28.05.2006 · Sein Buch „Wir Deutschen“ hat eine Debatte über Patriotismus ausgelöst. Autor Matthias Matussek über seinen Stolz auf Dürer, Heines Luftreich der Träume und die Marke Deutschland.
Sein Buch „Wir Deutschen“ hat eine Debatte über Patriotismus ausgelöst. Autor Matthias Matussek über seinen Stolz auf Dürer, Heines Luftreich der Träume und die Marke Deutschland.
Jahrzehntelang, so schreiben Sie in Ihrem Buch, sei „Nie wieder Deutschland!“ unter den Intellektuellen eine mehrheitsfähige Parole gewesen. Glauben Sie das wirklich?
Ja. Gerade habe ich eine Kultursendung erlebt, in der über das Cover meines Buches hinweggeschwenkt wurde, und dann wurde sofort ein Psychiater interviewt und danach ein ehrwürdiger Historiker, der vor nationalen Räuschen warnte. Wenn hierzulande das Wort Nation fällt, wird sofort nach dem Bewährungshelfer, dem Soziologen oder dem Arzt gerufen. Mein Buch ist da so eine Art Lockerungstraining.
Wozu brauchen wir denn eigentlich ein Nationalgefühl?
Wir haben es, ob wir wollen oder nicht. Wir wünschen uns, daß Porsche im Lande bleibt und die Arbeitsplätze nicht nach Ungarn verlagert. Wir wollen, daß Deutschland Fußball-Weltmeister wird und nicht England. Wir identifizieren uns, aber meistens nur heimlich, weil wir es für unschicklich halten. Johannes Rau sagte einmal, daß sich bei ihm im Zusammenhang mit Nation das Wort „Stolz“ nicht ergeben will. Wohlgemerkt, unser Staatsoberhaupt druckste da so herum. Undenkbar so was in den USA, in Brasilien, in Großbritannien, wo ich die letzten Jahre gelebt habe.
Das war doch ein ganz entspannter Satz von Johannes Rau.
Finden Sie? Ich spüre da aus jeder Silbe die wahnsinnige Furcht, etwas Falsches zu sagen. Jeder Fehltritt ist der politische Tod. Doch in den Stürmen der Globalisierung, die auf uns zukommen, werden kulturelle Identitäten und Affirmationen wieder wichtiger. Das weiß jeder. Die USA, Großbritannien, Holland, Dänemark, alle Nationen stellen sich derzeit die Frage: Wer sind wir?
Der verhältnismäßig kurzlebige deutsche Nationalstaat, 1871 in Versailles gegründet und 1945 untergegangen, ist nicht gerade das, worauf man stolz sein muß.
Aber nicht nur. Wir haben auch tausend Jahre was anderes gemacht. Große Musik, große Dichtung, große Kunst. Den kategorischen Imperativ gedacht und das Penicillin erfunden. Im Vergleich zum Britischen Empire waren wir ein sehr friedliches Volk. Und sind es wieder. Es waren die Engländer, die gerade in den Irak-Krieg zogen, nicht die Deutschen.
Selbst Ihr Pazifismus trumpft nationalistisch auf!
Nation, wie ich sie verstehe, ist ein linker Begriff, kein rechter. Nation bedeutet nicht Angriff, sondern Verteidigung. Bedeutet zum Beispiel auch Widerstand gegen die Nivellierungen des globalen Marktes. Etwas Romantisches. Wie Heine sagte: Wir sind im Luftreich des Traums zu Hause.
Vor fünfzehn Jahren haben Sie mit „Palasthotel“ Ihre Version der deutschen Einheit abgeliefert, ein ziemlich wildes Buch.
Die Zeit war ja auch wild. Damals entstand Deutschland für mich. Vorher gab es nur West oder Ost, die Blöcke eben. Damals habe ich meine Frau kennengelernt. Sie war bei der FDJ.
Auch das vorliegende Buch ist reichlich wild. Sie werden es nicht gerne hören: Es versprüht angelsächsischen Humor.
Wieso soll ich das nicht gerne hören?
Weil Sie den Engländern auch in Ihrem Buch bei jeder Gelegenheit vor die Schienbeine holzen. Warum hassen Sie sie so?
Tu' ich ja gar nicht. Ich habe erkannt, daß es zur Folklore gehört, wenn sie die Deutschen immer noch als Nazikrauts beschimpfen. Ich schimpfe einfach zurück. Es ist wohl eines dieser ritualisierten Schreispiele afrikanischer Dorfplätze, die zur Aggressionsabfuhr dienen. Es macht Spaß.
Ihr Bruder war Botschafter, und Sie waren Korrespondent in London. War das nicht kompliziert?
Wir hatten im Laufe der Zeit eine ziemlich simple Arbeitsteilung: Ich beschimpfte die Briten, und er entschuldigte sich dafür. Allerdings: Der „Guardian“ hat mich letzte Woche um eine neue Arie gebeten. Scheint, daß sie meine Schimpfereien vermissen.
Wann waren Sie zuletzt stolz, Deutscher zu sein?
Bei der Dürer-Ausstellung in Madrid. Die Leute standen um den Block, um einen deutschen Maler aus dem 15. Jahrhundert zu sehen, visionär und handwerklich perfekt, der deutsche Handwerkerkünstler, das gibt es sonst nirgends.
Das bestreitet doch auch niemand. Brauchen Dürer, Beethoven und Mozart Ihre Hilfe?
Sie haben mich nach meinem Gefühl gefragt. Davon abgesehen tragen diese Helden alle zum Image eines Landes bei. Unter den Bedingungen des globalen Marktes ist auch das Image entscheidend. Die Nation wird zum Markennamen. Und es kommt allen zugute, wenn dieser Markenname positiv besetzt ist. Um trivial zu werden: Natürlich hat Frankreich als Nation davon profitiert, als es Fußball-Weltmeister wurde.
Jetzt sind es keine Türen mehr, jetzt sind es Fußballtore, die Sie einrennen!
Ich brülle beim Fußball gern den größten Dreck raus, das tut mein Kollege Tim Parks auf der englischen Seite genauso, und viele, viele Millionen. Das ist doch der Spaß. Eintauchen und in der Menge sein und eine Gemeinschaft spüren, die heute, in der Zeit der zerfallenden Familien, kaum noch da ist. Jedes Volk verschafft sich seine gemeinschaftsstiftenden Großereignisse.
Aber das kann doch auch eine Region sein, eine Stadt. Ist es nicht typisch deutsch, daß man sich mit einem Bekenntnis zu Bayern oder zu Hamburg leichter tut?
Ja, klar. Aber, rein praktisch: Die Nation ist das Gebiet, wo man Steuern zahlt, wo man wählt, wo man in Talkshows sitzt wie am Küchentisch und darüber redet, wofür die Familienkasse ausgegeben wird.
Kann ein Deutscher auch Moslem sein?
Wieso denn nicht?
In Ihrem Buch polemisieren Sie dagegen, daß diese Zeitung in einem Artikel die staatliche Ausbildung von Koranlehrern forderte.
Ja, plötzlich stellt die F.A.S. die Forderung auf, der deutsche Staat soll Moscheen bauen und auch noch Imame in den Rundfunkrat setzen. Ja, wo sind wir denn? Wenn es um den Katholizismus geht, wird das in die Tonne getreten, und es soll die strikte Trennung von Kirche und Staat gelten, aber bei den Moslems kriegt ihr feuchte Augen?
Wie würden Sie denn einen Deutschen türkischer Herkunft in Ihr Bild von der Nation integrieren?
Am Schluß meines Buches treffe ich diese junge Türkin mit Kopftuch vor dem Kino in Neukölln und, Moment . . . hier habe ich die Stelle, ich schreibe über unser „weltoffenes, tolerantes, schönes Deutschland, zu dem diese junge Türkin ganz selbstverständlich gehörte“. Sie sprach übrigens makellos Deutsch und studierte an der Humboldt-Uni. Aber wenn die Leute hier nur herkommen, um Sozialhilfe abzugreifen, und das Land und seine Kultur ansonsten von Herzen verachten, habe ich ein Problem. Wir leben derzeit in ständigen Übergängen, und wenn wir nicht aufpassen, fliegt uns der ganze Laden um die Ohren
Aber was ist Ihre Antwort darauf? Die Rückbesinnung auf die „Hermannsschlacht“?
Ja, da schreibe ich ja drüber, die war mal ein linkes Schlüsseldrama, dann ein rechtes, ganz faszinierend. Allerdings nicht das stärkste Drama von Heinrich von Kleist.
Man könnte den islamischen Religionsunterricht doch wie bei der evangelischen und der katholischen Konfession an staatlichen Schulen stattfinden lassen?
Ja, ich verstehe, daß man das nicht den Fundamentalisten überlassen will, ich verstehe das Argument. Ich bin trotzdem nicht dafür.
Es gibt ein paar ärgerliche Fehler in Ihrem Buch, zum Beispiel wenn da vom 9. September statt vom 11. September die Rede ist.
Ich wollte endlich mal ein Buch über Deutschland schreiben, das nicht nach Pfeifenschmauch riecht und Bedächtigkeit, sondern eines, das Tempo hat und Pop, in dem Joachim Lottmann und der Berliner Club „White Trash“ vorkommen. Leider hat es an manchen Stellen soviel Tempo, daß das Lektorat nicht mehr hinterhergekommen ist. In der nächsten Ausgabe werden die Fehler ausgemerzt sein.
Noch einmal: Was ist Ihre Forderung, was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Ich fordere die bedingungslose Unterstützung der Fußball-Nationalmannschaft durch das deutsche Volk. Aber im Ernst: Man fühlt sich doch den eigenen Leuten näher. Und ich will klarmachen, daß das kein neurotischer Defekt ist.
Man kann sich Shakespeare näher fühlen als Goethe . . .
Die Engländer nennt Heine das „widerwärtigste Volk auf Erden“, so verachtenswürdig, daß ihm ein Shakespeare eigentlich gar nicht zuzutrauen ist. Es spricht also einiges dafür, daß Shakespeare gar kein Engländer war.
Wir haben Sie heute während des PEN-Empfangs im Kanzleramt beobachtet. Sie haben Angela Merkel Ihr Buch zugesteckt. Was haben Sie ihr als Widmung reingeschrieben?
Sag' ich nicht. In meinem Buch kommt sie gut weg, als Hoffnungsträgerin und Einheitskanzlerin, mit der die Nachkriegszeit endgültig vorbei ist. Das wollte sie mir gar nicht glauben, als ich ihr das sagte. Daran können Sie sehen, wie beschissen mein Ruf ist.