, wofür es diesen Monat wieder nicht reicht: das Schulbuch für den Sohn oder den Käse für die jüngste Tochter, die Schulden, die Miete, das Licht. Morgen fahre sie nach Krakau zum Fernsehen und freue sich sehr darauf, gar nicht auf das Fernsehen, sondern auf die Zugfahrt, auf die paar Stunden, die sie dieser monotonen Wirklichkeit entkommen könne.

Eine Frau am Ende ihrer Belastbarkeit

Mit dieser hellen, ruhigen Stimme spricht keine Querulantin, sondern eine Frau, die am Ende ihrer Belastbarkeit ist. Und als Alicja mit ruhiger Stimme sagt: „Was kommt, das kommt“, ist das nicht einfach nur eine Floskel. Sie würde gern ins Ausland fahren, in einer geschützten Werkstatt arbeiten, ein normales Leben führen. Sie zündet sich ihre Zigarette am Filter an und lacht darüber. In diesem Augenblick zählt für mich nur eins: dass diese kranke, leidende, gequälte Frau vom Kampf um die elementare Menschenwürde à la „Ich kaufe Brot und Kaffee im Laden“ überfordert ist.

Alicja weiß nicht, wann sie eine Entschädigung bekommt, denn wenn Polen gegen das Urteil vor dem Europäischen Gerichtshof Berufung einlegt, kann das Verfahren noch zwei Jahre dauern. Seltsam ist, dass das Urteil wegen Menschenrechtsverletzung in diesem Land mit einer Situation einhergeht, in der immer obskurere Figuren sich ans Mikrofon drängeln, die öffentliche politische Diskussion immer absurdere Formen annimmt, die Ehefrau des stellvertretenden Ministerpräsidenten „lebenslänglich“ für alle fordert, die abtreiben, und meint, jetzt sei sie die Königin der Herzen; mit einer Situation, in der der Abgeordnete Miroslaw Orzechowski ein Gesetz fordert, um Homosexuelle aus dem Schuldienst zu entfernen, und ein fanatischer Priester, der alten Leuten mit Höllenszenarien und der Vision eines von blutrünstigen Liberalen zerrissenen Vaterlandes Angst einjagt, darüber entscheiden will, ob eine Frau ihr Kind bekommt, auch wenn beide dabei sterben sollten, während alle sich ohne größere Hemmung die selbstverfassten Einschreiben vom lieben Gott ans Revers heften.

Und das beunruhigt mich am meisten: dass Gott in diesem Staat nicht mehr Liebe bedeutet, nicht mehr Teilen und Geben, Helfen, dass er nicht sagt: „Suchet mich“, sondern „Hier bin ich.“ Dass er nicht sagt: „Ein Mensch“, sondern: „Ein Schwuler“. Dass Gott, wahrscheinlich gegen seinen Willen, zum politischen Argument degradiert ist; Gott ist unfreiwillig Sejm-Abgeordneter geworden. Dieser Gott liebt nicht, er eint nicht, er schreckt und teilt und zeigt mit dem Finger und schickt zur Unterstützung Heiligenbildchen, und er verbrennt Hexen, denn Frauen waren schon immer leichter ins Feuer zu stoßen.

Dorota Masłowska, geboren 1983, ist die bekannteste und umstrittenste polnische Schriftstellerin der jüngeren Generation. Mit achtzehn Jahren schrieb sie ihren Debütroman „Schneeweiß und Russenrot“, der 2004 auf Deutsch herauskam. Für ihr zweites, im Juni bei Kiepenheuer und Witsch erscheinendes Buch „Die Reiherkönigin“ erhielt sie den wichtigsten polnischen Literaturpreis, die „Nike“. Sie ist Mutter einer Tochter.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl.

Quelle: F.A.Z., 17.04.2007, Nr. 89 / Seite 33
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