http://www.faz.net/-gsf-6z07p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 08.04.2012, 16:00 Uhr

Marcel Reich-Ranicki über Grass Es ist ein ekelhaftes Gedicht

Ein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki, aus erzwungenem Anlass

© Helmut Fricke Begleitete als Kritiker die gesamte literarische Karriere von Günter Grass: Marcel Reich-Ranicki

Was haben Sie gedacht, als Sie das Gedicht von Günter Grass „Was gesagt werden muss“ zum ersten Mal gelesen haben?

Dass es eine Gemeinheit ist. Das war das Erste. Mir war das völlig klar. Dass Israel den Weltfrieden bedrohe und diese Dinge, das genügte schon. Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren. Außerdem ist es auch noch großer Unsinn. Israel ist schließlich selbstverständlich im hohen Maße am Weltfrieden interessiert.

Hat Sie das Gedicht auch literarisch interessiert?

Nein, überhaupt nicht.

Was hat Sie besonders abgestoßen?

Na ja. Ich muss den Text nehmen, wie er ist. Und dann sieht man, dass er eine ganz bestimmte Absicht hat. Das ist ganz klar.

Was ist die Absicht?

Den Judenstaat zu attackieren.

Warum macht Grass das?

Er macht es aus einem sehr einfachen Grund. Er, Grass, war immer schon an Sensationen, an Affären, an Skandalen interessiert. Mit seinen Gedichten hat er wenig erreicht, Romane hat er nur einen wirklich sensationellen geschrieben, die „Blechtrommel“. Mit seinem literarischen Werk hat er erreicht, was er erreichen konnte, mehr hat er nicht zu bieten. Und dass er jetzt die Juden attackiert, das ist kein Zufall. Er hat etwas verstanden, was ein anderer vor ihm genau so verstanden hat. Und dieser andere ist Martin Walser. Er hat verstanden: Wenn man die Juden attackiert, kann man damit allerhand erreichen. Und in der Tat haben beide, er und Walser, viel erreicht.

Was?

Na, einen großen Skandal. Eine riesige Aufmerksamkeit, die ein Schriftsteller sonst so nicht bekommt.

Aber das Werk von Grass war bislang ja nun wahrlich nicht von Attacken auf die Juden geprägt.

Nein, das sage ich auch gar nicht. Aber das Werk von Grass ist geprägt von Attacken. Er war immer zum Angriff bereit.

Sie meinen, er war immer ein guter Stratege im Kampf um die öffentliche Aufmerksamkeit? Ein Werbestratege in eigener Sache?

Ohne Zweifel.

Auch für einen klugen Literaturstrategen ist es ein wohl einmaliger Fall, dass sich Ministerpräsidenten, Botschafter und Außenminister aus aller Welt zu einem Gedicht äußern. Wie hat er das gemacht?

Wenn Palästinenser oder Araber gegen Israel hetzen, ist das ja nichts Besonderes, aber wenn ein Günter Grass es tut und so scharf gegen die Juden vorgeht, dann ist das natürlich ein Ereignis.

In der Tageszeitung „Die Welt“ stand neben dem Bild von Günter Grass die Überschrift „Der ewige Antisemit“. Ist da etwas dran?

Na klar ist da etwas dran. Er hat diese Gemeinheit geschrieben, und diese Gemeinheit ist von ihm aus gesehen ungemein erfolgreich.

Vor allem durch die rhetorische Floskel, man dürfe das in Deutschland nicht sagen. Den behaupteten Bruch des Tabus, man dürfe in Deutschland Israel nicht kritisieren.

Ach, das Tabu gibt es doch überhaupt nicht. Er wollte eben unbedingt den großen Krach haben. Natürlich ist es kein Zufall, dass dieses Gedicht vor der Pessach-Feier publiziert wurde, einem der wichtigsten Feste der Juden. Das ist ganz klar. So haben es die Araber, die Palästinenser mit den Juden immer gemacht. Vor Pessach kamen die schärfsten Attacken.

Das heißt: ein geplanter Schlag von Günter Grass?

Ja. Gar kein Zweifel.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Büchnerpreis Proteischer Poet

Eine solche Bandbreite hat man lange nicht mehr bei einem Büchnerpreisträger gesehen: Marcel Beyer, Romancier und Lyriker, poetisiert sich die Welt – aber stets mit einem Stachel. Mehr Von Andreas Platthaus

29.06.2016, 11:49 Uhr | Feuilleton
Schatten der Vergangenheit Kroatische Juden kämpfen gegen Ignoranz und Vergessen

Die jüdische Gemeinde in Kroatien wirft der neuen Rechtsregierung vor, die Verbrechen des faschistischen Ustascha-Regimes im Zweiten Weltkrieg systematisch zu verleugnen oder zu verharmlosen. Mehr

04.06.2016, 02:00 Uhr | Politik
E-Book-Kolumne E-Lektüren Dichtung und Arbeit

Zwei E-Books sind erschienen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch dasselbe meinen. Ben Lerner erklärt den Hass auf die Lyrik und Bernhard Keller die Liebe zum Baby. Mehr Von Oliver Jungen

19.06.2016, 22:38 Uhr | Feuilleton
Messerattacke auf Gay Pride Lange Haft für jüdischen Fanatiker

Der tödliche Messerangriff auf Teilnehmer der Gay Pride in Jerusalem 2015 ist mit aller Härte bestraft worden: Das Jerusalemer Bezirksgericht verurteilte den ultraorthodoxen Juden Jischai Schlissel zu lebenslanger Haft plus 31 Jahren. Er hatte im Jahr 2005 bei der Schwulen- und Lesben-Parade schon einmal mehrere Menschen mit dem Messer verletzt. Mehr

26.06.2016, 18:34 Uhr | Gesellschaft
Trude Simonsohn Ich werde mich nicht verbiegen

Trude Simonsohn ist 95 Jahre alt. Noch immer folgt sie Einladungen, Schülern von ihren Erlebnissen im KZ und ihrem Überleben zu erzählen. Nun wird die Frau aus Olmütz Ehrenbürgerin. Mehr Von Hans Riebsamen

21.06.2016, 10:18 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Revolte der Körper

Von Thomas Thiel

Politik richtet sich an den Verstand. Doch die abstrakte Weltpolitik lässt die Körper revoltieren. Zum Vorteil der Patriarchen. Mehr 3

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“