Vor fast einem Jahr entbrannte eine Debatte um die öffentliche Wahrnehmung der SED-Diktatur in Gedenkstätten und Museen. Am heftigsten wurde dabei um einen Alltagsbegriff gestritten, der mehr meinte als die Präsentation putziger Gegenstände, wie man sie auf Trödelmärkten oder in spezialisierten Antiquariaten findet. Es ging um ein Bild von der geschlossenen Gesellschaft dieses untergegangenen Staates, das nicht mehr zerfallen sollte in private Lebenserinnerungen und staatliches Diktaturgedenken, in Alltag hier und Herrschaft da. Es war auch ein Streit um die Deutungshoheit über die jüngste Geschichte. Wer hoffte, dass letztlich die Vernunft siegt, wird jetzt im Deutschen Historischen Museum in Berlin vom Gegenteil überzeugt. Die Revolution von 1989 erklärt sich dort nicht, sie muss dem Besucher wie ein weltgeschichtlicher Betriebsunfall erscheinen.
Für seine jüngste Sonderausstellung „Parteidiktatur und Alltag“ haben Kuratoren zwei Etagen vollgestellt mit allerlei Geschichtsgerümpel, das in den Depots dieses wichtigsten deutschen Geschichtsmuseums gesammelt wird. Seltsam unverbunden stehen da unmittelbar nebeneinander, in Vitrinen wie Reliquien eingeschreint, Eierstecher, Stöckelschuhe, Brühwürfel, leere Margarineschachteln und Ulbrichts Pudelmütze, Lenins Pelzmütze, Grotewohls Brille.
Tadellose Mütter am Fließband
Ein bisschen was zum Bürgertum und etwas mehr zur Arbeiterschaft wird hergezeigt. Wie sie aber lebten und arbeiteten, wie Anpassung und Widerstand, Ohnmacht und Repression, Begeisterung und Verweigerung diesen Alltag durchdrangen, dürfte auch dem ein Rätsel bleiben, der sich die Mühe macht, die simplen, zuweilen irritierend konfliktfreien Erläuterungen zu lesen. Vielleicht ging es ja wirklich nur darum, was die Unterzeile des Ausstellungstitels suggeriert, nämlich „aus den Sammlungen“ des Museums zu zeigen, was da so rumliegt. Der Kontext bleibt verborgen, hier prägt Herrschaft keinen Alltag, kommen Schwarz und Weiß ohne Grautöne aus, wird Stasiterror plakativ thematisiert, bleibt die Macht der Parteisekretäre und Kaderleiter aber nebulös.
Wer die Texte zur Bodenreform liest, könnte glauben, dass die meisten sie frohgemut guthießen. Der Leser bekommt nicht einmal eine Ahnung davon, was dieser Eingriff in die Lebens- und Eigentumsverhältnisse bedeutete, wie viele Menschen daran verzweifelten, Haus und Hof verließen. Die Einheitsgewerkschaft FDGB scheint ein Reiseunternehmen gewesen zu sein, das eine Kleine-Leute-Ferienidylle organisierte. Weltsehnsucht und Reisefreiheit? Unbekannt. Die Unterdrückung jeglicher Mitbestimmung - kein Thema. Es sei denn, man nehme den Hinweis ernst, mit Atelierbesuchen bei Künstlern habe man versucht, der Werktätigen „Wünsche nach Mitbestimmung“ in „unpolitische Bahnen zu lenken“.
Die Emanzipation der Frauen reduziert sich auf die tadellose Mutter am Fließband, die nachts für die Weiterbildung büffelt. Der Wehrunterricht in den Schulen wird dargestellt, als sei es ein zwar ungeliebter, aber hingenommener Klassenausflug gewesen. Dass Verweigerung das Abitur gefährdete, bleibt unerwähnt. Man habe für die paramilitärische Organisation GST (die mit dem Wehrlager nichts zu tun hatte) die Begeisterung der Jungen für Waffen und Technik genutzt, heißt es lapidar im Begleittext. Dass dieser Wehrunterricht eine Elternprotestbewegung herausforderte, weil die unterschwellige Militarisierung der DDR-Gesellschaft für Tausende Väter und Mütter die Grenze ertragbarer Zumutungen überschritten hatte, erfährt man gleichfalls nicht. In einem Durchgang sind ein paar Texte an die Wand gepinnt, die wohl die Bürgerbewegung unter dem Dach der Kirche wenigstens erwähnen will. Doch die Besucher vor den Texten rätseln, was dies nun bedeutet hat.
Devotionalien jugendlicher Subkultur
Warum waren die Regale in den Läden zu DDR-Zeiten immer so leer? Weil es immerzu etwas nicht gab. Dann ging man auf Jagd, und die Verkäuferinnen verkauften gern „unter dem Ladentisch“. Glaubt man den Kuratoren, nahm der Kunde, berufstätige Männer wie Frauen, diese Form der Lebenszeitvergeudung hin. Nur Frau Müller darf Zeugnis ablegen, dass sie ihre wöchentliche Portion Schlagsahne oft nicht bekam, obwohl die Verkäuferin ihr dies zugesichert habe. Aha. Der Prototyp des musealen Ostdeutschen grämte sich über eine verweigerte Viertelliterflasche Schlagsahne, trug gern Kittelschürze, schickte die Kinder ins Wehrlager, lebte im Plattenbau und machte Ferien mit den Kollegen. Es ging beschaulich, ästhetisch zuweilen schauerlich zu, Störfeuer sind dem Museum ab und zu eine kleingedruckte Fußnote wert.
Im Obergeschoss sind noch ein paar Devotionalien der jugendlichen Subkultur aufgestellt; welche Bedeutung sie hatte, kann sich zusammenreimen, wer will. Das typische Wohnen in der DDR schrumpft auf das Plattenbauprogramm ganzer Städte zusammen. Der synchron verlaufende Ruin kostbarer alter Städte bleibt so unerwähnt wie die Texte auf den Plakaten der Sowjetsoldaten unübersetzt.
Warum ist dieser Staat untergegangen? Wer es immer noch nicht weiß, im Berliner Museum wird er es nicht erfahren. Herr S. aus Düsseldorf dankt im Gästebuch für diese „grandiose Ausstellung“. Sie wahre den „Respekt vor all jenen, denen die DDR Heimat“ war. Die anderen aber, einige Millionen Menschen, die vorübergehende Heimatlosigkeit einem absurden Leben mit tausend Lügen vorzogen und wegliefen, und jene Millionen, die auf die Straße gingen, um die SED zum Teufel zu jagen, sie erlebten etwas anderes, als die Kuratoren des Deutschen Historischen Museums in Berlin zur Schau stellen.