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Demographie Unser Verschwinden würde gar nicht auffallen

Demographisches Denken ist ins Zentrum unseres politischen Handelns gerückt. Damit steigt die Gefahr von schiefen Interpretationen. Vierzehn Richtigstellungen von dreizehn Legenden über die demographische Entwicklung Deutschlands.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Generation von morgen: 75 Jahre dauert es, um eine demographische Fehlentwicklung umzukehren

Der sogenannte demographische Wandel betrifft jede der 13 800 Gemeinden in Deutschland auf eine andere Weise. Für die einen kommt er auf Samtpfoten daher wie ein liebes Kätzchen, für die anderen nähert er sich wie ein gefährliches Raubtier.

Landauf, landab werden nun die Auswirkungen der demographischen Veränderungen auf Wirtschaft, Gesellschaft, Staat und Kultur auf unzähligen Kongressen diskutiert. Dazu heißt es im neuesten Raumordnungsbericht der Bundesregierung: „Zum demographischen Wandel ist hierzulande schon viel, wenn nicht bereits alles gesagt und geschrieben worden - allerdings noch nicht von jedem.“ Es wäre aber schön, wenn alles nicht nur von allen schon gesagt, sondern auch richtig gesagt worden wäre. Eine Beschäftigung mit den derzeit populären Ansichten über die demographische Entwicklung fördert jedenfalls interessante Irrtümer und Legenden zutage.

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LEGENDE 1

Deutschland steht „vor“ einer demographischen Herausforderung.

Deutschland steht nicht vor einer demographischen Herausforderung, sondern es beginnt zu merken, daß eine demographische Herausforderung existiert. Die Herausforderung selbst besteht schon seit 1972. Seit diesem Jahr ist die Zahl der Sterbefälle größer als die der Geburten.

LEGENDE 2

Die Demographen wissen nicht, was sie wollen. Sie redeten jahrzehntelang über die Gefahr einer Bevölkerungsexplosion, jetzt soll es plötzlich ein Problem der Bevölkerungsimplosion geben.

Die Öffentlichkeit muß sich daran gewöhnen, zwischen Fachdemographie und Gelegenheitsdemographie zu differenzieren, so, wie sie zwischen Astronomie und Astrologie unterscheidet. In der Fachdemographie war die Gleichzeitigkeit von Bevölkerungsexplosion und -implosion immer ein Hauptthema. Die Welt besteht aus rund hundertachtzig Ländern, so gut wie keines befindet sich im demographischen Gleichgewicht. Entweder schrumpfen die Länder, oder sie wachsen. Deutschland ist das erste Land der Welt, in dem sich der von der Bevölkerungstheorie lange vorausgesagte Übergang vom Bevölkerungswachstum in die -schrumpfung vollzog. Sämtliche Länder der Erde folgen. Die Weltbevölkerung wird von 2070 an vom Wachstum in die Schrumpfung übergehen. Nach 2070 wird es aber immer noch wachsende und schrumpfende Länder geben. Je weiter ein Land in seiner sozioökonomischen Entwicklung zurückbleibt, desto später erreicht es die maximale Bevölkerungszahl. In einigen afrikanischen Ländern wird die Bevölkerung auch im zweiundzwanzigsten Jahrhundert noch weiter wachsen.

LEGENDE 3

Langfristige Bevölkerungsprognosen sind unmöglich oder beruhen auf Kaffeesatzleserei.

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