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Veröffentlicht: 09.03.2015, 15:32 Uhr

„Selfie-Journalismus“ Das alte Wir ist das neue Über-Ich

Ich, ich, ich: Alle schreiben nur noch über sich selbst. Soll das jetzt die Zukunft des Journalismus sein? Wir finden: Das Wir braucht endlich eine Renaissance!

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© Reuters Weil viele Nackte besser sind als eine einzige Halbnackte: Dieses Foto eines Shootings von Spencer Tunick illustriert ganz deutlich die Vorzüge des Wir.

Es gibt aktuell eine Debatte über „Selfie-Journalismus“. Wir Journalisten wissen immer nicht so genau, wie viel unsere Leser eigentlich von diesen für Journalisten unfassbar wichtigen Debatten mitbekommen, nur soviel: Junge Frauen schreiben neuerdings die Zeitungen und Magazine und natürlich auch das Internet voll mit Texten, in denen sie uns ihre Sicht der Dinge darlegen. Und sie tun das, indem sie dauernd Ich schreiben, was im Journalismus lange verboten war, aber seit den Achtzigern – also ungefähr dem Geburtsjahrzehnt dieser jungen Frauen – nur noch im Lokalblättchen als pfui gilt. Dennoch halten viele das Ich für radikal. Manchmal ist sogar ein Bild dieser jungen Journalistinnen danebengestellt, was früher nur bei jungen, gutaussehenden Schriftstellerinnen als opportun galt.

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An dieser Art des Journalismus scheiden sich nun die Geister. Einige halten ihn für peinlich und uninteressant, eitle Nabelschau sei das. Andere feiern ihn als neuen Gonzo und sehen schon den nächsten Hunter S. Thompson durch die Berlinaleparties torkeln. Wer sagt, das Herumstehen auf Parties sei ja nun kein Gonzo, bekommt gern zu hören, dass er das ja nur sage, weil das jetzt eine Frau sei und Frauen allenthalben die Gonzohaftigkeit abgesprochen werde. Die Gemüter laufen also heiß.

Offenheit im introvertierten Zeitalter

Wir als mitteljunge Frauen im Journalismus begrüßen ausdrücklich den Mut zur Ich-Reportage. Schließlich erfahren wir da unter anderem, dass es in Berlin schon als Exzess gilt, auf der Straße zu tanzen. Eine phantastische Nachricht für uns als Frankfurter: Jetzt muss sich das hiesige Nachtleben wirklich nicht mehr verstecken. Außerdem sehen wir dadurch Körperteile der Berichtenden, die sie sonst nur engen Freunden zeigen. Diese Offenheit fällt in unserem introvertierten Zeitalter ganz positiv auf.

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Bei aller Liebe zum Ich möchten wir dennoch das Wir aus der Versenkung holen. Ja, wir wissen: Das Wir hat einen schlechten Ruf. Krankenschwestern benutzen es für die Frage, wie es uns denn heute gehe. Politiker meinen damit ihr ganzes Volk, das zuvor nicht gefragt wurde. Auch die „Bild“-Zeitung bezeichnet mit dem Wir wahlweise Deutschland oder ganz Europa, je nachdem, ob die Bedrohung klein oder griechisch ist.

Und auch im Journalismus hat das Wir es nicht ganz einfach. Das Ich gilt als mutig, das Wir als verdruckst, vorgestrig, Zeichen eines angestaubten Journalismus mit Deutungshoheitsanspruch. Oft ist es nur ein verbrämtes Ich, um ein echtes Ich zu vermeiden. Wer damals noch gelernt hat, dass Ich nicht geht, flüchtet sich in Wir oder Man. Wobei man auch nicht immer Man schreiben darf, je nach dem Jahrzehnt, in dem die Redakteursausbildung genossen wurde. Manche Journalisten nehmen eigens Fotografen mit, um „Wir“ schreiben zu können, und schaden damit dem Ansehen des Wir.

Wunderbare Distanzlosigkeit

Dabei ist das Wir großartig. Das Wir braucht endlich eine Renaissance! Schließlich wird heutzutage von uns Arbeitnehmern Teamfähigkeit verlangt. Nie können wir besser demonstrieren, dass wir am allerliebsten von Menschen umgeben sind, auf die wir am liebsten den ganzen Tag verständnisvoll eingehen würden, als mit einem Wir. Wir liefert aber auch einen verbrüdernden oder verschwesternden Subtext mit: wir Journalisten, wir Frauen, wir Frankfurter, wir Menschen, die wir vor einem bestimmten Problem stehen. Dabei werden die anderen umstandslos eingemeindet, das birgt so viel mehr wunderbare Distanzlosigkeit als der dagegen fast schüchtern anmutende Selfie-Journalismus. Das Wir birgt Bürgersinn, es stiftet Gemeinschaften, es legt kumpelhaft den Arm um den Leser und zeigt ihm die Welt: Schau mal, so sonderbar geht es hier zu! Wundern wir uns doch gemeinsam ein wenig über die Menschen. Das Ich hingegen wundert sich alleine, und nicht selten wundert man sich über das Ich.

Wir möchten als Kronzeugin Franziska Gräfin zu Reventlow aufrufen, eine Bohèmenudel, wie sie im Buche steht. Uns würde wundern, wenn sie nicht auch ab und zu auf der Straße getanzt hätte. Und sie schrieb: „Wie armselig, wie vereinzelt, wie prätentiös und peinlich unterstrichen steht das erzählende oder erlebende ‘Ich’ da – wie reich und stark dagegen das ‘Wir’. Wir können in dem, was um uns ist, irgendwie aufgehen, untergehen – harmonisch damit verschmelzen. – Ich springt immer wieder heraus, schnell wieder empor, wie die kleinen Teufel in Holzschachteln, die man auf dem Jahrmarkt kauft. Immer strebt es nach Zusammenhängen – und findet sie nicht. – Wir brauchen keinen Zusammenhang, – wir sind selbst einer.“

Fanny, Du verstehst uns! Das Ich allein ist nichts, es ist erst das Wir, das das Ich vollkommen macht und es in einen produktiven Bezug zur Welt setzt. Das Ich steht blöd fragend herum, das Wir ordnet ein. Das Wir ist schon einen Schritt weiter, es hat schon nachgedacht, es bildet Affinitäten und Allianzen. Das Wir ist das denkende Ich, es ist in der Welt angekommen, es ist nicht mehr ganz so jung und naiv, es weiß, auf wen es sich verlassen kann. Wir mögen das Wir. Es ist eine Dame von Welt.

Glosse

Arbeitsvergeudung

Von Dietmar Dath

Der Fleiß der Bienen ist sprichwörtlich. Wenn ihrem Eifer etwas in die Quere kommt, hat das handfeste gesundheitliche Gründe. Ganz anders hingegen die Fleißbienchen des modernen Arbeitslebens: ihnen steht die Ahnungslosigkeit ihrer Kollegen im Weg. Mehr 3 4

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