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Veröffentlicht: 18.03.2017, 16:05 Uhr

Debatten um Emojis Es knirscht im Zeichensatz

In der Online-Kommunikation scheint es kaum noch einen Text zu geben, der nicht mit Emojis verziert ist. Hinter der harmlos daherkommenden Fassade der bunten Bildchen tobt ein Kulturkampf.

von Anatol Stefanowitsch
© Illustration Aphelandra Messer Künftiges Emoji: Wird der Hijab für Frauen zum Symbol des muslimischen Glaubens schlechthin?

Die Geschichte der Emojis begann Ende der neunziger Jahre, als Shigetaka Kurita für den mobilen Internetdienst eines japanischen Mobilfunkanbieters 176 pixelige Piktogramme entwarf. Neben Smileys und abstrakten Symbolen wie Ziffern, Pfeilen und Sternzeichen waren darunter auch gegenständliche Abbildungen für Gebäude, Fahrzeuge und Nahrungsmittel. Andere japanische Anbieter zogen mit eigenen Entwürfen nach, aber jeder dieser Bildzeichensätze funktionierte nur innerhalb des jeweiligen Internetdienstes.

Der weltweite Siegeszug der Emojis begann 2010, als das Unicode-Konsortium – eine Arbeitsgemeinschaft, die für die einheitliche digitale Darstellung von Schriftsystemen sorgt – die Piktogramme der unterschiedlichen Anbieter einsammelte und in seinen Standard integrierte. Die Bildzeichen unterscheiden sich auf verschiedenen Plattformen zwar noch in kleineren Details, aber wer ein Haus, ein Flugzeug oder ein lachendes Gesicht verschickt, kann sich seitdem sicher sein, dass beim Gegenüber auch tatsächlich ein Haus, Flugzeug oder lachendes Gesicht ankommt.

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Vor allem jüngere Menschen, für die das Internet selbstverständlicher Teil des Lebens ist, griffen diese Möglichkeit begeistert auf. Jeder zehnte Tweet beinhaltet inzwischen mindestens ein Emoji. Angst vor einem Niedergang der Schriftsprache brauchen wir aber nicht zu haben: Emojis werden meist nicht anstelle von, sondern zusätzlich zu sprachlichen Aussagen verwendet, um die zentrale Botschaft noch einmal bildlich aufzugreifen. Typisch ist etwa, einem Satz wie „Morgen fliege ich in den Urlaub“ einen Flugzeug- und einen Sonnenschein-Emoji folgen zu lassen.

45380711 © Reuters Vergrößern Mit 176 Emojis fing alles an. Das Original-Zeichenset ist nun im Besitz des Museum of Modern Art in New York.

Die Funktion der Emojis ist also eine metasprachliche – sie dienen der bildhaften Einordnung des Gesagten. Damit das funktionieren kann, muss das Inventar an Bildern groß genug sein, um die kommunikativen Bedürfnisse einer weltumspannenden, kulturell heterogenen „Sprachgemeinschaft“ abbilden zu können. Und damit fangen die Probleme an.

Curry fehlt immer noch

Dem Zeicheninventar des Emoji-Standards von 2010 sieht man seinen Ursprung in einer kleinen, homogenen Kultur noch deutlich an. Fahrzeuge, Gebäude und Nahrungsmittel muten sehr japanisch an. Die Nahrungsmittel-Emojis zum Beispiel umfassten mehrere Reisgerichte, Nudelsuppe, Sushi, Fischkuchen und süße Dango-Klößchen – ein französisches Croissant oder einen indischen Curry suchte man vergebens.

Das Unicode-Konsortium bemüht sich seitdem um mehr kulturelle Vielfalt und hat das Inventar der Emojis inzwischen von anfänglich knapp 800 auf über 1800 Zeichen erweitert. Das Croissant etwa ist seit dem Jahr 2015 dabei, der Curry fehlt immer noch. Indische Internet-User – und alle anderen, deren Hautfarbe dunkler ist als die für Japan oder Europa oder Nordamerika typische – hatten bei der Verwendung von Emojis allerdings ein Problem: Die Darstellungen von Menschen im Bildzeichensatz waren durchweg hellhäutig. Und weibliche Internet-User hatten zusätzlich das Problem, dass alle Emojis, die Menschen in bestimmten Funktionen (etwa Polizist) oder bei bestimmten Tätigkeiten (etwa als Radfahrer) zeigen, männlich waren.

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