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Sachbücher des Jahres

Das Biosprit-Dilemma Überschüssiges Land

Die EU revidiert die Expansion beim Biosprit, die Bundesregierung sieht das noch ganz anders und frönt dem „Bodenrausch“. Der ökologische Wertewiderspruch ist offenkundig.

© dpa Vergrößern Noch hält die Mineralölwirtschaft am Biosprit E10 fest. EU und und Bundesregierung streiten darüber.

Den 870 Millionen Hungernden in der Welt würden wir diese Frage gar nicht stellen: „Teller oder Tank?“ Gemeint ist die im Kontext von Energiewende, E10 und Getreidepreisen debattierte Frage, ob wir guten Gewissens Nahrung verbrennen und die Böden ausbeuten dürfen, um damit die Ökostatistiken zu schönen und in den Köpfen ein Gewissen zu implantieren, das gut zu nennen angesichts der Hungernden in jedem Fall fragwürdig bleibt.

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Brüssel jedenfalls ist drauf und dran, die eigenen Biosprit-Expansionspläne zu revidieren und strengere ökologische und soziale Kriterien für die Vergabe von Subventionsmittel an Bioenergieproduzenten anzulegen. Daumen runter für Biosprit also. Das sieht die Bundesregierung noch ganz anders, wo man die Energiewirte mit ihren Raps- und Maisfeldern für die Biodiesel- und -gasanlagen schon als tragende Säule einer neuen profitablen Landkultur ansieht. Der „Bodenrausch“, die Jagd nach Äckern, wie Wilfried Bommert das zutreffend beschreibt, hat für sie erst angefangen.

Maximalökonomische Szenarien

Zwei Millionen Hektar sind heute für die Bioenergie-Erzeugung reserviert - mehr als dreimal so viel, nämlich 7,5 Millionen, an „Flächenpotentialen für nachwachsende Rohstoffe“ haben Hohenheimer Agrarforscher im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums für das Jahr 2050 avisiert - bei 17 Millionen Hektar nutzbarer Landfläche landesweit. Europas Expansion könne sich auf 32 Millionen Hektar ebenfalls verdreifachen.

Nimmt man solche maximalökonomischen Szenarien ernst und die Visionen der Pflanzenöl- und Getreidevergärlobby beim Wort, könnte man sogar die Energieprobleme der Welt auf 250 bis 1580 Millionen Hektar quasi im Handstreich lösen - mehr Dünger hier, mehr Grundwasser da, alles technisch lösbar, meinen sie.

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Dabei bemühen sich die Väter der neuen agrarischen Gründerzeit nach Kräften, den ehrlichen Preis dafür zu verschleiern. Jene indirekten Kosten, die durch Umweltverschmutzung, Artenverluste, Grundwasserausbeutung und Treibhausgasemissionen in der Herstellungskette anfallen. Rückzugsraum bieten da Begriffe wie „überschüssige Brachflächen“, die das Gros der Bioenergielawine auffangen sollen.

Auch im Ministerium greift man gern darauf zurück, ohne allerdings genau zu definieren, wie viel „überschüssiges“, will heißen: nutzloses (aber eben naturnahes) Land hierzulande vorhanden sei. In einem Beitrag in „Bio-Risk“, der 170 Studien zu der Frage ausgewertet hat, wird jedenfalls eindringlich gewarnt: Vorsicht Etikettenschwindel.

Zielkonflikt vorprogrammiert

Es ist, als hätten jene, die bioenergetisch expandieren wollen, ihre Rechnung ohne den eigenen Wirt gemacht. In der Nachhaltigkeitsstrategie steht, dass Deutschland bis 2020 gut 20 Prozent an Ökolandflächen haben will. Heute ist es ein Viertel. Gleichzeitig sollen 18 Prozent der Gesamtenergie und 35 Prozent des Stromverbrauchs aus Bioquellen kommen. Geht der Energiepflanzen-Anbau weiter wie bisher, kommt es zu einem „Zielkonflikt“, wie das Büro für Technikfolgenabschätzung mahnt.

Wie die Politik das lösen will, hat sie noch nicht verraten. Ein grüner Wertewiderspruch tut sich auf. Einer allerdings, der sich nach dem bewährten Rezept durchaus auf überschüssigem Land entsorgen lässt.

Quelle: F.A.Z.

 
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