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Demographie : Kultur wird zur Altenbespaßung

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Kulturrezipienten sind zu einem Großteil Grauköpfe: Die Jungen arbeiten auf der Produzentenseite und machen Kultur für die Alten. Bild: dpa

Zwei Jahrhunderte lang trieb der Streit zwischen Alt und Jung Kunst und Kultur voran. Nun hat ihn ein Friedensfest ersetzt, in dem die Jungen, statt zu kämpfen, dem Vergnügen des alternden Publikums dienen.

          Die Zahlen sprechen nicht dafür, dass die traditionellen Einrichtungen der Bildung untergehen werden. Theater, Opernhäuser und Konzertsäle sind ausgebucht, Museen und Ausstellungen geben zum Jahresende Besucherzahlen bekannt, von denen sie vor fünfzig Jahren nur hätten träumen können, Schlösser und historische Ruinen müssen häufig den Andrang der Schaulustigen durch Schließung regulieren - wer wollte da von Verlust historischen Wissens und Untergang der Kultur reden.

          Schnell jedoch meldet sich die Sorge wieder beim Blick über die Menge, die in den Konzertsälen Platz nimmt oder den Bussen entsteigt, die sie zu Kulturveranstaltungen transportieren. Zu einem hohen Prozentsatz besteht sie aus Grauköpfen; rar sind junge Gesichter. Die Jugend, so scheint es, hat das Interesse an der traditionellen Kultur verloren. Sie ist abgewandert zu Kunstformen, die auf keinen Fall dem alten Bildungskanon angehören, und so erhärten sich die Bedenken, dass mit den Senioren auch die Seniorenbeschäftigung ein Ende haben könnte.

          Gleichzeitig aber verjüngen sich die Orchester zusehends, immer häufiger übernehmen junge Kunsthistoriker Museumsleitungen, verantworten junge Regisseurinnen Theaterinszenierungen, und vor allem findet jene große Zahl von Kunsthistorikern und Germanisten, die die Universitäten ausbilden, ein - wenngleich spärliches und unsicheres - Auskommen als Museumsführer, Kulturvermittler, Reiseleiter. Für den Kunstgenuss also stehen junge Leute nicht mehr an, wohl aber für einen Beruf in den Bereichen von Kunst und Kultur. Sie gehören nicht zu den Rezipienten der Kultur, sie sind ihre Organisatoren oder Produzenten.

          Die Jüngeren kümmern sich um die Alten

          Das Gesetz, das den Kulturbetrieb regelt, lautet: Junge Leute machen Kultur für alte Leute. Bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts war Kultur ein Statussymbol, das die Klassen trennte, die Oberschicht verband, die Unterschicht ausschloss. Heute ist sie eine Unterhaltung, die die Gemüter, je nach Alter, unterschiedlich beschäftigt. Die einen machen aus der Kultur einen Beruf, dessen Aufgabe darin besteht, die anderen zu führen, zu belehren. Das Familienmodell, das vorsieht, dass jüngere Mitglieder für ältere sorgen, prägt auch die Praxis der Kultur - sie ist eine Zugabe zur Rente geworden.

          Diese Art der Kommunikation zwischen den Generationen, die Kultur als einen Teil des Versorgungsprogramms vorsieht, dürfte der eigentliche Grund für das schwindende Interesse der jüngeren Teilnehmer am kulturellen Leben sein. Jugendliche vermeiden, sofern sie nicht ihr Beruf zur Versorgung des älteren Publikums verpflichtet, Orte, wo Leute auftreten, die sogar noch älter sind als ihre Eltern. Je beliebter etwa in den Geisteswissenschaften bei Senioren die Vorlesungen wurden, desto seltener besuchten sie Studenten. „Gerade bin ich meinen Eltern entkommen, jetzt setze ich mich doch nicht neben meinen Großvater“, sagte wörtlich ein Student.

          Inzwischen werden Vorlesungen in Geschichte, Literatur- und Kunstwissenschaft fast nur noch von Älteren gehört. Die Kultur bietet, anders als bei den Avantgarden Ende des 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, der Jugend keine Chance mehr zum Aufstand gegen die herrschenden Meinungen und Vorstellungen der Erwachsenen. Kultur ist zum Service geworden, mit dem die jüngere die ältere Generation unterhält. Der Konflikt zwischen den Generationen, der früher Kunst und Kultur vorantrieb, ist allgemeinem Einverständnis gewichen, in dem jegliche ästhetische Leidenschaft untergeht.

          Kunst als Waffe im Kampf der Schichten

          Solange die Kultur das Privileg einer aristokratischen oder bürgerlichen Oberschicht war, dienten Kunstproduktion wie Kunstrezeption als Waffen auch im Kampf der sozialen Klassen. Entweder versuchten Schüler aus der Unterschicht sich die Bildungsideale auf dem Gymnasium und durch das Studium anzueignen, um in die Oberschicht, die sie bis dahin ausschloss, aufzusteigen. Die Söhne wiederum, die dieser Schicht angehörten, nutzten die Bildung dazu, ihren Aufstand gegen diese Gesellschaft zu artikulieren.

          „Gerade bin ich meinen Eltern entkommen, jetzt setze ich mich doch nicht neben meinen Großvater.“ Je mehr Senioren in den Hörsälen sitzen, desto weniger werden sie von Studenten besucht.
          „Gerade bin ich meinen Eltern entkommen, jetzt setze ich mich doch nicht neben meinen Großvater.“ Je mehr Senioren in den Hörsälen sitzen, desto weniger werden sie von Studenten besucht. : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Die sozialen Revolutionen des 19. Jahrhunderts waren stets begleitet von Revolutionen in Kunst und Kultur. Wie die politischen Parteien bekämpften sich Freundesgruppen, zu denen sich Künstler und Philosophen zusammenschlossen. Von den Enzyklopädisten über Victor Hugos „Grand Cénacle“, Murgers „Buveurs d’eau“ im Quartier Latin, die französische, die Schwabinger oder Berliner Boheme, den Fauves, die Gruppe „Die Kommenden“ um Rudolf Steiner, die Sezessionisten engagierte sich die Jugend für den Fortschritt in Kunst und Kultur und versetzte die bestehende Gesellschaft in Panik.

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