Home
http://www.faz.net/-het-6yy44
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Kritik an Grass’ Israel-Kritik „Aggressives Pamphlet der Agitation“

Mit seiner Israel-Kritik in Gedichtform hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass bei Politikern Empörung und Widerspruch ausgelöst. Auch der Gesandte Israels in Berlin, Nahshon, zeigt sich entsetzt.

© dpa Vergrößern Mit erhobenem Zeigefinger: Die Atommacht Israel gefährde den ohnehin brüchigen Weltfrieden, sagt Günter Grass

Mit seiner Israel-Kritik in Gedichtform hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass Empörung und Widerspruch ausgelöst. Es gibt aber auch einige unterstützende Stimmen. Israels Gesandter in Berlin, Nahshon, ordnete Grass’ Gedicht ein in jahrhundertealte antisemitische Hetze gegen Juden. „Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will“, erklärte Nahshon.

Der Gesandte betonte, Israel wolle in Frieden mit seinen Nachbarn leben. „Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.“

Das American Jewish Committee (AJC) zeigte sich entsetzt über das Gedicht. „Grass schadet der deutsch-israelischen Freundschaft ungemein, wenn er Israels notwendige Sicherheitspolitik als Verbrechen bezeichnet und den eigentlichen Verursacher des Konfliktes in Schutz nimmt“, erklärte Deidre Berger, die Direktorin des AJC in Berlin.

Robbe: Grass diskreditiert sich „als Intellektueller wie als Künstler“

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, nannte das Gedicht „überflüssig und eitel“. Grass’ Unwissen über die komplexen politischen Verhältnisse im Nahen Osten sei „erschreckend“, er diskreditiere „sich selbst, als Intellektueller wie als Künstler“.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text „ein aggressives Pamphlet der Agitation“. Der Text sei unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe äußerte sich über Tonlage und Ausrichtung des Gedichts entsetzt. Es verkenne völlig die Situation, dass ein nach Atomwaffen greifender Iran das Existenzrecht Israels bestreite, den Holocaust leugne und sich internationaler Kontrolle seiner Kernenergiekonzepte verweigere. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), sagte der „Mitteldeutschen Zeitung“: „Günter Grass ist ein großer Schriftsteller. Aber immer wenn er sich zur Politik äußert, hat er Schwierigkeiten und liegt meist daneben. Diesmal liegt er gründlich daneben.“

Mehr zum Thema

Auch der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Philipp Mißfelder, nannte das Gedicht im „Kölner Stadt-Anzeiger“ geschmacklos und unhistorisch, es zeuge von Unkenntnis der Situation im Nahen Osten. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles distanzierte sich von dem Gedicht. „Ich schätze Günter Grass sehr, aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen“, sagte Nahles gegenüber „Spiegel Online“. Grass war früher SPD-Mitglied und hat die Sozialdemokraten mehrfach im Wahlkampf unterstützt.

Giordano: „Anschlag auf Israels Existenz“

Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte das Gedicht einen „Anschlag auf Israels Existenz“. „Selten hat mich etwas so erschüttert“, schrieb Giordano am Mittwoch der Deutschen Presseagentur dpa in Köln. Mit seiner einseitigen Anklage stelle Grass die Dinge auf den Kopf. Der Publizist Micha Brumlik warf Grass mangelnde Objektivität vor. Grass erwähne nicht, dass die iranische Führung Israel seit Jahren verbal mit der Auslöschung bedrohe, kritisierte der Frankfurter Professor für Erziehungswissenschaften im SWR2-Journal am Mittwoch. Volker Beck, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, warf Grass vor, mit seiner als Gedicht verbrämten Kritik an Israel ein antisemitisches Stereotyp zu kolportieren, wonach es angeblich tabu sei, israelische Politik zu kritisieren. „Damit disqualifiziert das Gedicht sich selbst als Beitrag in der Debatte“, sagte Beck der Zeitung „Welt“.

Friedman: „Grass bedient antisemitische Klischees“

Publizist Michel Friedman, früherer stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, warf Grass vor, antisemitische Klischees zu bedienen. Der „Bild“-Zeitung sagte Friedman: „Wie krank ist die Argumentation, er habe über Jahrzehnte schweigen müssen, um nun endlich der Welt zu erklären, der jüdische Staat ist die größte Bedrohung für die Menschheit?“ Es wäre besser gewesen, Grass hätte weiter geschwiegen, meinte Friedman.

Der Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, unterstützte hingegen Grass. Er warne dringend vor Waffenexporten Deutschlands an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Gehrcke: „Günter Grass hat Recht“

Auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag stellte sich hinter Grass und verwies auf die Freiheit der Kunst. Er sagte „Spiegel Online“: „Das ist ein Gedicht und kein politischer Beitrag.“ „Wenn Herr Grass einen politischen Meinungsartikel mit diesen Argumenten geschrieben hätte, wäre dieser verheerend“, schränkte Montag aber in der „tageszeitung“ ein. Der Linke-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke erklärte in einer Mitteilung: „Günter Grass hat Recht.“ Grass habe den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen werde.

Die Bundesregierung äußerte sich am Mittwoch nicht zu dem Gedicht. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte vor Journalisten in Berlin, es gebe eine Freiheit der Kunst und eine Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder Äußerung äußern zu müssen.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Islamophobie und Antisemitismus Die neuen alten Juden

Warum „Islamophobie“ in Europa nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden kann. Weder im Wesen noch im Ausmaß. Ein Gastbeitrag. Mehr

29.08.2014, 12:13 Uhr | Gesellschaft
Israelisch-Kurdische Beziehungen Die Landkarte des Nahen Ostens verändern

Ein eigenständiger Kurdenstaat hat derzeit nicht viele Fürsprecher. Israel sieht die Lage anders und setzt auf die Kooperation mit nichtarabischen Gruppen. Mehr

27.08.2014, 14:52 Uhr | Feuilleton
Judenhass in Deutschland Merkel soll auf Kundgebung gegen Antisemitismus sprechen

Die antisemitischen Parolen und Übergriffe auf deutschen Straßen während Israels Offensive im Gaza-Streifen haben viele jüdische Bürger schockiert. Nun will die Kanzlerin an symbolträchtiger Stelle klare Worte sprechen. Mehr

19.08.2014, 14:52 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 04.04.2012, 16:58 Uhr

Technologie als Tücke

Von Stefan Schulz

Von Computern darf man sich überfordert fühlen. Der Spähskandal hat an der Koketterie nichts geändert. Der Diebstahl privater Fotos von Hollywoodstars bedeutet jedoch neue Spielregeln über Nacht. Mehr