27.11.2007 · Jonathan Littell hat mit den fiktiven Memoiren eines reuelosen SS-Offiziers heftige Debatten ausgelöst. „Shoa“-Regisseur Claude Lanzmann, der den Autor zunächst kritisierte, spricht über den Roman, die Grenzen der Erinnerung und eine persönliche Begegnung mit Littell.
Claude Lanzmanns gesamtes filmisches und schriftstellerisches Œuvre handelt von der Vernichtung der Juden. Eines seiner bekanntesten Werke ist der neunstündige Dokumentarfilm „Shoa“, der dem Schriftsteller Jonathan Littell als wesentliche Quelle seines Romans „Les Bienveilants“ diente. Lanzmann hat Littell vorgeworfen, sich mit den fiktiven Memoiren eines SS-Offiziers am Nazi-Grauen zu ergötzen. Später trafen sich die beiden. Im Interview mit der F.A.Z. spricht Lanzmann über die Begegnung, den Roman und die Grenzen der Erinnerung.
„Man kann um die Schoa und mit ihr sehr viel machen“, sagt Lanzmann mit Blick auf Romane und Spielfilme, in denen die Judenvernichtung Thema ist. „Aber man kann nicht zeigen, wie dreitausend Menschen in der Gaskammer von Auschwitz-Birkenau sterben. Es gibt keine Fotografie, es gibt kein Bild davon. Es gibt nichts. Sie starben in der schwarzen Dunkelheit. Stumm. Darauf darf sich niemand einlassen. Das zu zeigen, das darzustellen versuchen. Niemand hat es gewagt.“
„Dieser Roman hat etwas Verrücktes“
Littells Roman habe ihn erschlagen, bekennt der 82-Jährige: „Littell ist sehr begabt. Ich kenne das, worüber er schreibt. Was mich zuallererst erstaunt hat: die absolute Exaktheit. Alles stimmt. Die Namen der Leute, der Orte.“ Lediglich die Hauptfigur, der Ich-Erzähler Max Aue, sei unrealistisch.
„Dieser SS-Mann bei Littell spricht oft wie ein Jude“, erläutert Lanzmann. „Ich habe ihm gesagt, dass es nie einen SS-Mann wie Max Aue gegeben hat. Er weiß es. Und er sagt dazu: Ohne Max Aue gibt es das Buch nicht. Gleichzeitig hat dieser Roman etwas Verrücktes. Max Aue ist überall. Er ist in Stalingrad, er ist in Paris mit den französischen Kollaborateuren. Er trinkt mit Eichmann Tee. Er speist mit Himmler.“
Lanzmann schätzt Littells Buch: „Die Kritiker haben den Roman nicht zu Unrecht gelobt. Littell hat die Auszeichnungen, die er erhielt, verdient.“