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Der „Blaue Wittelsbacher“ Ein Schnäppchen im Vergleich zur Landesbank

10.12.2008 ·  Der „Blaue Wittelsbacher“ zierte einst die bayerische Krone, jetzt kann ihn der Freistaat wohl nicht bezahlen. Nach einer Auktion bei Christie's 1931 verschwand der Diamant, jetzt soll er dort wieder versteigert werden - für 11,3 Millionen Pfund.

Von Hannes Hintermeier
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Auch Diamanten haben ihre Geschichte. Eine die, gemessen an menschlichem Maß, unendliche Zeiträume überspannt. Denn den Stoff, aus dem heutige Begierden sind, hat die Natur unter hohem Druck und ebensolchen Temperaturen in großer Tiefe geformt. Reiner Kohlenstoff, das härteste Material. Es ist durch Vulkanismus in die oberste Erdkruste gewandert; die ältesten Diamanten sind mehr als drei Milliarden Jahre alt. Insofern berührt unsere Geschichte hier dann nur den vorläufig letzten Sekundenbruchteil im Leben eines solchen Edelsteins: Sie beginnt mit einer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1664 am spanischen Königshof.

Die Reise ans Licht tritt dieser Diamant vermutlich im frühen siebzehnten Jahrhundert in Indien an. Es gibt Grund zur Annahme, dass der blaue Stein aus den Minen des Großmoguls Jahangir stammt und von Agra aus seinen Weg an den Hof Philipps IV. gefunden hat. Der spanische König schenkt ihn seiner Tochter Teresa, was wiederum sein Hofmaler Diego Velázquez auf einem Porträt von ihr festhält. Dann wird Teresa die Gattin des Habsburger Kaisers Leopold I., der Stein mithin 1666 Teil des österreichischen Kronschatzes. Über die österreichische Erzherzogin Maria Amalia, die 1712 in München den Kurprinzen Karl Albrecht ehelicht, kommt der Diamant in den Besitz der Wittelsbacher. Auch sie erkennen seine Ausnahmestellung und würdigen ihn entsprechend. Im Jahr 1774 heißt es in einer Inventarliste: „Der grosse plaue Prilliant“ sei von so ausnehmender Schönheit, „daß keiner der gleichen zu finden ist“. Max III. Joseph lässt eine Fassung für das Goldene Vlies anfertigen, das zu Repräsentationszwecken getragen wird. 1806, als Bayern Königreich wird, findet der Diamant seinen Platz als Leitstein in der Krone.

Nach vergeblicher Versteigerung verschwunden

Nach der Revolution von 1918 beginnt für den „Blauen Wittelsbacher“, wie er nun allgemein genannt wird, erneut eine unruhige Zeit. Der 1923 gegründete Wittelsbacher Ausgleichsfonds sieht nämlich vor, dass Kunstgegenstände sowie Schmuck in eine Landesstiftung einzubringen sind - um sie dauerhaft in Museen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Als das Adelsgeschlecht, das Bayern mehr als achthundert Jahre lang regiert hat, 1931 wegen der Inflation und schlechter Erträge aus der Forstwirtschaft in arger Geldnot ist, genehmigt die Staatsregierung den Verkauf einzelner Gegenstände der Landesstiftung. Man entscheidet sich für Schmuckstücke, weil man diese für weniger auffällig und vermeintlich leichter verschmerzbar hält als etwa Gemälde.

Am 21. Dezember 1931 soll der „Blaue Wittelsbacher“ bei Christie's in London versteigert werden. Der Versuch misslingt, es findet sich kein Käufer. Die Spur des Steines verliert sich nach dieser Auktion für drei Jahrzehnte. Jedoch in München hat man ihn buchstäblich abgehakt - und aus der Inventarliste gestrichen. Anfang der sechziger Jahre taucht er in Antwerpen bei einem Juwelenhändler namens Jozef Komkommer wieder auf; der hat ihn, den Wert des Diamanten erkennend, einer Erbengemeinschaft abgekauft, die wegen eines neuen Schliffs bei ihm vorstellig geworden ist. Für 1,5 Millionen Mark bietet der Händler dem Haus Wittelsbach den Stein zum Kauf an. Herzog Albrecht aber lehnt ab. Warum er das tut, ist allerdings unklar. Und auch die Summe, sagt Andreas von Majewski, der Leiter der Inventarverwaltung beim Wittelsbacher Ausgleichsfonds, könne er nicht bestätigen. Aufzeichnungen darüber existierten nicht.

Der zweitgrößte blaue Diamant überhaupt

Komkommer jedenfalls gibt den Diamanten an den Hamburger Juwelier Renatus Wilm, der ihn an einen ungenannten Privatmann verkauft. Seit dieser Zeit geistert der Name Horten als Besitzer durch die Gazetten. Heidi Horten, österreichische Milliardärin, soll den Stein als Morgengabe zur Hochzeit von ihrem Mann, dem Kaufhausmogul Helmut Horten, bekommen haben. Und nun will sie sich offenbar von der Pretiose trennen. So liegt diese wieder bei Christies's, aufgerufen jetzt für neun Millionen Pfund, umgerechnet 11,3 Millionen Euro. Die große Frage wird sein: Wer zahlt's? Oder anders gefragt: Zahlt's wer?

Der Preis ist insofern vollkommen realistisch, als er sich einfach nach dem derzeit gängigen Marktwert richtet, welcher nach Karat berechnet wird. Schließlich erhielte der Käufer eine äußerste Rarität. Weniger als ein Prozent aller gefundenen Diamanten sind blau, und der Wittelsbachische ist mit einer Karatzahl von 35,56 nach dem Hope-Diamanten mit 45,52 Karat der zweitgrößte blaue Diamant überhaupt. Der 7,10 Gramm schwere Edelstein ist in einem alten Stil, dem sogenannten Kissenschliff gearbeitet; der taubeneigroße Stein sei „von beeindruckender Qualität“, berichtet Rudolf Biehler: Der Edelsteinhändler vom Münchner Promenadeplatz kennt seinen Wittelsbacher - nicht nur, weil er auf die Frage, wie lange er schon in diesem Geschäft sei, ungerührt antwortet: „Mehr als dreihundert Jahre.“ Sein Großvater habe den Stein als Konservator in der Schatzkammer der Residenz bewacht, er selbst habe ihn schon in den sechziger Jahren gesehen - damals, beim Juwelier Wilm in Hamburg. Auch Biehler wird heute bei der Auktion in London sitzen. „Alle werden da sein.“ Um zu kaufen? „Nein, kaufen werden wir ihn nicht, aber genau beobachten, was passiert.“

Für ihn hat Bayern wohl kein Geld

Als vor einigen Wochen bekannt wurde, dass der Stein wieder auf den Markt kommen wird, brach in München ein geradezu untypisches Schweigen aus. Höchstens ein Mit-dem-Finger-auf-andere-Deuten war zu sehen. Die Zuständigkeiten werden sehr unterschiedlich definiert. Kaufen? Ja, klar. Aber wer denn? Die Wittelsbacher? Eher nicht. Etwas dazu zu sagen? Jetzt auf keinen Fall. Und wenn doch, dann am ehesten die Landesstiftung, der die Krone gehört, in die der Stein zurück sollte. Die müsste doch wollen. Andreas von Majewski vom Ausgleichsfonds für sein Teil sagt lediglich: „Wir beobachten als ehemaliger Verkäufer die Szenerie.“ Andere nennen als berufene Käufer das Finanzministerium, am Ende auch die Landesregierung - aber zitieren lassen mag sich in dieser Causa niemand so recht. Ohne Zustimmung des Landtags, meint eine Kennerin, wäre der Kauf sicher nicht möglich.

Aber die Politik, die hat zur und auf unabsehbare Zeit ganz andere Sorgen. Die rettet für Aber-Milliarden die Bayerische Landesbank, die sie all die Jahre nicht ausreichend kontrolliert hat, obwohl so viele CSU-Minister im Verwaltungsrat saßen. Und ausgerechnet Abgeordnete sollen in dieser Lage Geld für einen Edelstein herausrücken, auch wenn die Summe im Vergleich zur täglichen Milliardenjonglage erdnussmäßig klein ist? Bleibt nur die Hoffnung auf einen in aller Stille akquirierten Mäzen oder auf ein Konsortium, das den Stein erwerben und ihn dem Museum als Dauerleihgabe überlassen soll.

Ein Stein für den Handel ist das ohnehin nicht

Damit kommt man zum Kern des Problems, an die Frage nämlich, ob ein Diamant mit einem Gemälde vergleichbar sei? Die gefühlte Meinung neigt sich gegen ein einfaches Ja: Ein einzelner Diamant, und sei er noch so groß, wird keine Besucherschlangen generieren, wie sie sich derzeit im Fall der Kandinsky-Ausstellung im Lenbachhaus um den Block wickeln. Denn ein Edelstein gilt eher als Kunstgewerbe denn als Kunst. „Ein Rubens oder ein Dürer, das ist schon ganz etwas anderes“, meint auch Andreas von Majewski. Obendrein wurde der fehlende Stein in der Krone durch ein blaues Imitat ersetzt; die Krone wirkt also komplett. Und damit habe man doch gut gelebt, meint eine Kunsthistorikerin, die lieber auch nicht in der Zeitung stehen möchte.

Dennoch ist es eindeutig: Die Freude über eine Rückkehr des „Blauen Wittelsbachers“ wäre enorm. Ein Stein für den Handel, erklärt Rudolf Biehler, sei das ohnehin nicht. Und auch keiner, den man umschleifen dürfe: „Wenn das geschieht, dann ist er wertlos. Das wäre absolut barbarisch. Wer das tut, dem würde ich alles an den Hals wünschen.“ Das emotionale Potential eines solchen Juwels ist also unverändert turmhoch. Christie's versucht nur, aus diesem international verbreiteten Phänomen Kapital zu schlagen. Aber welche Superreichen kommen als Käufer infrage - arabische Scheichs, russische Oligarchen, chinesische Tycoons? Immerhin, im Falle eines Käufers aus dem Morgenland wäre es Biehler nicht bange: „Die Araber haben ein hohes Maß an Sensibilität, sie beschützen solche Steine.“

Wieder in Krisenzeiten unter dem Hammer

Am Staatsministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst, das einen Beamten in den Vorstand der Wittelsbacher Landesstiftung entsendet, sieht man die Angelegenheit noch aus einer ganz anderen Perspektive. Hier beklagt man das Fehlen eines staatlichen Vorkaufsrechts. Es gibt bis heute keine bundeseinheitliche Regelung, um solche Pretiosen für das Land zu sichern. Immer wieder - wie zuletzt im Fall der Ottheinrich-Bibel - würden wertvollste Kunstgegenstände außer Landes geschafft, um sie verkaufen zu können; der Fall des Diamanten liege zwar tendenziell anders, aber Fragezeichen blieben viele, was nach 1931 mit dem Stein geschehen sei.

Auch verblüfft eine erstaunliche Parallelität der Geschichte: Der „Blaue Wittelsbacher“ kommt zum zweiten Mal inmitten einer globalen Wirtschaftskrise unter den Hammer - ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt für einen Verkauf. Muss der Freistaat über seinen Schatten springen? Rudolf Biehler sagt: „Wenn es Seehofer täte, wäre es nicht falsch.“ Ob am Mittwoch ein Emissär des bayerischen Ministerpräsidenten unter den Bietern sitzt?

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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