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Internes Google-Video : Wir Datenträger

Wo fehlt’s denn? Google träumt von einem sich selbst führenden Register, dass sich bei Datenmangel zu helfen weiß – auch wenn es um das menschliche Gewicht geht. Bild: Picture-Alliance

Wenn wir den Menschen einfach als Datenwirt betrachten: Das für den internen Gebrauch gedachte Video „The Selfish Ledger“ zeigt Googles ganze Klasse – auch im Schüren der Angst vor den eigenen Ideen.

          Man muss „The Selfish Ledger“ als einen dieser experimentellen Kurzfilme sehen, denen es gelingt, ihre Zuschauer ins Mark zu treffen, ganz ohne Handlung oder Identifikationsfiguren. Die mit wenig mehr als einem kleinen Gedankenspiel vor ein paar suggestiven Bildern zu leichter Musik im Kopfkino des Betrachters eine düstere Science-Fiction-Phantasie auslösen, ohne selbst ein einziges Alarmsignal erkennen zu lassen. Das Spiel geht so: Man wende die Umdeutung, mit der Mitte der siebziger Jahre der Neo-Darwinist Richard Dawkins berühmt wurde, auf den Menschen und seine Daten an. Dawkins schlägt – in der Verkürzung des Kurzfilms – vor, den einzelnen Menschen lediglich als eine Art Container, einen Überlebensgaranten, eine Vermehrungsmaschine seiner Gene zu betrachten, in denen wiederum er die fundamentale Einheit der evolutionären Selektion sieht.

          „The Selfish Ledger“ nun spielt nicht nur dem Titel nach auf Dawkins’ berühmtes Werk „The Selfish Gene“ an, sondern setzt versuchsweise die Gesamtmenge der menschlichen Daten, in einem Konto oder Register (engl. ledger) gespeichert, an die Stelle der menschlichen Erbmasse. Der Mensch wäre demnach eine Art Träger, ein Verwalter dieses Registers. Dessen Weitergabe diente dem Wohle seiner Nachkommen, seiner Spezies, ja: der Welt. Armut oder Krankheiten ließen sich bekämpfen, wenn nur die menschliche Erbdatenmasse – unser aller gespeicherte „Handlungen, Entscheidungen, Vorlieben, Bewegungen und Beziehungen“, wie es im Film heißt – ähnlich ausgewertet werden könnte wie unsere DNA. Indem wir unsere Datensätze weitergeben, dienten wir der Vorhersagbarkeit der Entscheidungen und Verhaltensweisen künftiger Generationen.

          In einem Kapitel des Videos schaut der Betrachter des Films aus der Perspektive des Datenwirts auf sein Smartphone. Der darf sich gerade einen Vorsatz aussuchen: Will er sich gesünder ernähren, die Umwelt schützen, die lokale Wirtschaft unterstützen? Bei seinen weiteren digital registrierten Kaufentscheidungen wird er dann dezent auf die Option hingewiesen, die seiner Resolution entspricht. Im nächsten Kapitel stellt das sich selbst führende Datenkonto fest, dass ihm etwas fehlt, um alles Nötige über seinen humanen Datenträger zu wissen. Den individuellen Einrichtungsvorlieben des Menschen entsprechend sucht es nach einer Personenwaage fürs Badezimmer und entwickelt, als sich nichts Passendes finden lässt, kurzerhand selbst eine – der 3-D-Druck macht es möglich.

          Jahrzehntelang, referiert das Video, habe der Nutzer im Mittelpunkt des Computerdesigns gestanden. „Was wäre, wenn wir die Dinge ein bisschen anders betrachteten?“ Wenn wir im digitalen Datenkonto nicht nur eine rückblickende Referenz sähen, sondern ihm einen eigenen Willen zugeständen? Man muss in „The Selfish Ledger“ mehr als einen dieser experimentellen Kurzfilme sehen, denen es gelingt, ihre Zuschauer ins Mark zu treffen. Der neunminütige Kurzfilm stammt von Nick Foster, dem Design-Chef von Alphabets Forschungsabteilung „X“. Ende 2016 entstanden, sollte er bei Google eigentlich nur internen Zwecken dienen.

          Als er jetzt an die Öffentlichkeit gelangte, erklärte ein „X“-Sprecher den Film gegenüber dem Technik-Portal „The Verge“ kurzerhand zum bewussten Spiel mit unbehaglichen Ideen und Konzepten, um Diskussionen anzuregen: „Wir verstehen, dass es beunruhigend ist – so ist es auch gemeint.“ Es besteht keinerlei Zusammenhang zu bestehenden oder zukünftigen Produkten. Mit dieser Beteuerung löst Google seinen Kurzfilm aus dem Medium Video und macht ihn zum Gesamtkunstwerk. Ziemlich verstörend, keine Frage. Aber so ist es ja auch gemeint.

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