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Datenexperte Morgenroth im Gespräch Jeder ist Teil des Spiels

Wer meint, die gigantische Datensammlung der Geheimdienste hätten nichts mit ihm zu tun, der irrt sich. Die Transparenz ist im digitalen Zeitalter allgegenwärtig geworden. Wir alle sind von der Überwachung betroffen.

© Iva Batistic Die NSA-Affäre zieht weitere Kreise. Der Datenexperte Markus Morgenroth erzählt, wie Jedermann in den Fokus von Datenhäufung und Profilbildung gerät

Herr Morgenroth, die permanente Überwachung ist offenbar der entscheidende Pfeiler in der Architektur unserer Informationsgesellschaft. Es ist doch erstaunlich, dass viele Leute auf die NSA-Abhöraffäre mit Schulterzucken reagieren, als wären sie davon nicht betroffen. Dabei sind wir in Wahrheit doch alle betroffen, oder?

Melanie Mühl Folgen:

Ich glaube nicht, dass jeder von uns permanent von irgendeinem Geheimdienst überwacht wird. Aber zu glauben, dass ausschließlich Terroristen und Schwerverbrecher überwacht werden, ist sicherlich zu naiv.

Vor etwas über einem Jahr gab es den Fall, dass zwei Jugendliche aus Großbritannien, die nach Amerika einreisen wollten, einige Tage vorher ein paar spaßige Nachrichten twitterten, die in etwa so klangen: „Wir reisen nach Amerika und machen dort eine Bombenparty.“ Das Verwenden bestimmter Schlüsselwörter führte dazu, dass ihnen die Einreise verweigert wurde. Insofern haben Sie natürlich recht, wir alle sind Teil des Spiels.

Eines gefährlichen Spiels. Was den beiden Jugendlichen geschah, kann jedem von uns passieren, der zufällig eine ungünstige Wortkombination in einer E-Mail verwendet. Wir alle sind maschinenlesbar.

Der Mensch ist digital vermessbar - je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto besser lässt sich sein Verhalten entschlüsseln und prognostizieren. Die Firmen interessieren sich für viele Fragen. Beispielsweise: Welche Produkte werden an wen verkauft? Welche Werbung erzielt besondere Erfolge? Wer bewegt sich auf welche Weise innerhalb eines Kaufhauses? Erst die Interpretation verleiht der Masse an Daten ja ihre Bedeutung.

Für Daten existiert bekanntlich ein riesiger undurchsichtiger Markt. Man möchte sich ungern ausmalen, wie viele Daten über einen selbst in welche Hände gelangen könnten. Und welche Schlüsse daraus gezogen werden.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen einer Risikosportart nach, Fallschirmspringen zum Beispiel, oder, was weitaus gefährlicher ist, Base-Jumping. Sie möchten eine Lebensversicherung abschließen, aber durch irgendwelche dunklen Kanäle weiß die Versicherung über Ihr Hobby Bescheid. Und lehnt Sie ab. Irgendwann wird das vielleicht Realität.

In nicht allzu ferner Zukunft ist es vielleicht so, dass man bei seiner Krankenkasse einen günstigeren Tarif bekommen kann, wenn man bereit ist, sich permanent überwachen zu lassen. Ein kleines Gerät misst dann vielleicht, wie viel Zigaretten geraucht und wie viel Alkohol getrunken wird, wie viel Schlaf und wie viel Bewegung wir haben. Je gesünder man lebt, desto niedriger werden die Beiträge.

Die Geheimdienste sagen, die gigantischen Datenmengen würden im Dienst der Terrorabwehr gesammelt. Doch was passiert eigentlich sonst noch mit all den Daten?

Darüber kann man nur spekulieren. Fakt ist aber, dass immer wieder Fälle von Industriespionage bekannt werden. Es existieren hochentwickelte Spionageprogramme, die heimlich auf Computern installiert werden und dann Daten abgreifen.

Es wäre verwunderlich, wenn die Geheimdienste in aller Welt ihre technischen Mittel nicht dazu nutzen würden, die Kommunikation der jeweils anderen anzuzapfen. Dies passiert sehr wahrscheinlich weltweit. Europa, China, Russland, Amerika, jeder bespitzelt jeden, um einen Vorteil zu haben. Wenn ein Land sagen würde, da machen wir nicht mit, dann hätten sie dadurch wohl einen Wettbewerbsnachteil.

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Seit den Anschlägen in England haben Kameras im öffentlichen Raum massiv zugenommen. Im Grunde ist es fast unmöglich, sich zu bewegen, ohne dabei registriert zu werden.

In einigen Ländern ist es kaum noch möglich, sich in öffentlichen Bereichen zu bewegen, ohne in irgendeiner Weise erfasst zu werden. Seit einiger Zeit existiert Software, die Kamerabilder automatisiert auswerten kann. Verdächtige können erkannt werden, oder es wird ein Alarm ausgelöst, wenn sich mehr Menschen als im Normalfall an einem Ort aufhalten. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass ein Unfall passiert ist. Oder auch, dass gerade eine verbotene Demonstration stattfindet.

Das Sammeln und Analysieren von Bewegungsdaten dient ja auch dazu, größere Proteste der Bevölkerung im Keim zu ersticken. Hätten bei der „richtigen“ Überwachungsstrategie die Aufstände in der Türkei niemals stattgefunden?

Nein, das halte ich für unwahrscheinlich. Die Erfahrung zeigt, dass man die Durchführung von Protestaktionen mit Hilfe von elektronischer Überwachung von Personen in aller Regel höchstens erschweren, aber nicht komplett verhindern kann.

Was würden Sie jemandem raten, der sich große Sorgen um den Missbrauch seiner Daten macht?

Man sollte sparsam mit seinen Daten umgehen. Wer seine privaten Daten auf jeder Gewinnspielseite eingibt, braucht sich nachher nicht zu wundern, wenn der Briefkasten voller Werbung ist - oder seine Daten anderweitig verwendet werden. Auch in sozialen Netzwerken sollte man sehr genau überlegen, ob es wirklich nötig ist, alle abgefragten Informationen anzugeben.

Wenn es um das Versenden oder das Ablegen von sensiblen Daten in der Cloud geht, dann sollte man dies nur verschlüsselt tun. Wer darüber hinaus noch mehr tun will, kann sich im Internet informieren. Dort gibt es seine Reihe von guten Tipps und Vorgehensweisen, die jeder von uns beherzigen sollte.

Die Fragen stellte Melanie Mühl.

Markus Morgenroth arbeitet bei dem amerikanischen Unternehmen Cataphora, gegründet von Elizabeth Charnock. Cataphora beobachtet und analysiert das individuelle Verhalten von Mitarbeitern in Organisationen.

Quelle: F.A.Z.

 
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