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Empathie als Notwendigkeit : Das Herz der anderen

Aktives Mitgefühl kann sich auch in einer Umarmung ausdrücken: Nach dem Anschlag mit 13 Toten auf dem Boulevard Las Ramblas in Barcelona umarmen sich Menschen auf der Straße. Bild: AFP

Wer glaubt, Empathie sei eine Art Selbstläufer, irrt sich. Mitgefühl muss trainiert werden. Nur so kann eine Gesellschaft lernen, auch an fremden Schicksalen Anteil zu nehmen.

          Niemand ist eine Insel. Dieser Gedanke ist deshalb so beruhigend, weil er uns einen Moment lang über die Absurdität des Daseins hinwegtröstet, indem er auf unsere Verstricktheit mit dem Schicksal aller verweist. Das dürfte auch der Grund dafür sein, weshalb der Insel-Satz des englischen Dichters John Donne so gern zitiert wird. Seine Du-bist-nicht-allein-Botschaft kann man allerdings auch als Ermahnung verstehen: Wer sich als „ein Teil des Ganzen“ begreift und daraus ein Gefühl des Aufgehobenseins zieht, geht gleichzeitig eine Art moralische Verpflichtung ein: Die anderen dürfen ihm nicht egal sein. Die Rede ist von Empathie und Mitgefühl. Beides wird zwar gern in einem Atemzug genannt, ist aber nicht identisch. Spätestens seit der Entdeckung der Spiegelneuronen gilt diese angeborene kognitive Fähigkeit vielen als eine Art Selbstläufer, als unerschütterliche Grundlage einer Brücken schlagenden, „empathischen Zivilisation“, wie sie der Soziologe Jeremy Rifkin vor Jahren ausrief. Aber die Sache ist komplizierter, jedenfalls, wenn man unter Empathie mehr als das bloße Einfühlungsvermögen in andere Menschen versteht. Mehr als eine kurze, blauäugige Betroffenheit beim Blick auf Fotos toter Flüchtlingskinder. Es geht nicht um Barmen ohne Konsequenzen, sondern um produktives Mitgefühl. Während der, der sich der Empathie lediglich passiv hingibt, stets Gefahr läuft, im Moment der Rührung zu verharren beziehungsweise in empathischen Stress zu geraten und sich schließlich aus Selbstschutz Augen und Ohren zuzuhalten, neigt der Mitfühlende zum Handeln.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Tania Singer, Neurowissenschaftlerin vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, ordnet Empathie unter das Stichwort der Resonanzfähigkeit – „man teilt ein Gefühl mit einem anderen Menschen, ist aber der Gefahr ausgesetzt, überwältigt zu werden und in empathischen Stress zu geraten“. Mitgefühl hingegen habe eine andere Qualität: „Es hat etwas von der Fürsorge einer Mutter, die ihr Kind tröstet, und ist verbunden mit positiven, beruhigenden und liebevollen Gefühlen.“ Der Unterschied macht sich auch im Gehirn eines Menschen bemerkbar. Bei jemandem, der Mitgefühl empfindet, „werden Netzwerke aktiviert, die mit positiven Gefühlen und Belohnung einhergehen. Bei Empathie dagegen wird zum Beispiel ein Teil der Schmerzmatrix im Gehirn aktiviert, der auch dann aktiv ist, wenn man selbst Schmerzen empfindet.“

          Empathie ist ein ambivalentes Gefühl – auch wenn der Empathiebegriff im allgemeinen Sprachgebrauch rein positiv konnotiert ist und mit dem moralisch Guten gleichgesetzt wird. Das ruft Kritiker wie den Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt auf den Plan, der in seinem Buch „Die dunklen Seiten der Empathie“ aufdeckt. Er verweist in diesem Zusammenhang zum Beispiel auf die Gefahr einer in die zerstörerische Selbstlosigkeit führenden Überidentifikation. Oder das egoistische Verhalten von Helikopter-Eltern, die aus ihren Kindern Supersportler machen möchten, um jenes Gefühl des Erfolgs zu erleben, das ihnen selbst mangels Talent oder Ehrgeiz verwehrt geblieben ist. Breithaupt spricht von einem „sozialen Vampirismus“. Auch ein Sadist bedient sich der Empathie, weil er seine Opfer nur maximal manipulieren und erniedrigen kann, wenn er über deren Schwächen und wunde Punkte Bescheid weiß.

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          Den positiven Seiten der Empathie widmete sich unlängst eine Tagung im Dresdner Hygiene-Museum unter dem Titel „Das Gesicht des/der Anderen – Kultur und Politik der Empathie im 21. Jahrhundert“. Im Zeitalter der Globalisierung, hieß es in der Ankündigung, scheint Empathie als grundlegende Kompetenz menschlichen Miteinanders gefragter denn je: „Nur wer die Erfahrungen und Herausforderungen eines fremden Lebens verstehen und dessen Bedürfnisse nachempfinden kann, wird die Konfrontation mit kulturellen und sozialen Divergenzen ein- wie wertschätzen können.“ Wer nach dieser Beschreibung befürchtet haben sollte, ein die Sinne vernebelndes Bauchgefühl stünde hier im Mittelpunkt der Diskussion, wurde eines Besseren belehrt. In einem eindrucksvollen Vortrag beschrieb die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber vom Sigmund-Freud-Institut Frankfurt, was wir im Gesicht von Geflüchteten sehen – oder eben nicht sehen, weil unser Unterbewusstsein den Blick lenkt. Seit 2015 in Darmstadt die Erstaufnahmeeinrichtung „Michaelisdorf“, eine Zeltstadt für achthundert Flüchtlinge, errichtet wurde, verbringt Marianne Leuzinger-Bohleber wöchentlich einen Tag vor Ort. Sie spricht mit Menschen, die alles verloren, die unbeschreibliche Traumatisierungen erlebt haben, deren Zeit- und Identitätsgefühl aus dem Takt geraten ist. Die existentielle Erschütterung des Selbst- und Weltbilds, der Zerfall des eigenen Ichs spiegelt sich auch im Gesicht der Geflüchteten wider. Man spricht vom „frozen face“. „Die Kommunikation der Entwurzelten mit sich selbst und anderen ist zum Erliegen gekommen, die Seele stellt sich tot“, so Marianne Leuzinger-Bohleber. Das wie gefroren anmutende Gesicht befände sich in einer Schockstarre. Genauso, wie wir jede noch so winzige Regung, jedes Zucken des Mundes, jedes Heben der Augenbraue, jedes Lächeln gnadenlos registrieren (und interpretieren), registrieren wir auch das erstarrte „frozen face“ – und wenden uns aus Furcht reflexhaft ab. Das ist ein natürlicher Impuls. Vom Trauma der anderen möchten wir nichts wissen. Denn es weckt bei uns selbst unbewusste Assoziationen mit extremen Erfahrungen, konfrontiert unser Inneres mit Todesangst, Hilflosigkeit und Ohnmacht. „Diesem Impuls“, argumentiert Marianne Leuzinger-Bohleber, „müssen wie gegensteuern, um uns traumatisierten Flüchtlingen und Migranten überhaupt empathisch zuwenden zu können.“ Ohne diese Zuwendung, ohne das geübte Lesen im fremden Gesicht, ohne den ernsthaften Versuch, einzuordnen, was die „face to face“Begegnung in uns und unserem Gegenüber eigentlich auslöst, kann es nur ein Nebeneinanderherleben geben.

          Begeisterungsszenen, wie sie sich etwa am Münchner Hauptbahnhof abspielten, als 2015 zahllose jubelnde Menschen Tausende von Geflüchteten enthusiastisch mit Brezeln, Kuscheltieren und „Refugees welcome!“-Plakaten begrüßten, verraten am Ende weniger über aktives Mitgefühl als viel mehr über die Berauschtheit von der eigenen weltoffenen Großherzigkeit. Es ist diese Form der naiven Leichtgläubigkeit, über die sich Rowan Williams, der ehemalige Erzbischof von Canterbury, vor einiger Zeit bei einem Referat über „Empathie“ verwundert zeigte: die Einfalt, die uns glauben macht, wir würden uns im Geist des anderen gut auskennen. Ironischerweise lenke dieser Irrglaube die Aufmerksamkeit von den wirklichen Unterschieden ab, die durch Sprache, Kultur und Macht geschaffen würden. „Es gibt keine Abkürzung in das fremde Herz des Nachbarn“, so Rowan. Mit anderen Worten: Wir müssen lernen, die kulturellen Differenzen wahrzunehmen, zu akzeptieren und auszuhalten. Empathie verstanden als Mitgefühl stellt eine wesentliche Grundlage einer gelingenden sozialen Kultur dar.

          Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel, die gemeinsam mit Kathrin Meyer die hervorragende, derzeit im Hygiene-Museum gezeigte Ausstellung „Das Gesicht. Eine Spurensuche“ kuratiert hat, plädiert – mit Blick auf Geflüchtete, die schutzsuchend zu uns kommen – für die Schaffung „kultureller Zwischenräume“, die dabei helfen, Migranten heimisch werden zu lassen. Das bedeutet, sie weder einer Parallelgesellschaft zu überlassen noch einem Assimilierungszwang zu unterwerfen, der eine vollständige Nivellierung der Herkunftskultur verlangt. Sigrid Weigel verweist auf Berlin, wo die vietnamesische Community immer als Beispiel genannt werde, in der die Integration der „Neuankömmlinge“ vor allem durch die schon länger Ansässigen befördert wurde.

          Menschen in „Lohn und Brot“ zu bringen, das ist die eine Seite der Integration. Die andere, schwerwiegendere aber ist es, das Fremde und andere als fremd und anders zu akzeptieren, und trotzdem Anteil an seinem Schicksal zu nehmen. Das ist die zweite, empathische Seite. Sie gilt es, auf kluge Weise zu stärken. Denn eines ist klar: Eine Abkürzung ins fremde Herz des Nachbarn kann es nicht geben. Aber ganz versperrt darf der Weg dorthin auch nicht sein.

          Quelle: F.A.Z.

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