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Debatte über koloniales Erbe : Moralisch gemischt

Der Innenhof der Bodleian Library in Oxford Bild: Andy Rain

Der Moraltheologe Nigel Biggar, Vorsitzender eines Forschungsprojektes an der Universität Oxford, hat in der „Times“ die koloniale Vergangenheit verharmlost. An den empörten Reaktionen entzündet sich eine Debatte über die Redefreiheit.

          Die Studentenorganisation „Common Ground“, die es sich zur Aufgabe macht, den anhaltenden „Rassismus, Klassendenken und Kolonialismus“ in Oxford anzuprangern, hat sich, als neueste Zielscheibe ihrer Aktionen, jetzt den Moral- und Pastoraltheologen Nigel Biggar vorgeknöpft. Biggar hatte unlängst in der „Times“ für eine ausgewogene Neubewertung der kolonialen Vergangenheit plädiert. In den Augen seiner wütenden Kritiker besaß Biggar nicht nur die Unverfrorenheit, zu behaupten, die Geschichte des britischen Kolonialreiches sei „moralisch gemischt“ gewesen, sondern auch zu warnen, dass sich ein Übermaß an Schuldgefühlen negativ auf die Gegenwart auswirken könne: „Wenn wir glauben, was schrille Anti-Kolonialisten uns sagen – nämlich, dass unsere imperiale Vergangenheit eine lange, ungebrochene Litanei der Unterdrückung, der Ausbeutung und des Selbstbetrugs ist –, dann wird uns unsere Schuld anfällig machen für mutwillige Manipulation, und es wird uns in dem Glauben bestätigen, dass wir der Welt am besten dienen können, indem wir uns aus allem raushalten.“

          Biggar war dem amerikanischen Akademiker Bruce Gilley zur Seite gesprungen, der in einem polemischen Beitrag für die Zeitschrift „Third World Quarterly“ gefordert hatte, dass es höchste Zeit sei, die reflexartige antikolonialistische Ideologie in Frage zu stellen. Gilley bezeichnete den westlichen Kolonialismus nicht nur als vorteilhaft und legitim, sondern wies auch auf die verheerenden Folgen der Unabhängigkeit hin und empfahl ein neues Kolonialprogramm für die Entwicklungsländer. 15 von 34 Mitgliedern schieden aus Protest aus dem Redaktionsausschuss aus. Als Morddrohungen gegen den Chefredakteur eingingen, zog dieser den Beitrag zurück. Das provozierte wiederum einen Aufschrei bei Akademikern, welche die Redefreiheit gefährdet sehen, ob man Gilley nun zustimme oder nicht. Mehr als 180 Wissenschaftler entgegneten, dass Autoren zwar des Recht hätten, trugschlüssige Argumente vorzutragen, Chefredakteure gelehrter Zeitschriften jedoch in der Pflicht stünden, akademische Maßstäbe aufrechtzuerhalten und Arbeiten abzulehnen, die Verstöße gegen die Menschenrechte guthießen.

          Ähnliche Argumente werden jetzt in Oxford für und gegen Biggar ins Feld geführt. In einem offenen Brief bemängeln rund sechzig Historiker des Empires und des Kolonialismus, dass der Moraltheologe mit dem Vorsitz eines fünfjährigen interdisziplinären Forschungsprojektes über „Ethik und das Empire“ betraut worden ist, das den Stand der Oxforder Forschung nicht repräsentiere. Sein Ansatz beruhe auf schlechter Geschichte, seine Argumente seien polemisch einfältig. Woran sich zeigt, dass nicht nur die Schönheit, sondern auch die Geschichte im Auge des Betrachters liegt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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