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Christian Thielemann in München Als Orchestererzieher gescheitert

23.07.2009 ·  Christian Thielemann ist einer der großen Maestri der Gegenwart und muss die Münchner Philharmoniker doch verlassen. Das Problem des Dirigenten liegt in einem Machtanspruch, hinter dem sich grundlegende künstlerische Unsicherheit zu verbergen scheint.

Von Julia Spinola
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Nachdem der Münchner Stadtrat am Mittwoch mit neunundsiebzig von achtzig Stimmen beschlossen hat, Christian Thielemanns Vertrag als Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker über das Jahr 2011 hinaus nicht zu verlängern, fordert die Bayerische Akademie der Schönen Künste nun „mit Nachdruck“ eine Wiederaufnahme der Vertragsverhandlungen. „Es ist ein blamables Versäumnis der Stadt München und ihrer Kulturrepräsentanten, nicht alles getan zu haben, um Thielemann das Bleiben unter ihm zumutbaren, das heißt den bisherigen Vertragsbedingungen zu ermöglichen“, teilte die Akademie, also wohl ihr als Musikliebhaber bekannter Präsident Dieter Borchmeyer, der Öffentlichkeit mit. Die Entscheidung zeuge von einer „gehörigen Portion Provinzialismus“ und komme einem „Verrat an der Musikstadt München“ gleich.

Kann man es wirklich als provinziell bezeichnen, wenn eine kulturpolitische Entscheidung, selten genug, im Sinne eines Orchesters und seiner Entwicklungsmöglichkeiten gefällt wird, bloß weil dabei in Kauf genommen wird, dass man einen renommierten Generalmusikdirektors im Zweifelsfall werde ziehen lassen müssen? Kunst oder Starwesen lautete zugespitzt die Alternative, vor die sich der Stadtrat gestellt sah. Mit Verrat hätte die Entscheidung gegen den Star nur zu tun, wenn man die Musikstadt im Glamour eines Rufes aufgehen sähe, dem gerecht zu werden man als zweitrangig betrachtete. Denn jener Nimbus des Genialischen, den man sich von dem auf Beethoven, Brahms, Bruckner und Pfitzner spezialisierten Thielemann erhoffte, haben seine Programme nicht wirklich in die Philharmonie einziehen lassen. Statt den beschworenen dunklen, deutschen Klang wiederzubringen, entpuppte sich die Repertoirebegrenzung eher als ermüdend.

Einer der großen Maestri der Gegenwart

Grund für die Verweigerung der Vertragsverlängerung war Thielemanns Ablehnung der folgenden Klausel: „Gastdirigenten, -programm und -solisten werden in Abstimmung mit dem Generalmusikdirektor vom Intendanten festgelegt. Die letzte Verantwortung liegt nach Anhörung des Orchestervorstands beim Intendanten.“ Wie das Kulturreferat mitteilt, war es das Orchester selber, das um die Aufnahme dieser Klausel in den Vertrag gebeten hatte. Während die Berliner Philharmoniker sich jüngst für eine strikte Arbeitsteilung zwischen einem künstlerisch befugten Chefdirigenten und einem gänzlich fachfremden, nur für Fragen des Managements und der Vermarktung zuständigen Intendanten entschieden haben, empfand das Münchner Orchester nach fünfjähriger Konzentration auf das überschaubare Lieblingsrepertoire von Thielemann offenbar das Bedürfnis nach neuen Impulsen.

Dass Thielemann als einer der großen Maestri der Gegenwart es von seinem Selbstverständnis her nicht zulassen kann, seine Entscheidungsmacht durch einen Intendanten eingeschränkt zu sehen, kann man verstehen. Auch ein Barenboim duldet kein Intendantenwiderwort. Er freilich empfindet es nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung, sich einen Mahler-Zyklus mit einem Kollegen wie Pierre Boulez zu teilen, gerade weil dessen ästhetischer Ansatz sich von dem eigenen unterscheidet. Thielemanns Problem liegt in einem Machtanspruch, hinter dem sich eine grundlegende künstlerische Unsicherheit zu verbergen scheint. Dies macht seine Auffassung, einen Klangkörper zu prägen, bedeute vor allem, ihn gegen Fremdeinflüsse abzuschotten, deutlich. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ äußerte er die Sorge, seine Arbeit könne durch den Einfluss eines Gastdirigenten, der am Ende gar einen Beethoven-Zyklus dirigieren würde, „der meinem entgegensteht“, konterkariert werden.

Tatsächlich realisiert Thielemann seinen im Herbst 2008 begonnenen Beethoven-Zyklus sämtlicher Symphonien ja nicht mit den Münchner, sondern mit den Wiener Philharmonikern. Auch das mag das heimische Orchester nicht eben glücklicher gemacht haben.

Kann man nun tatsächlich mit dem Stadtrat hoffen, dass Thielemann einvernehmlich seinen laufenden Vertragspflichten nachkommen wird, oder muss man nicht vielmehr annehmen, dass er die Stadt im Zorn vorzeitig verlässt? Dass sich die Stadt München die Sache noch einmal neu überlegt, steht jedenfalls kaum zu erwarten.

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Jahrgang 1962, Redakteurin im Feuilleton.

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