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Denkmal für Deserteure : Der Horizont offen

Am Himmel ein Kettentext Bild: ddp

In Köln steht das erste Denkmal für Deserteure in Deutschland, das im öffentlichen Raum errichtet wurde. Das vom Graphiker Ruedi Bauer geschaffene Werk ist frei von Einschüchterungspathos und Betroffenheitsästhetik.

          Es sind keine Worte, die schon in Stein gemeißelt wurden, keine Inschriften, wie wir sie von Denkmalen kennen, keine Spruchformeln der Erinnerungskultur, die hier herrschen. Noch immer besteht Unsicherheit und nicht einmal rechtlich Eindeutigkeit gegenüber Deserteuren, die im Krieg als Wehrdienstzersetzer und Verräter abgeurteilt und noch lange danach als Feiglinge und vaterlandslose Gesellen kriminalisiert wurden (siehe auch: Was bedeutet die Rehabilitierung der „Kriegsverräter“?). Und so sind die Sätze, mit denen Ruedi Baur mit seinem Kölner Mahnmal die Deserteure der NS-Militärjustiz würdigt und ihrer gedenkt, nicht festgelegt oder gar verankert, buchstäblich hängen sie in der Luft und lassen sich doch nicht auseinander nehmen. Denn sie treten in einer Reihe auf, in der einer aus dem anderen folgt, so dass sich der militärische Ungehorsam aus der individuellen Geste der Zivilcourage ableitet.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der aus diesen Sätzen gestrickte Satz (siehe Kasten) steht, nein: nicht auf einer Wand, sondern förmlich an den Himmel geschrieben, in großen, poppig bunten und mehrmals die Farbe wechselnden Lettern aus Aluminium, die keinen festen Hintergrund, keinen Rückhalt haben: Als Kettentext hängen die Buchstaben in einer leichten, offenen Stahlkonstruktion, die in der Länge acht, in der Breite vier und in der Höhe mehr als drei Meter misst.

          Schräg und scheinbar deplaziert

          Einer Pergola ähnlich steht sie am Appellhofplatz, Ecke Burgmauer / Neven-Du-Mont-Straße, und wirkt dabei so schräg und scheinbar deplaziert wie so manches im Kölner Stadtbild. Neben dem Eingang zur U-Bahn, in der Sichtachse des Doms ist das Denkmal aufgestellt und etwa gleich weit von drei Gebäuden entfernt, zu denen es Blickbeziehungen aufnimmt: dem Zeughaus, das als Teil des Stadtmuseums die Kölner Geschichte speichert, dem Verwaltungsgericht, vor dem Krieg Ort der Strafjustiz, an dem Sondergerichte während des Nationalsozialismus mindestens 123 Todesurteile gefällt haben, und dem EL-DE-Haus, in dem die Gestapo ihre Folterkammer hatte und seit 1988 das NS-Dokumentationszentrum der Stadt untergebracht ist. Doch das Denkmal steht frei. Im Schnittpunkt der Geschichte ist es selbst nicht Teil von ihr. Wer es sich ansieht, muss sich unterstellen, ohne Schutz zu finden, aber sich nicht in Demut hinunterbeugen, sondern - ganz im Gegenteil - hinaufblicken. Was er dann liest, bleibt nicht in der Historie befangen, sondern beschriftet den Horizont, den es bedeckt, aber nicht schließt.

          Es ist, teilt die Stadt Köln mit, das erste Denkmal für Deserteure in Deutschland, das im öffentlichen Raum errichtet wurde. Vierzehn Künstler hatten die Initiatoren zu einem internationalen Wettbewerb eingeladen, dreizehn von ihnen, darunter prominente wie Rosemarie Trockel, Bogumir Ecker, Luca Vitone oder Gregor Schneider, haben sich beteiligt, doch gewonnen hat überraschend und einstimmig der schweizerisch-französische Graphiker und Typograph Ruedi Baur, der in Köln schon die Piktogramme des Flughafens gestaltet hat. Was er entworfen und, scheinbar provisorisch, gebaut hat, ist frei von Einschüchterungspathos und Betroffenheitsästhetik: ein Denkmal, das landläufige Vorstellungen von Denkmal verändert und in Frage stellt, es buchstäblich auseinander nimmt und ihm Bedeutung zurückgewinnt. Denk mal.

          Hommage den Soldaten, die sich weigerten zu schießen auf die Soldaten, die sich weigerten zu töten die Menschen, die sich weigerten zu foltern die Menschen, die sich weigerten zu denunzieren die Menschen, die sich weigerten zu brutalisieren die Menschen, die sich weigerten zu diskriminieren die Menschen, die sich weigerten auszulachen die Menschen, die Zivilcourage zeigten, als die Mehrheit schwieg und folgte.
          Inschrift des Kölner Deserteursdenkmals

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