Home
http://www.faz.net/-gsf-t40e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Demographie Ist Deutschland noch zu retten?

 ·  Wie stellen wir uns der demographischen Herausforderung? Steht das Land vor dem Niedergang oder können wir die Probleme meistern? Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg und der Publizist Albrecht Müller im Streitgespräch.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (21)

Wie stellen wir uns der demographischen Herausforderung? Zur Klärung dieser Frage haben wir den Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg und den Publizisten Albrecht Müller zum Streitgespräch gebeten. Birg, der bis zu seiner Emeritierung 2004 Demographie in Bielefeld gelehrt hat und einer der weltweit anerkanntesten Demographen wurde, erregte mit seiner These Aufsehen, Deutschland steuere auf einen jahrzehntelangen Niedergang zu. Müller, Leiter der Planungsabteilung im Kanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt, Autor der Bestseller „Die Reformlüge“ und „Machtwahn“, hält dagegen: Das Land kann die Herausforderung meistern.

Wir leben laut Herwig Birg in einer demographischen Zeitenwende, die diese Gesellschaft verändern wird. Sie, Herr Müller, bestreiten das. Aber Sie bestreiten damit doch Fakten.

Müller: Wir haben kein demographisches Problem. Unsere Gesellschaft wird älter, die Lebenserwartung wächst, und es wird zunehmend mehr Ältere im Vergleich zu den Aktiven geben. Unser Hauptproblem aber ist die hohe Arbeitslosigkeit: daß wir fast 53 Millionen arbeitsfähige Menschen haben und nur etwas mehr als 26 Millionen mit sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverträgen. Das demographische Argument der Überlastung durch Alte ist absurd.

Das gilt aber nur für das Jahr 2006.

Müller: Es gilt auch für die absehbaren Jahrzehnte. Herr Birg dramatisiert, wenn er nur die Belastung durch die Alten rechnet. Wenn man berücksichtigt, daß die Arbeitsfähigen auch für die Jungen und die Kinder zu sorgen haben und daß diese sogenannte Jugendlast sinken wird, wenn man also die Gesamtbelastung berechnet, wie es beispielsweise Rupert Jänicke gemacht hat, dann wird sichtbar, daß auf Jahrzehnte hinaus die Belastung der Arbeitsfähigen nur wenig steigt und von der wachsenden Arbeitsproduktivität locker aufgefangen werden kann. Also könnte man sich gelassen zurücklehnen und sich den echten Problemen unseres Landes zuwenden. Aber Ihnen ist es gelungen, aus dem zweitrangigen Thema Demographie ein Spitzenthema der öffentlichen Debatte zu machen. Das ist ein Meisterwerk an Agenda-setting. Kompliment!

Herr Birg, sind Sie auch so gelassen?

Birg: Hat Herr Müller noch nie ein Buch von mir aufgeschlagen? Natürlich berechne ich nicht nur den Altenquotienten, also die Zahl der über Sechzigjährigen in Prozent der Zwanzig- bis Sechzigjährigen, sondern auch den Jugendquotienten, nämlich die Zahl der unter Zwanzigjährigen im Verhältnis zu den Zwanzig- bis Sechzigjährigen sowie die Summe als Gesamtbelastung. 1946 gab es in Deutschland 920.000 Geburten, 2005 nur noch 686.000. Nach meinen 1998 publizierten Berechnungen werden es 2030 noch 532.000 und 2050 nur 438.000 sein. Wie zuverlässig sind solche Prognosen? Die für 2005 prognostizierten Geburten und Sterbefälle haben eine Fehlerrate von einem Promille. Deutschland hat mehr Sterbefälle als Geburten, und zwar seit 1972. Die neuen Länder seit 1969, weil es dort kein Gegengewicht durch Einwanderungen gab. Viele glauben, das sei kein Problem, weil weltweit jährlich 134 Millionen geboren werden, mit denen sich jedes Geburtendefizit in Deutschland ausgleichen läßt. Auf einer hochrangig besetzten Demographietagung des Bundesverbands Deutscher Banken wurde angeregt: „Warum lassen wir nicht eine Million Chinesen jährlich einwandern?“ Aber die heute jungen Einwanderer wären von den dreißiger Jahren an Rentenempfänger. Sollen Sie unter Verzicht auf ihre Rentenansprüche nach China zurückgeschickt werden?

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Das Gespräch führten Frank Schirrmacher und Andreas Platthaus.

Quelle: F.A.Z., 28.08.2006, Nr. 199 / Seite 32
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (1) Merken Drucken

28.08.2006, 11:43 Uhr

Weitersagen

Shakespeares Bett

Von Hubert Spiegel

In Weimar diskutierten Albert Ostermaier und Feridun Zaimoglu über die globale Bedeutung Shakespeares und die Schwierigkeit sein Werk neu zu adaptieren. Dürfen deutsche Dichter den „Othello“ verbessern? Mehr