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David Gelernter in Berlin : Hört auf, den Computer zu lieben!

An der Universität von Yale lehrt er Computerwissenschaften. Deswegen weiß David Gelernter umso besser, wo die Hinwendung zur Maschine ihre Grenzen haben sollte. Bild: Julia Zimmermann

Der Informatiker David Gelernter beobachtet, wie die Maschinen unser Denken verändern. Was bleibt vom menschlichen Geist im Zeitalter des Internets der Dinge?

          Wer befürchtet, sein mit dem Internet der Dinge verbundener, „intelligenter“ Kühlschrank könne bald nicht nur über die Haltbarkeit der Lebensmittel wachen, sondern sich selbständig machen, mag einstweilen beruhigt sein. Dass Maschinen je ein dem menschlichen Geist ähnliches Bewusstsein entwickelten, sei unwahrscheinlich, sagt David Gelernter. Denn das, so der Informatiker, setzte voraus, „dass das Konstrukt des menschlichen Geistes so simpel ist, dass Menschen es nachbauen können. Doch de facto wissen selbst Neurobiologen immer noch wenig.“

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          „Die Rolle und die Selbstwahrnehmung des Menschen in der digitalen Welt“ war das Thema des Gesprächs mit David Gelernter in Berlin, das der Ullstein-Verlag gemeinsam mit dem Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft veranstaltete. Gelernter, der Informatik in Yale lehrt, malt, schreibt - unter anderem für diese Zeitung -, fragt, in welche Richtung sich das menschliche Denken entwickelt. Dieser Tage erscheint sein Buch „Gezeiten des Geistes“. Viele, sagt Gelernter, gingen davon aus, der Geist sei wie eine verschüttete Tempelanlage, die man in der Wüste entdecke: Man müsse nur alle Kammern vom Sand befreien, und das Rätsel sei gelöst. Doch das sei grundfalsch. Die „Landschaft“ des Geistes sei einem ständigen Wandel unterworfen. Gefühle, Gedächtnis, Verstehen, Grad des Bewusstseins - all dies erfahre im Laufe jedes Tages eine Formkurve. Von höchster Konzentration, diszipliniertem Gedächtnisgebrauch, rationalem Denken bis zu geringer Konzentration, einem sich verselbständigenden Gedächtnis und schwacher Reflexion. Am Ende des Spektrums werden Emotionen und Tagträume wichtiger, der Geist gleitet in den Zustand des Träumens.

          Debatten überholen die Wahrheit

          Mit Blick auf dieses Spektrum des Geistes macht Gelernter eine Tendenz als besorgniserregend aus: die Konzentration auf die Rationalität. Viele Debatten seien zu anspruchsvoll („too sophisticated“) und überholten die Wahrheit. Gelernters Beispiel ist die Wahrnehmung des Schmerzes, die, für sich genommen, nichts von der dazugehörigen Verletzung erzählt. Doch heute werde von vielen in einer Art Hyperbewusstheit nur noch der Schmerz wahrgenommen.

          Die Diagnose, dass sich das menschliche Denken in Richtung Rationalität verschiebe, ist nicht neu. Die Konsequenzen dieser Entwicklung aber werden laut Gelernter immer gravierender. Der Zugang zu alten Texten von Homer oder der Bibel etwa sei durch eine logisch-rationale Lesart nur unzureichend möglich. „Die Empfangsfrequenz unseres Denkens ist eine andere geworden als zu jener Zeit.“ Zugleich sei zwischenmenschliche Kommunikation kaum noch auf körperliche Anwesenheit angewiesen, sie werde „entpersonalisiert“. Auf Kosten der Emotion werde vornehmlich Intellektuelles übertragen. Zugleich mache es die Computertechnik immer einfacher, die Menschen in unserem direkten Umfeld zu ignorieren.

          Was fehlt? Was bleibt?

          Was fehlt uns nun? Was bleibt uns? Bei diesen Fragen im Gespräch mit dieser Zeitung lächelt der Informatiker. „Uns fehlt der Einfallsreichtum im Umgang mit den Technologien.“ So hätten Kinder zwar heute Zugang zu fast allen Arten von Kunst und Wissen. „Doch uns fehlen häufig die geistigen Ziele, zu denen wir diejenigen führen könnten, die etwas über all diese Dinge lernen wollen - um daraus einen besseren Nutzen für unsere Technologien abzuleiten.“ Dazu brauche es mehr als Bewunderung für die Technik und Gier nach immer neuen Gadgets: echtes Nachdenken.

          Doch mit welchem Ziel? Sind wir etwa dabei, uns mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz unseren eigenen Gott zu schaffen? „Menschen“, sagt Gelernter, „haben immer versucht, ihren eigenen Gott zu erschaffen.“ Ganz gleich ob als Skulptur oder innerhalb eines Narrativs. Aber er glaube nicht, dass die Technologie dem eine neue Dimension hinzufüge. Den Ehrgeiz, künstliche Intelligenz zu kreieren, erklärt Gelernter eher mit praktischen Bedürfnissen. In einfacher Form, etwa als Suchmechanismus auf dem Smartphone, ersetze sie komplexe Bedienvorgänge: „Es ist einfacher, dem Smartphone eine Frage zu stellen, als eine Reihe von Bedienfeldern anzutippen.“ Es werde jedoch so weit kommen, dass wir ein menschliches nicht mehr von einem maschinellen Gegenüber unterscheiden könnten. „Das ist gefährlich.“ Im Extremfall könnten Menschen beginnen, Maschinen als Freunde zu identifizieren, „weil sie ihnen eine künstliche Aufmerksamkeit schenken, die sie bei Menschen vermissen“.

          Dass Menschen sich in Programme verlieben könnten, wie in Spike Jonzes Film „Her“ inszeniert, sei „eine der Gefahren unseres passiven Umgangs mit Technologie“. Viele Menschen verstünden ungefähr, wie ihr Auto funktioniere. „Doch von ihrem Smartphone haben die meisten keinen Schimmer. Es ist ein funkelndes Werkzeug für sie.“ Daraus resultiere ein unkritischer Umgang mit dieser Technik. Dabei ist Kritiklosigkeit oft der erste Schritt in eine verhängnisvolle Liebesbeziehung.

          Quelle: F.A.Z.

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