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Veröffentlicht: 13.01.2016, 07:24 Uhr

Kampagne „Ausnahmslos“ Flucht auf vertrautes Terrain

#Aufschrei heißt jetzt #ausnahmslos: Unter dem Stichwort treten Netzfeministinnen an, die allgemein über sexuelle Gewalt und Rassismus reden wollen. So lenken sie die Diskussion weg von den Tätern von Köln.

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© dpa Frauen protestieren am Kölner Dom gegen sexuelle Gewalt.

Warum gibt es nach den massenhaften Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht keinen netzfeministischen Aufschrei, wie ihn die Anzüglichkeiten Rainer Brüderles vor drei Jahren ausgelöst hatten? Das wollten erklärte Kritikerinnen der damaligen „#aufschrei“-Kampagne wie die Journalistin Birgit Kelle nach Bekanntwerden der Ereignisse von Köln wissen. Und hatten die Antwort gleich parat: Weil die politisch eher links stehenden Verteidigerinnen der Frauenrechte lieber schwiegen als auszusprechen, dass hier von Zuwanderern sexuelle Gewalt ausgegangen sei.

Ursula Scheer Folgen:

Seit Montag aber gibt es nun einen neuen Aufschrei, er läuft unter dem Stichwort „#ausnahmslos“, mit initiiert von Anne Wizorek, die schon den Aufruf gegen Alltagssexismus in Sachen Brüderle lanciert hatte. Die Kampagne wendet sich „gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmlos“. Als Hauptsorge formuliert sie, dass „feministische Anliegen von Populist_innen instrumentalisiert werden, um gegen einzelne Bevölkerungsgruppen zu hetzen“. Nach dem Pegida-Aufmarsch in Köln, nach Angriffen auf Ausländer und Asylantenheime und nach zahllosen Drohanrufen, von denen der Zentralrat der Muslime berichtet, ist es durchaus eine berechtigte Furcht, dass Rechtsextreme alle Ausländer, alle Flüchtlinge, alle Muslime als potentielle Vergewaltiger abstempeln könnten.

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Familienministerin Manuela Schwesig und Justizminister Heiko Maas (beide SPD) haben ihre Sympathie mit dem Aufruf bekundet – und damit nur Selbstverständliches unterstrichen: Rassismus und sexuelle Gewalt haben in einer Demokratie, in der Gleichberechtigung herrscht, keinen Platz. Genau in dieser wohlfeilen Allgemeinplatzhaftigkeit aber liegt der Knackpunkt der „#ausnahmslos“-Kampagne. Sie nimmt die massenweisen Attacken, die – so verstörend der Tatbestand ist, man kommt an ihm nicht vorbei – ganz überwiegend Migranten aus dem islamischen Kulturkreis auf Frauen verübt haben, zum Anlass, diskursiv quasi in Sekundenschnelle vom Konkreten auf das Allgemeine umzuschwenken: sexualisierte Gewalt in Deutschland insgesamt.

Eingeschliffene feministische Narrative

Das aber ist argumentativ eine Fluchtbewegung weg von dem bisher nicht Dagewesenen auf vertrautes Terrain, wo eingeschliffene feministische Narrative entfaltet werden können. Zum Forderungskatalog von „#ausnahmslos“ gehören der Ruf nach besseren Beratungsstellen, einer Verschärfung des Sexualstrafrechts (die in der Tat nottut, was das „Angrapschen“ betrifft), geschlechtersensibler Pädagogik, Abkehr von der medialen Darstellung des weiblichen Körpers als Lustobjekt. „Sexismus und Rassismus sind nicht Probleme ,der Anderen‘“ , heißt es, und „das Problem des Sexismus...darf nicht ,islamisiert‘ werden“, weil das alle Muslime unter Generalverdacht stelle. Damit endet die Auseinandersetzung mit den speziellen Fragen, die sich mit Blick auf die spezielle Tätergruppe, welche für die speziellen Ereignisse verantwortlich war, anknüpfen könnten.

Die Feminismus-Veteranin Alice Schwarzer schreibt in ihrem ersten Kommentar auf die Silvesternacht dagegen von „gescheiterter Integration“ – wobei die Forderung nach Sofortintegration gerade Geflüchteter utopisch wirkt. „Emma“ lässt auch den Deutsch-Syrer Alexander Hawa zu Wort kommen, dessen Tochter von arabischen Männern überfallen wurde. In einem offenen Brief an Migranten beschreibt er in einfachen Worten die Grundlage des Zusammenlebens in Deutschland: Respekt, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit. Er formuliert Forderungen an Männer, die aus anderen Kulturkreisen ins Land kommen. Er geht damit viel offensiver vor als die Feministinnen von „#ausnahmslos“. Er ist kein Feminist. Er ist Demokrat. Das genügt.

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