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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Demographie Kinderlos? Nein, falsch gezählt

 ·  Den Deutschen steht unerwartet Kindersegen ins Haus: Zwei seltsame Gesetze sind renoviert worden, die für ein falsches demographisches Bild sorgten - indem sie Mütter unter bestimmten Umständen als kinderlos einstuften.

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Den Deutschen steht unerwartet Kindersegen ins Haus: Endlich sind zwei seltsame Gesetze renoviert worden, die bisher verhinderten, dass wir uns ein Bild von unserer Zukunft machen können, dem auch zu trauen wäre. Denn trotz hitziger Debatten über demographischen Wandel und zu viele Kinderlose sind doch viele Daten, auf denen alle Befürchtungen basierten, gelinde gesagt, unvollständig.

Soll heißen, dass die Standesämter zum Beispiel nie jene Kinder mitzählten, die eine Frau, die zum zweiten Mal heiratete, mitbrachte oder beim Vater ließ. Soll auch heißen, dass viele Frauen, die bisher zu den Kinderlosen sortiert wurden, in der Statistik nun als Mütter auftauchen werden, weil der sehr alte, ideologisch geflochtene Zopf abgeschnitten ist, wonach ihre Kinder nicht erfasst werden, wenn sie vor ihrer Ehe geboren wurden - was bekanntlich immer häufiger geschieht.

Grobe Fehleinschätzungen

Bisher galt ein deutscher Sonderunsinn, der zu groben Fehleinschätzungen über das Ausmaß der Kinderlosigkeit geführt hat; ganz zu schweigen von der damit legitimierten Unterstellung, Frauen verzichteten aus hedonistischen Gründen auf ein Kind. Dass die Reform die falsche Zahl von mehr als vierzig Prozent kinderlosen Akademikerinnen, die sich dem Familienleben verweigern sollen, aus den Archiven und dem Internet tilgt, darf allerdings nur gehofft werden. Unbemerkt von der Öffentlichkeit, akzeptierte jetzt der Bundestag die Änderungen des Mikrozensusgesetzes und jenes zur Bevölkerungsstatistik, und sie treten bereits zum Jahreswechsel in Kraft. Alle vier Jahre dürfen nun Frauen im Alter von fünfzehn bis zu fünfundsiebzig Jahren nach der tatsächlichen Zahl ihrer Kinder und den Jahren, in denen diese geboren wurden, befragt werden. Der Mikrozensus, wichtige Datenbasis für die Wissenschaft, wird nun nicht mehr nur die im Haushalt lebenden Kinder erfassen. Das klingt banal, kommt aber einem Paradigmenwechsel gleich.

Es galt als unschicklich, ja unzumutbar, eine Frau nach der tatsächlichen Zahl der von ihr geborenen Kinder zu fragen. Verstehe das, wer will. Und so dürfen nun auch Frauen, deren Kinder früh ausgezogen sind, Mütter bleiben, statt wie bisher die Zahl der Kinderlosen zu erhöhen. Und es werden nicht mehr nur Frauen, die jünger als 39 Jahre sind, nach Kinderglück und Familiengröße befragt. Wer sein erstes Kind später bekam, bekanntlich gerade Akademikerinnen, wurde bisher ignoriert.

Am Starrsinn gescheitert

Familienforscher und Demographen hatten mit dieser Revolution fast nicht mehr gerechnet. Im Statistischen Jahrbuch, schrieb Rainer Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in dieser Zeitung, fänden sich zur Anbaumenge von Topfchrysanthemen und dem Gänsebestand präzisere Angaben als zur Zahl der Kinderlosen und der Mütter mit außerehelich geborenen Kindern. Doch trotz deutlicher Warnungen angesichts derart unsicherer Bevölkerungsdaten ist die von Wissenschaftlern geforderte Korrektur immer wieder am Starrsinn oder der Unkenntnis vieler Politiker gescheitert. Widerstand kam von den Grünen und der Linkspartei, die von „sensiblen Daten“, „Sammelwut“ und „Überwachungsstaat“ raunen. Eine Christdemokratin, die dreißigjährige Soziologin und Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler, aber hat es nun geschafft, die Gesetzesnovelle zum Erfolg zu führen.

Zu den engagierten Pionieren dieser Wende gehört zweifellos das Rostocker Max-Planck-Institut für demographische Forschung. Unbeirrt lud es immer wieder Wissenschaftler und Statistiker zu Tagungen und Workshops und zeigte dort all die statistischen Unschärfen und Irrtümer auf. Das jüngst von Michaela Kreyenfeld und Dirk Konietzka dazu herausgegebene Buch sei jedem empfohlen, der es genauer wissen will und sich für die viel weiter gefassten, weil auf zuverlässigeren Daten beruhenden Denkansätze anderer europäischer Länder interessiert („Ein Leben ohne Kinder - Kinderlosigkeit in Deutschland“. VS Verlag für Sozialwissenschaften). Die beiden Herausgeber haben vor allem mit ihren Ost-West-Studien belegt, wie absurd hierzulande teilweise die Diskussion um Geburtentief und Kinderlosigkeit verlief. Irreführende Vorstellungen durch unsachgemäßen Umgang mit statistischen Daten hätten leider Auswirkungen auf politische Entscheidungen, schreiben sie.

„Zusammengefasste Geburtenrate“

So wurde, was besonders im Ost-West-Vergleich eine fatale Rolle spielte, immer wieder in den Medien und der Politik eine „zusammengefasste Geburtenrate“ benannt, die aber keinesfalls geeignet ist, exakt zu beschreiben, wie sich das Geburtenniveau entwickelte. Doch weil diese Zahlen im Internet abrufbar sind, avancierten sie zum scheinbar gesicherten Tatbestand. Im Osten wurden immerhin bis 1990 alle Kinder, die eine Frau geboren hatte, erfasst. Darum ist Kinderlosigkeit dort seriöser zu schätzen.

Kreyenfeld und Konietzka bestehen auf Kohortenzahlen statt der Geburten in einem Kalenderjahr, vergleichen also die Frauen eines Jahrgangs. Und in diesen Statistiken zeigt sich, dass sie im Osten bis auf den heutigen Tag mehr Kinder haben als die im Westen der Republik (obwohl dort die großen Familien der Migranten zu Buche schlagen, die es im Osten kaum gibt). Sie sind immer noch fast alle berufstätig und orientieren sich bei ihrer Familienplanung weniger an staatlichen Vorgaben und wirtschaftlicher Sicherheit, sondern an einem Familienbild, das seit Generationen Tradition ist: Kinder hat man eben.

Quelle: F.A.Z., 09.08.2007, Nr. 183 / Seite 31
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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