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Veröffentlicht: 06.04.2012, 08:44 Uhr

Günter Grass im Fernsehen Was bleibet aber, richten die Dichter an

Günter Grass auf allen Kanälen: Die mediale Erregung war am Donnerstag so groß wie die Empörung über sein umstrittenes Israel-Gedicht. Die Erkenntnis des langen Abends: Günter Grass hatte nicht viel zu sagen.

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© REUTERS Fühlt sich missverstanden: Nobelpreisträger Günter Grass

Die Welt (soweit das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen sie abbildet) kannte am Donnerstag nur ein Thema: Günter Grass und sein Gedicht „Was gesagt werden muss“. Und je später der Abend, desto länger die Beiträge in den Nachrichten. Es begann mit fünf Minuten in der „Tagesschau“ um 20 Uhr. Fünf Minuten von fünfzehn. Im „heute journal“ wurden es dann knapp zwei Stunden später schon zehn Minuten (von insgesamt 25). Und schließlich schafften es die „Tagesthemen“, mehr als die Hälfte ihrer Sendezeit auf Günter Grass, sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ und die Reaktionen darauf zu verwenden: fünfzehn Minuten von 28. Jede Sendung hatte dabei ihr eigenes Interview.

Andreas Platthaus Folgen:

Was muss da am Donnerstag Morgen in Berkenthin, dem Wohnort von Grass, los gewesen sein? Ein Fernsehteam nach dem anderen lief ein, um im Atelier des Literaturnobelpreisträgers zu verschwinden, wo der griesgrämige Hausherr vor seiner Bücherwand immer wieder neu Rede und Antwort stand – die sich aber jeweils nur dadurch unterschieden, dass die Teekanne auf dem kleinen Tisch, an dem die wechselnden Gesprächspartner Platz nehmen durften, mal links, mal rechts zu stehen kam. Ansonsten alle Antworten wie mit Copy & Paste erteilt. Wann wer im Grassschen Domizil genau empfangen wurde, könnte man wohl nur am Sonnenstand rekonstruieren.

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Im Internet sind die drei vollständigen Ateliergespräche abzurufen, die in den Nachrichtensendungen jeweils nur verknappt liefen. Der NDR in Person von Jan Peter Gehrckens beschränkte sich für die „Tagesschau“ auf eine Gesprächszeit von knapp zehn Minuten, während Tom Buhrow für die „Tagesthemen“ dreiundzwanzig Minuten lang mit Grass sprach, was Frank Vorpahl für das „heute journal“ sogar noch um eine Minute übertraf. Dabei war Vorpahl der kritischste Nachfrager, während Gehrckens sich um die zentrale Passage von Grass’ Gedicht („Die Atommacht Israel gefährdet den Weltfrieden“) gleich ganz herummogelte. Buhrow dagegen war es zu verdanken, dass die Behauptung von Grass, überall und speziell in Deutschland werde über die Sorge vor einem israelischen Erstschlag gegen Iran geschwiegen, mit dem Verweis auf Bundesverteidigungsminister de Maizière zunichte machte, der vor zwei Wochen seinem israelischen Amtskollegen Ehud Barak gegenüber genau diese Sorge ausgedrückt hatte.

Ein wenig Recherche widerlegt alle vollmundigen Verkündigungen

Es braucht ja nur etwas Recherche, um die vollmundigen Verkündigungen von Grass eine nach der anderen zu widerlegen. Aber wer keinen Blick in die „New York Times“ wirft, der glaubt eben, dass auch diese Zeitung das Gedicht „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht hätte – was sie aber nicht getan hat. Oder dass Grass sich, wie der Schriftsteller gegenüber Buhrow erklärte, „zum ersten Mal umfangreich über Israel in diesem Gedicht“ geäußert habe. Hat der Mann ein so schlechtes Gedächtnis, dass ihm der eigene Aufsatz „Israel und ich“ vom 31. Dezember 1973 entfallen ist, der damals auch in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht wurde? Er umfasst in der Grass-Werkausgabe sechs Seiten, während das neue Gedicht 69 Zeilen hat. Wenn das „umfangreich“ sein soll, haben sich die Wertmaßstäbe des Epikers Grass wohl deutlich verschoben. 1973 vertrat er übrigens auch schon ähnliche Thesen wie jetzt.

In den im Internet abrufbaren Langversionen der Fernsehgespräche von Donnerstag kommt die Rede auch auf die Siedlungspolitik. Die war 1973 der Anlass für Grass, Israel die Rolle des Aggressors zuzuschieben, und auch damals hieß es schon, man könne in Deutschland ja nur schlecht über so etwas reden. Schlecht gesprochen und vor allem geschrieben aber hat nur einer: Grass selbst. Weil er gegenüber Gehrckens klagte: „Was nicht geschieht, ist ein Blick in die Vielzahl meiner Bücher“, sei ihm auch diesbezüglich das Gegenteil beweisen. In Band 14 („Gedichte und Kurzprosa“) der in der Tat vielteiligen Werkausgabe findet sich das 1967 publizierte Gedicht „Zorn Ärger Wut“, in dem Grass bitteren Spott über politisch engagierte Lyrik ausgießt. Ein Auszug gefällig?

„Wie Stahl seine Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur.
Aufrüstung öffnet Märkte für Antikriegsgedichte.
Die Herstellungskosten sind gering.
Man nehme: ein Achtel gerechten Zorn,
zwei Achtel alltäglichen Ärger
und fünf Achtel, damit sie vorschmeckt, ohnmächtige Wut.
Denn mittelgroße Gefühle gegen den Krieg
sind billig zu haben
und seit Troja schon Ladenhüter.
(Mach doch was. Mach doch was.
Irgendwas. Mach doch was.)
man macht sich Luft: schon verraucht der gerechte Zorn.
Der kleine alltägliche Ärger lässt die Ventile zischen.
Ohnmächtige Wut entlädt sich, füllt einen Luftballon,
der steigt und steigt, wird kleiner, ist weg.“

Und etwas weiter stellt der Dichter über solche Gedichte fest: „sie kommen ans Ziel, sie kommen ans Ziel: / zuerst ins Feuilleton und dann in die Anthologie“.

Das immerhin hat sich seit 1967 geändert. Heute kommen sie zwischendurch noch in ein weiteres Ziel: ins Fernsehen, auf allen Kanälen, die ganze Nacht lang. Um 0.20 Uhr beginnt 3sat den neuen Tag mit einer Sondersendung „Kulturzeit extra“. Ihr Thema: Günter Grass und sein Gedicht.

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