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Veröffentlicht: 17.05.2017, 22:55 Uhr

Altenstein wird Kulturdenkmal Ein Schloss für Brahms

Altenstein in Thüringen ist zum „Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung“ erklärt worden. Ein neues Museum erinnert dort an die Musik von Johannes Brahms.

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© Jan Brachmann Eigentlich war Schloss Altenstein in Thüringen nur noch eine Ruine, nun erwacht die Residenz wieder zu neuem Leben - und beherbergt als Kulturdenkmal eine Gedenkstätte für den Komponisten Johannes Brahms.

Musik kann – wie man weiß – Steine bewegen, und das heißt nicht nur, dass sie Steine erweicht. Sich rühren sei besser als gerührt sein, behauptete Bertolt Brecht, und was Brecht recht ist, das ist Brahms billig. Ohne Johannes Brahms wäre das Schloss Altenstein in Bad Liebenstein, am Südwesthang des Thüringer Waldes, heute vermutlich noch immer die Ruine, die ein Brand im Februar 1982 hinterließ. Jetzt aber sind die Steine in Bewegung geraten, das Schloss ersteht neu.

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Acht Jahre nämlich nach der Katastrophe, die das gesamte Interieur – das Treppenhaus, die Kassettendecken, Fensterbänke, den gekachelten Kamin – vernichtet hatte, kamen Kurt und Renate Hofmann aus Lübeck hierher. Die beiden gehören zu den wichtigsten Brahms-Forschern und Brahms-Sammlern weltweit. Das Lübecker Brahms-Institut, eine der umfangreichsten Quellensammlungen zu dem Komponisten, heute geleitet von Wolfgang Sandberger, fußt auf der jahrzehntelangen Arbeit des Ehepaars. Die Hofmanns sahen den Jammer in Altenstein, aber auch die einzigartige Schönheit des 160 Hektar großen Landschaftsparks mit dem dazu passenden Schloss, das Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen, der große Theaterimpresario und Musikförderer, zwischen 1888 und 1891 im Stil englischer Herrenhäuser der Spätrenaissance hatte umbauen lassen.

Kurz nach der ersten Begegnung mit dem zauberhaften Ort machten die Hofmanns auf einen besonderen Umstand aufmerksam: Brahms war zweimal hier gewesen, als Gast des Herzogs und dessen Gattin, Helene Freifrau von Heldburg, die ihn freundschaftlich wie ihresgleichen behandelten. Das Balkonzimmer im zweiten Stock hat er vermutlich bewohnt und schrieb seiner Freundin Clara Schumann am 17. November 1894: „Ich wünschte (und die Herrschaften auch), Du mögest hier an meinem Fenster sitzen, auf meinen Balkon hinausgehen können und dann hinaus in den herrlichen Park und Wald. Die schönsten Fasane, Hirsche und Rehe dutzendweis spazieren mit.“ Ein knappes Jahr später kam er wieder. Beide Besuche – das lässt sich detailreich belegen – waren erfüllt von Gesprächen über Kunst und Politik und vom Musizieren auf höchstem Niveau im engsten Kreis.

Hartnäckigkeit eines brennenden Herzens

Heute, da Brahms’ Geburtshaus in Hamburg und sein Sterbehaus in Wien nicht mehr stehen, ist Schloss Altenstein – neben dem zeitweiligen Sommerhaus in Baden-Baden – einer der letzten verbliebenen authentischen Orte, die eine emphatische Verknüpfung mit Brahms’ Biographie vorweisen können. Durch diesen Umstand – und mit der Hartnäckigkeit eines brennenden Herzens – ist es den Hofmanns gelungen, eine Neubewertung der Liegenschaft, die zur Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten gehört, zu bewirken. Schloss und Park Altenstein gelten jetzt als „Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung“. Der Bund bezuschusst mit beträchtlichen Beträgen den Wiederaufbau des Schlosses und die Einrichtung einer Brahms-Gedenkstätte.

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Im Freistaat Thüringen und bei der Schlösserstiftung sah man das anfangs mit Freude und nahm auch die großzügige Schenkung gern an, mit der das Ehepaar Hofmann nicht nur kostbare Brahms-Autographe, Erstdrucke, Originalbilder, Plastiken und ein Klavier, sondern auch mehrere hundert snuff bottles – chinesische Schnupftabakfläschchen als Reminiszenz an die verschwundene herzogliche Sammlung von Chinoiserien – in die Obhut der Stiftung überführte.

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