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Veröffentlicht: 04.04.2012, 16:13 Uhr

Eine Erläuterung Was Grass uns sagen will

Das Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass ist ein Dokument der Rache. Eine Interpretation.

von
© Daniel Pilar „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“: Nobelpreisträger Günter Grass provoziert, wieder einmal

Es empfiehlt sich, Gedichte von Günter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen. Sie ähneln Ikea-Regalen. Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus, aber wenn man das fertige Werk erst einmal auseinander genommen hat, kriegt man es einfach nicht mehr zusammen.

Ein Gedicht ist natürlich kein Regal. Man sieht von außen nicht, was in ihm steckt. Ein Gedicht ist ein Gedicht, weil es niemals sagt, was Sache ist. Seit Generationen müssen Schüler im Deutschunterricht deshalb die Frage beantworten, was der Dichter uns verheimlicht.

Ein Leitartikel als Gedicht

Ganz anders der Leitartikel. Ein Leitartikel ist ein Artikel, der immer sagt, was Sache ist. Generationen von Zeitungslesern streiten sich deshalb jeden Morgen, ob sie richtig finden, was er sagt, oder falsch.

Schraubt ein Autor Gedicht und Leitartikel zusammen, muss der Leser folgerichtig herausfinden, ob er richtig oder falsch findet, was der Dichter verheimlicht.

Damit sind wir bei Günter Grass und seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“. Neun Strophen, die der Nobelpreisträger heute auf der ganzen Erde verbreiten lässt (die „New York Times“ aber hat es dann doch nicht gedruckt). Auf den ersten Blick scheint es einfach zu verstehen und harmlos konstruiert. „Was gesagt werden muss“, das steht in Strophe sieben: Die „Atommacht Israel“ gefährde den Weltfrieden. Es geht um Iran und Israel, um „Planspiele“, „nukleares Potential“, „Antisemitismus“, „U-Boot“-Lieferung, die „Heuchelei des Westens“, den „Weltfrieden“, „iranische Atomanlagen“, „permanente Kontrolle“, „eine internationale Instanz“ - das alles sind die Bauteile des politischen Leitartikels.

Das Gedicht hinter dem Gedicht

Man kann das diskutieren wie jeden Leitartikel. Man wird dann feststellen, dass - abgesehen von der These, der Staat Israel gefährde den Weltfrieden - Grass keine Einzelmeinung vorträgt. David Grossman hat sich in dieser Zeitung ganz ähnlich geäußert. Die israelische Zeitung „Haaretz“ zitierte vor wenigen Tagen ausführlich die Warnungen Hillary Clintons vor einem Präventivschlag Israels. Auf den ersten Blick ist Grass’ Gedicht auch nur das: ein Nobelpreisträger-Kommuniqué für den Weltfrieden, sprachlich Lichtjahre von irgendeiner Art heutzutage praktizierter Literatur entfernt.

Wer jetzt mit dem Schraubenzieher nachschaut, findet aber ein zweites Gedicht und zwar eine ziemlich bestürzende Umkehrung westdeutscher Nachkriegsdiskurse. Grass schreibt einen Leitartikel, der das lyrische Verfahren benutzt, um über Israel als Israels Opfer sprechen zu können. Die deutsche Geschichte habe ihn bisher gehindert, offen zu sprechen. Jetzt aber muss er reden.

Warum schweige ich, verschweige
zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als
Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Man muss sich klarmachen, was dieser Meister der Sprache assoziativ aufruft. Es spricht ein potentiell „Überlebender“, der „allenfalls Fußnote der Geschichte“ sein wird, wenn man Israel nicht Einhalt gebietet. Im semantischen Kontext dieses Gedichts raubt er sich das Wort „Überlebende“ und damit die moralische Autorität der überlebenden Verfolgten des Dritten Reichs. Mehr noch, er spielt fast wörtlich auf die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vom 9.November 2008 an, auf der Charlotte Knobloch davor warnte, dass die Opfer des Holocaust zu „Fußnoten der Geschichte“ werden könnten. Auf diese Befürchtung antwortete Angela Merkel in der gleichen Veranstaltung mit einem berühmten Satz, der auch staatsrechtlich relevant ist und den dieses Gedicht widerlegen will: „Die Sicherheit Israels zu schützen ist Teil der Staatsräson Deutschlands.“

Lyrischer Etikettenschwindel

Aber das ist es nicht allein. Das ganze Gedicht durchzieht ein Subtext, ein lyrischer Etikettenschwindel, der, wenn man ein paar Begriffe verändert, wie die Schwundform eines Textes eines hellsichtigen Widerstandskämpfers des Jahres 1934 wirkt (der bekanntlich mit einer Ausnahme nie geschrieben wurde). Grass sagt:

1. Ich habe zu lange geschwiegen, aber jetzt schweige ich nicht mehr.

2. Ich habe geschwiegen, aus „Zwang“ und Angst vor Bestrafung („Zwang, der Bestrafung in Aussicht stellt“).

3. Ich wäre angeklagt worden des „Antisemitismus“ (ersetzt semantisch das Wort: Hochverrat).

4. Aber jetzt rede ich, weil geplant ist, ein ganzes Volk auszulöschen.

Hier geht es nicht mehr um Israel und Iran, hier geht es darum, endlich die Chance zu ergreifen, einen Rollentausch vorzunehmen. Natürlich nennt er die deutschen Verbrechen „ureigen“ und „ohne Vergleich“. Aber was er auf der Aussageebene verneint, suggeriert er auf der Assoziationsebene. Die Wortfelder, die Grass aufruft, vom Überlebenden bis zur Auslöschung eines Volkes, was nichts anderes als Holocaust heißt, sind eindeutig. Doch Grass hat noch mehr zu bieten, um sich die Zunge zu lösen, und das ist vielleicht sein stärkstes Stück. Er spricht nicht nur als künftiger Überlebender eines geplanten Völkermords, er sagt auch, was ihn davon abhielt, die „Wahrheit“ auszusprechen:

Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel
behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als
ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Es sind nicht die Handlungen und Gedanken, die ihn zur Verstellung zwangen, sondern die genetische Herkunft. „Herkunft als Makel“ - er sagt nicht: „meine Generation“, „mein Land“, „unsere Geschichte“, „meine Geschichte“, er benutzt den genealogischen Begriff „Herkunft“. Und zwar aus schlichtem Grund. Denn jetzt teilt er auch diese Stigmatisierung mit den wahren Opfern des Rassismus. Gewiss, er sagt nicht, dass er deswegen gejagt und verfolgt wird. Aber den Preis, den er glaubt gezahlt zu haben, ist im dichterischen Kosmos wie ein Todesurteil: Die Herkunft zwang ihn zur Lüge.

Machwerk des Ressentiments

Hat man das Gedicht so weit auseinandergeschraubt, bekommt man es nie wieder zusammen. Nein, das ist kein Gedicht über Israel, Iran und den Frieden. Wie könnte es das sein, wo es den iranischen Holocaust-Leugner als „Maulhelden“ in einer Zeile abtut und gleichzeitig doch ausdrücklich nur geschrieben ist, um Israel zur Bedrohung des Weltfriedens zu erklären?

Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der „imaginären Rache“ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann.

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