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Datenprofile von Attentätern : Bald wissen wir alles

Das Sammeln von Daten und Erstellen von Profilen gibt keinen Einblick in die Psyche eines Amokläufers. Viel aufschlussreicher sind ihre Taten. Bild: Picture-Alliance

Zu wissen ist oft besser als nicht zu wissen. Datenprofile erklären trotzdem nicht die Psyche von Amokläufern. Und unser jetziges Wissen sagt eigentlich etwas ganz anderes.

          Das Bedürfnis nach Erklärung der jüngsten Anschläge führt zu merkwürdigen Erwartungen. Die merkwürdigste unter ihnen lautet, man könne den Tätern in den Kopf schauen, wenn man nur genug Daten sammele. So sagte vorgestern der Innenminister: „Was wir vor allem brauchen zur Vorbeugung solcher Taten ist Wissen. Das heißt: Wie verändern sich Menschen? Gibt es Informationen über diese Menschen, bei den Sicherheitsbehörden, bei den europäischen und internationalen Partnern? Also Wissen zu vermehren über Menschen, die gefährlich werden können – das ist der Schlüssel zu der Lösung, die es natürlich nicht in allen Fällen gibt, aber die weiterhilft.“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Zu wissen ist oft besser als nicht zu wissen, keine Frage. Doch zu den Merkmalen der jüngsten Anschläge gehört ja gerade die Unauffälligkeit der Täter, hier ist den Behörden kein dicker Gefährder-Fisch durchs Netz gegangen. Wie wäre aber ein Datenträger unterhalb der Gefährderliga zu bestimmen, um von diesem dann vorbeugend sicherheitsrelevante Daten abgreifen zu können? Nach dem Motto: Man muss wissen, wie sich jemand verändert. Ist es nicht so, dass Veränderungen meist erst im Rückblick feststellbar sind? Dass man also erst hinterher schlau ist? Derweil im Blick nach vorne gilt: Alles kann, nichts muss? Was weiß ich, wenn ich beispielsweise weiß, ob jemand das Buch „Amok im Kopf“ liest oder nicht?

          Dieser eine Puzzlestein

          Beobachte ich freilich jemanden beim Bombenbau oder entdecke explosive Videobotschaften, gilt allemal das, was der Innenminister meint: gut zu wissen. Aber schon die viel zitierten psychischen Störungen sind ein so weites Feld, dass erstens ihr Ausmaß den Betroffenen zumeist selbst nicht klar ist (sie gehen also nicht zum Therapeuten), und zweitens unmöglich ein Automatismus von Störung und Tat behauptet werden kann, welcher sie zu Kandidaten einer behördlichen Psychowissensabfrage machte. Wie viele Depressive führen ein Leben als unbescholtene Bürger! Wer wollte sie unter Präventionsgesichtspunkten screenen lassen?

          Ohnehin hat man den Eindruck, dass Wissen in den Zeiten des Terrors überschätzt wird. Jedenfalls, wenn die überzogenen Erwartungen an die Prävention sich auf das Anhäufen von Daten richten. Die mediale Täterpsychologie ist der Einfachheit halber stark behavioristisch orientiert, zwischen Reiz und Reaktion ist da oft nur ein Hüpfer. Ein Nichtwissen wird als ein Noch-nicht-Wissen verkauft. Nach dem Motto: Was wissen wir über den Täter von Ansbach? Was wissen wir noch nicht? Ergänze: Finden wir nur noch diesen einen Puzzlestein, dann wissen wir, warum die Tat geschah.

          Zu viel Wissen?

          Der Asylablehnungsbescheid nur zwei Wochen vor der Tat: „Vielleicht also ein Auslöser, warum er jetzt diese Tat begangen hat“, diagnostiziert die Ansbach-Reporterin vorgestern in der „heute“-Sendung. Die Kausalität scheint, wiewohl beim Täter ein „vielschichtiges psychologisches Profil“ vorliege, grundsätzlich aufklärbar: „Was da zusammengespielt hat, dass er genau gestern Abend zugeschlagen hat, da wird man noch einiges klären müssen.“ Man sammle nur weiter Daten, dann wird die Psyche des Täters bald rundlaufen. Was hat solcher Datenoptimismus mit der Undurchdringlichkeit menschlicher Entscheidungen zu tun? Nicht sehr viel, steht zu befürchten – oder besser: zu hoffen.

          Es sind die psychologischen Fachvertreter selbst, die derzeit zur Zurückhaltung mahnen und vor linearen Kausalitätsannahmen warnen. Sehr eindrucksvoll etwa Elise Bittenbinder, die vorgestern im ZDF der Annahme entgegentrat, traumatische Erfahrungen, wie sie Flüchtlinge aus ihrer Heimat kennen, machten solcherart versehrte Menschen gewaltbereiter als andere. Nach mehr als zwanzig Jahren, in denen Bittenbinder mit Überlebenden von Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen arbeitete, könne sie nur bestätigen, was Viktor Frankl als KZ-Überlebender in seinen Büchern festhält: dass Traumata die Psyche nicht determinieren, sondern neue Sinnbildungen ermöglichen. Und Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, präzisiert: „Es gibt Untersuchungen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen, sowohl Depressionen als auch posttraumatischen Belastungsstörungen, eher weniger zu Gewalttätigkeit oder Kriminalität neigen. Das ist sicher auch unter den Flüchtlingen so.“ Was noch einmal bekräftigt: Psychische Labilitäten sind für sich genommen kein Datum, anhand dessen sich Radikalisierung feststellen ließe.

          Vielleicht sollte man sich überhaupt weniger in den Untiefen der Täterpsychologie aufhalten als bei der Oberfläche ihrer Taten. Diese Oberfläche ist seriell. Aus ihrer Tiefe spricht das Gesetz der Ansteckung, ob sich nun jemand im Namen Allahs an Deutschland rächen will, seine Frau umbringen möchte oder ein Sachbuch als Amokvorlage inszeniert. Man wird deshalb, will man nicht einem Verhängniszusammenhang das Wort reden, über die tödliche Nachahmungsbereitschaft zu sprechen haben, wie sie im suizidalen Sektor seit langem unbestritten ist. Sollte es über Ansbach, München, Würzburg, Nizza zu viel statt zu wenig Wissen geben?

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