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Debatte : Wie das Internet den Menschen verändert

  • -Aktualisiert am

Mit seelischem Extremismus programmiert: Kind aus der Internet-Generation Bild: AP

Die technologische Revolution verändert unsere Gesellschaft dramatisch. Was Kinder und Jugendliche heute durchs Internet unkontrolliert sehen können, ist pornographischer und gewalttätiger Extremismus, wie ihm niemals zuvor eine Generation ausgesetzt war. Wir müssen dagegenhalten - und wir können es auch. Von Frank Schirrmacher.

          Journalisten werden in amerikanischen Filmen gerne mit einem Stift hinter dem Ohr porträtiert, auch Lebensmittelhändler übrigens und Wettbürobesitzer. Kein besonders imposantes Werkzeug, also. Und doch hat es ausgereicht, von den ersten Ritzungen in Ton, die die Höhlenmenschen ausführten, bis zu Einsteins Relativitätstheorie, alles auszudrücken, was wir sind. Und es reichten Stift und Papier, um wie Joanne K. Rowling von der Sozialhilfempfängerin zur reichsten Frau Englands aufzusteigen.

          Wer sich mit Fragen des Schreibens und Lesens befasst, redet auch von ABC-Schützen, die möglicherweise einmal die Welt aus den Angeln heben könnten. Das Problem ist nur: Es gibt kaum noch ABC-Schützen und das, was die Stifte einst leisteten, tun nun die Laptops. Beide Parameter zusammen beschreiben exakt, was wir die Krise der Medien nennen.

          Jacob Ludwig Karl Grimm, geboren 1785, gestorben 1863; er steht am Beginn des großen Zeitalters der Erfindungen. Im Jahr seiner Geburt wird der mechanische Webstuhl erfunden, in seinem Todesjahr die Rollen-Rotationsmaschine für Zeitungen patentiert, und Henry Ford wird geboren. Mit Jacob Grimms Jahrhundert beginnt unwiderruflich die Epoche der Beschleunigungen. Es sind die Erfindungen, die Einst und Jetzt sortieren, eine Zeit vor der Elektrifizierung und eine Welt danach, eine Welt vor dem Automobil und eine Zeit danach.

          Mit Jacob Grimm beginnt ein neues Zeitalter

          Man muss das erwähnen, weil auch Grimm auf seiner Lebensbahn gemeinsam mit seinem Bruder eine eigene Erfindung macht: Er fand eine Luke in der Zeit, durch die man sich in die Welt des „Es war einmal“ befördern kann; durch die Märchen.

          Eine andere Chronologie

          Die Grimms geben so dem Leben bis heute eine andere Chronologie, gleichsam, als würde ein anderes Zifferblatt unter die Zeiger gelegt. Und in seiner Schrift „Über das Alter“ hält Jacob Grimm fest, wie subjektiv und veränderlich der Zeitbegriff immer war: „Unter unsern Vorfahren hergebracht war eine zusagende, progressive Berechnung des Menschenalters, wie sie ein Hausvater den ihm zunächst umgebenden Gegenständen entnehmen konnte. Ein Zaun währt drei Jahre, ein Hund erreicht drei Zaunes alter, ein Ross drei Hundes Alter, ein Mann drei Rosses Alter. . .“

          Wir, fast alle noch Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts, haben Geschichte abgelesen an denen, die uns die Märchen vorlasen, Eltern und Großeltern. Sie waren Menschen, an deren Lebensanfang noch die Pferdekutsche und an deren Lebensende die Mondlandung stand, Kriege, Revolutionen und Inflationen gar nicht gerechnet. Weder unsere Eltern und Großeltern, noch die Älteren, mit denen ich sprach, vom hundertjährigen Hans-Georg Gadamer bis zum neunundneunzigjährigen Ernst Jünger, konnten wirklich erklären, wie sich das anfühlte, als die Gesellschaft in die technische Moderne katapultiert wurde. Sie behalfen sich mit dem Märchen-Ton: „Damals, als es noch keine Autos gab. . .“ Was war und sich nicht modernisieren konnte, stürzte über Nacht oder wurde in ein Museum verwandelt.

          Anstehen vor Telefonzellen

          Ich erkenne erst jetzt, dass sämtliche technische Revolutionen, denen ich ausgesetzt war, solche der Kommunikations- und Informationswelt waren. Versuchen Sie mal, die Frage Ihrer Kinder und Enkel zu beantworten: Wie sie denn war, die Welt als man sich vor Telefonzellen anstellen musste? Als es noch kein Fax, kein Internet oder Laptop gab. . . Eine Jugend mit nur zwei Fernsehsendern? Verabredungen, die man umständlich planen musste, weil es keine Möglichkeit gab, sich unterwegs zu verständigen? Zeitungen ohne Bilder auf der Titelseite?

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