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Marcel Reich-Ranicki über Grass Es ist ein ekelhaftes Gedicht

Ein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki, aus erzwungenem Anlass

© Helmut Fricke Vergrößern Begleitete als Kritiker die gesamte literarische Karriere von Günter Grass: Marcel Reich-Ranicki

Was haben Sie gedacht, als Sie das Gedicht von Günter Grass „Was gesagt werden muss“ zum ersten Mal gelesen haben?

Dass es eine Gemeinheit ist. Das war das Erste. Mir war das völlig klar. Dass Israel den Weltfrieden bedrohe und diese Dinge, das genügte schon. Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren. Außerdem ist es auch noch großer Unsinn. Israel ist schließlich selbstverständlich im hohen Maße am Weltfrieden interessiert.

Hat Sie das Gedicht auch literarisch interessiert?

Nein, überhaupt nicht.

Was hat Sie besonders abgestoßen?

Na ja. Ich muss den Text nehmen, wie er ist. Und dann sieht man, dass er eine ganz bestimmte Absicht hat. Das ist ganz klar.

Was ist die Absicht?

Den Judenstaat zu attackieren.

Warum macht Grass das?

Er macht es aus einem sehr einfachen Grund. Er, Grass, war immer schon an Sensationen, an Affären, an Skandalen interessiert. Mit seinen Gedichten hat er wenig erreicht, Romane hat er nur einen wirklich sensationellen geschrieben, die „Blechtrommel“. Mit seinem literarischen Werk hat er erreicht, was er erreichen konnte, mehr hat er nicht zu bieten. Und dass er jetzt die Juden attackiert, das ist kein Zufall. Er hat etwas verstanden, was ein anderer vor ihm genau so verstanden hat. Und dieser andere ist Martin Walser. Er hat verstanden: Wenn man die Juden attackiert, kann man damit allerhand erreichen. Und in der Tat haben beide, er und Walser, viel erreicht.

Was?

Na, einen großen Skandal. Eine riesige Aufmerksamkeit, die ein Schriftsteller sonst so nicht bekommt.

Aber das Werk von Grass war bislang ja nun wahrlich nicht von Attacken auf die Juden geprägt.

Nein, das sage ich auch gar nicht. Aber das Werk von Grass ist geprägt von Attacken. Er war immer zum Angriff bereit.

Sie meinen, er war immer ein guter Stratege im Kampf um die öffentliche Aufmerksamkeit? Ein Werbestratege in eigener Sache?

Ohne Zweifel.

Auch für einen klugen Literaturstrategen ist es ein wohl einmaliger Fall, dass sich Ministerpräsidenten, Botschafter und Außenminister aus aller Welt zu einem Gedicht äußern. Wie hat er das gemacht?

Wenn Palästinenser oder Araber gegen Israel hetzen, ist das ja nichts Besonderes, aber wenn ein Günter Grass es tut und so scharf gegen die Juden vorgeht, dann ist das natürlich ein Ereignis.

In der Tageszeitung „Die Welt“ stand neben dem Bild von Günter Grass die Überschrift „Der ewige Antisemit“. Ist da etwas dran?

Na klar ist da etwas dran. Er hat diese Gemeinheit geschrieben, und diese Gemeinheit ist von ihm aus gesehen ungemein erfolgreich.

Vor allem durch die rhetorische Floskel, man dürfe das in Deutschland nicht sagen. Den behaupteten Bruch des Tabus, man dürfe in Deutschland Israel nicht kritisieren.

Ach, das Tabu gibt es doch überhaupt nicht. Er wollte eben unbedingt den großen Krach haben. Natürlich ist es kein Zufall, dass dieses Gedicht vor der Pessach-Feier publiziert wurde, einem der wichtigsten Feste der Juden. Das ist ganz klar. So haben es die Araber, die Palästinenser mit den Juden immer gemacht. Vor Pessach kamen die schärfsten Attacken.

Das heißt: ein geplanter Schlag von Günter Grass?

Ja. Gar kein Zweifel.

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