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Debatte : Hat Israel eine Lobby?

Ein umstrittenes Werk Bild: AFP

Der Saal der Frankfurter Universität ist übervoll, die Zuhörer aufmerksam wie selten: Die Amerikaner John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt stellen sich und ihre Thesen zur „Israel-Lobby“ zur Diskussion.

          Die Verfasser der „Protokolle der Weisen von Zion“ stellt man sich anders vor. Denn die beiden Politik-Professoren aus den Vereinigten Staaten - John J. Mearsheimer, ein früherer Luftwaffenoffizier, unterrichtet in Chicago, Stephen M. Walt in Harvard - sind urban, sie tragen ihre Thesen transparent genug vor und stellen sich kritischen Einwänden.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Saal der Frankfurter Universität ist übervoll, die Zuhörer aufmerksam wie selten. Die Autoren differenzieren zunächst einmal. Lobbyismus ist nichts Ehrenrühriges, sondern gehört zum politischen Geschäft der amerikanischen Demokratie. Die „Israel-Lobby“ ist keine jüdische Kabale. Erstens, weil zu ihr auch christliche Fundamentalisten gehören, aus sehr eigenen Gründen, zweitens, weil, nach Meinungsumfragen, die Mehrheit der amerikanischen Juden die Anliegen der Lobby nicht unbedingt teilt, drittens, weil sie nicht im Verborgenen arbeitet, sondern öffentlich. Und schließlich bekennen sich Mearsheimer und Walt deutlich zum Schutz Israels.

          Keine sinnvolle Politik

          Das Problem für die demokratische Debatte, so Walt, beginne dort, wo über den tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Einfluss der Lobby auf die Entscheidungsprozesse in Washington nicht mehr frei diskutiert werden könne. Vor allem sei eine „unbedingte Unterstützung“ Israels - also auch in Fällen, wo Menschenrechte der Palästinenser verletzt würden, wo mit Streubomben wie im Libanonkrieg operiert wurde - keine sinnvolle Politik. Die Vereinigten Staaten möchte er im Nahen Osten künftig wieder in der Rolle des ehrlichen Maklers sehen.

          Wer gehört zur Lobby? Walt nennt an erster Stelle das „American Israel Public Affairs Committee“ (Aipac), die „Anti-Defamation League“ des rührigen Abe Foxman, Zeitschriften wie den „Weekly Standard“ und die „New Republic“. Von Zentralisierung könne keine Rede sein, und nicht in allen politischen Fragen vertrete die Lobby eine einheitliche Linie. Mearsheimer, der danach das Wort ergreift, erläutert den Einfluss der Lobby auf die verhängnisvolle Kriegsentscheidung gegen den Irak. Und nicht nur der Lobby: Ariel Scharon, Benjamin Netanyahu und andere israelische Politiker plädierten, so Mearsheimer, derart vernehmlich für den Krieg, dass man sie aus den Vereinigten Staaten bat, ihre Rhetorik zurückzuschrauben, um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, hier werde ein Krieg im ausschließlichen Interesse Israels vorbereitet.

          Nicht immer durchsetzungsfähig

          Der Frankfurter Politologe Gert Krell opponierte den beiden Autoren. Und zwar loyal, denn manche Urteile mag er mit ihnen teilen. Krell gehörte zu den Unterzeichnern des „Manifests der 25“, das im vergangenen Jahr für eine ausgewogenere deutsche Nahost-Politik pladiert hatte: „Zusammen mit dem ... unausgesprochenen Verbot offener Kritik an israelischen Entscheidungen stärkt der Philosemitismus in Deutschland den Antisemitismus eher, als dass er ihn schwächt“, hieß es in dem Manifest. Man müsse, so Krell, beim Urteil über die Lobby auch darüber sprechen, in welchen Fällen sie sich nicht habe durchsetzen können. So befinde sich die Botschaft der Vereinigten Staaten weiterhin in Tel Aviv und nicht in Jerusalem. Kritik übte Krell am Umschlag der deutschen Ausgabe des Buches, der die amerikanische Flagge nicht mit fünfzackigen Sternen zeigt, sondern mit sechseckigen.

          Auch die „Antideutschen“ sind da und melden sich höflich zu Wort, nehmen Krells Kritik auf. Antideutsch? Ach, deutscher kann ja kein Jüngling sein als dieser verträumte Blondschopf, auch nicht deutscher im international berüchtigten Sinn des Wortes: weltfremd eifernd. Nach den ersten Fragen verlassen sie die Veranstaltung, in der sie auf wenig Zuspruch gestoßen sind.

          Offener Geist

          Die Frankfurter Debatte verlief in wissenschaftlichem, offenem Geist. Das ist nicht immer so. In den Vereinigten Staaten hat man nicht nur gegen Mearsheimer und Walt, sondern auch gegen den früheren Präsidenten Jimmy Carter wegen seines Buches „Palestine - Peace not Apartheid“ die heftigsten Vorwürfe erhoben. Martin Peretz nannte ihn, der 1978 mit Ägypten und Israel das Camp-David-Abkommen ausgehandelt hatte, in der „New Republic“ einen „Juden-Hasser“. Auch der britische Historiker Tony Judt bekam es mit der „Lobby“ zu tun, als er sich zum Kritiker israelischer politischer Entscheidungen gewandelt hatte. Aber wären Mearsheimer und Walt nicht mit ihrem kühl argumentierenden Buch hervorgetreten, dann wären die Verschwörungstheorien wohl erst recht ins Kraut geschossen.

          Das schärfste Geschütz gegen die Autoren hat in Deutschland Alan Posener aufgefahren, der Kommentarchef der „Welt am Sonntag“. Es mag hier genügen, den Titel seines Beitrags für Deutschlandradio Kultur zu zitieren: „Antisemitische Verschwörungstheorie“. Kein Fragezeichen dahinter, keine Einschränkungen. Aber ist es nicht gerade Posener, der hierzulande die Agenda der Lobby haargenau kopiert, für bewaffneten Demokratie-Export à la George W. Bush wirbt und von der letzten großen Aipac-Tagung mit unverkennbarem Enthusiasmus berichtete? Posener, von dem der Satz stammt, es sei „eine traurige Tatsache, dass Israel in Deutschland keine Lobby hat“? Doch, es hat sie, und keiner weiß es besser als Alan Posener.

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