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Netanjahu zu Grass : „Anständige Leute sollten die Aussagen verurteilen“

Harte Worte für Grass: Ministerpräsident Netanjahu Bild: AFP

Benjamin Netanjahu, israelischer Ministerpräsident, findet harte Worte für Günter Grass und sein jüngstes Gedicht. Auch israelische Schriftsteller und Feuilletonisten zeigen sich entsetzt vom israel-kritischen Werk des Nobelpreisträgers.

          Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat Günter Grass wegen seines jüngsten Gedichts mit harten Worten kritisiert. „Anständige Leute auf der ganzen Welt sollten diese ignoranten und verwerflichen Aussagen verurteilen“, sagte er laut einer Erklärung, die sein Büro am Donnerstag veröffentlichte.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Ihn überrasche nicht, dass ein Schriftsteller, der sechzig Jahre lang seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS verschwiegen habe, den einzigen jüdischen Staat für die größte Bedrohung des Weltfriedens halte und ihm das Recht abspreche, sich selbst zu verteidigen.

          „In Israel gibt es eine intensive Diskussion“

          Der „peinliche“ Vergleich, den Grass zwischen Israel und Iran gezogen habe, sage viel über den Autor und wenig über Israel aus. In Teheran herrsche ein Regime, das „die Shoah leugnet und zur Vernichtung Israels aufruft“. Anders als Israel bedrohe Iran den Frieden auf der Welt, unterstütze Terrororganisation und drohe damit, andere Völker zu vernichten.

          In Israel dauerte die Empörung über den deutschen Autor an. Er finde das Gedicht „ungeheuer egozentrisch und pathetisch“, sagte der Historiker Tom Segev der F.A.Z. „Grass tut so, als würde er ein großes Schweigen brechen, dabei gibt es in Israel eine intensive Diskussion“, meinte Segev, der regelmäßig für die Zeitung „Haaretz“ schreibt.

          „Aber das große Maul, das israelische Bürger bedroht, kann extrem gefährlich werden“: Schriftstellerin Zeruya Shalev

          Er wundert sich darüber, dass die Zeilen eines deutschen Autors so viel Aufmerksamkeit finden, obwohl er keine Ahnung habe – „außer er hat gestern mit Benjamin Netanjahu oder Mahmud Ahmadineschad gesprochen“. Entschieden wehrt sich Segev dagegen, dass Grass Israel und Iran auf die gleiche Stufe stellt: Anders als Israel habe der iranische Präsident öffentlich verkündet, ein anderes Volk, nämlich Israel, vernichten zu wollen.

          Zeruya Shalev: „Traurig und wütend“

          Auch in Israel gebe es Iran-Kenner, die vor einem möglichen Angriff warnten, sagte Segev und bezieht sich damit auf Meir Dagan, den früheren Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad. „Niemand behauptet aber deshalb, Dagan sei ein Antisemit“, fügte Segev hinzu, der damit auf Grass’ Befürchtung anspielt, man werde jetzt wieder versuchen, ihn als solchen zu diskreditieren. Er habe das Gefühl, Grass rede auch in seinem jüngsten Beitrag vor allem „von seinem eigenen SS-Schweigen“.

          Historiker Tom Segev: „Ungeheuer egozentrisch und pathetisch“

          Die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev reagierte emotional auf das Gedicht. Es mache sie „traurig und wütend“ zugleich, sagte sie der F.A.Z., denn die iranische Atombewaffnung bedrohe die Existenz Israels. Die Verkennung der Lage, die aus den Zeilen von Günter Grass spreche, sei ebenfalls bedrohlich. In Anspielung auf den „Maulhelden“, als den Grass Ahmadineschad beschreibt, sagte sie: „Kein Maul, egal wie groß oder klein, gefährdet das iranische Volk. Aber das große Maul, das israelische Bürger bedroht, kann extrem gefährlich werden, besonders wenn hinter ihm eine Atombombe steht.“

          „Grass hat grundsätzlich ein Problem mit Juden“

          Sie selbst gehöre zu jenen Israelis, die gegen einen Angriff auf Iran seien, aber die riesige Gefahr auch nicht ignorieren könnten. Zeruya Shalev, von der auf Deutsch zuletzt der Roman „Für den Rest des Lebens“ erschienen ist, hofft, dass es noch eine Chance auf eine diplomatische Lösung gibt.

          Israelische Feuilletonisten sind vom jüngsten Grass-Beitrag nicht sonderlich beeindruckt. Benny Ziffer, Leiter der Literaturbeilage der Zeitung „Haaretz“, ist skeptisch, ob es in Israel eine ähnliche Diskussion wie in Deutschland geben wird. „Wäre es nicht von Grass, würde ich ein solches Stück nicht drucken. Es hat literarisch keinen Wert, bietet nichts Neues und ist extrem naiv“, bemängelt Ziffer.

          Der frühere israelische Botschafter in Berlin, Schimon Stein, riet davon ab, dem Gedicht zu große Aufmerksamkeit zu schenken. Dafür sei das Thema, um das es gehe, viel zu ernst. „Günter Grass hat grundsätzlich ein Problem mit Juden und Israel. Mit seiner eigenen SS-Vergangenheit ist er selbst nie zurechtgekommen“, sagte Stein. „Wenn Grass sich tatsächlich mit Israel verbunden fühlt, wie er schreibt, dann verzichte ich auf diese verlogene Verbundenheit“, erklärte der frühere Diplomat.

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