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Chinesische Online-Propaganda : Für fünfzig Cent gibt es Meinungsführerschaft

Protest gegen den Protest: Die chinesische Flagge wird durch Hongkongs Straßen getragen. Bild: Reuters

China beschäftigt ein Heer von Online-Kommentatoren, die Desinformation im Sinne der Zentralregierung liefern. Je besser die Kommentatoren arbeiten, desto schlechter sind sie zu identifizieren.

          Sehr im Unterschied zur Sonderverwaltungszone mehrere tausend Kilometer südlich ist Peking an diesem Vorabend des Nationalfeiertags am 1. Oktober ein Muster an Aufgeräumtheit. Die Straßen sind von roten Lampions gesäumt, vor den Geschäften und Siedlungen flattern die Landesflaggen, neben den Bürgersteigen sind fein säuberlich Blumenbeete angelegt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ähnlich geordnet sieht es in den sozialen Netzwerken im Internet des Festlands aus, aus dem alle Suchanfragen nach Hongkong, Occupy und ähnlich disharmonischen Begriffen noch gewissenhafter als sonst herausgefiltert werden. Doch es gibt genug Leute in Peking, die wissen, dass in der Welt draußen der Teufel los ist und China wieder einmal im Mittelpunkt einer globalen Schlacht um die öffentliche Meinung steht.

          Lange sind die Zeiten vorbei, da die chinesische Regierung solchen Debatten nur zugesehen hat. Vielmehr hat sie ein Instrumentarium entwickelt, um „eine internationale öffentliche Meinungsumgebung hervorzubringen, die objektiv, wohlwollend und freundlich uns gegenüber ist“. So formulierte es ein für die Außenpropaganda zuständiger Abteilungsdirektor in einer auf diversen Regierungs-Websites veröffentlichten Rede.

          Guerillataktik statt Frontalangriff

          Wenn also jetzt die Leser der Websites der großen Zeitungen zwischen New York, London und auch Frankfurt am Main über den neuesten Stand der Demonstrationen in Hongkong debattieren und darüber, was das für die Welt bedeutet, sind sie oft auch Teil und Zeuge eines sehr chinesischen - und das meint hier: regierungsamtlichen - Diskussionszusammenhangs. In China selbst ist die Existenz der „Fünfzig-Cent-Partei“ (wumao dang) ein offenes Geheimnis. Das ist die umgangssprachliche Persiflierung jener „Online-Kommentatoren“, die von Instanzen der Regierung oder der Kommunistischen Partei dafür bezahlt werden, dass sie mit verdeckten Identitäten Internetdiskussionen im offiziellen Sinn beeinflussen.

          Öffentlich werden Trainingskurse und Prüfungen für diese Arbeit ausgeschrieben, für die man „gut ausgebildet“ sein soll. Der frühere Staatspräsident Hu Jintao hatte eine eigene Theorie für diesen neuen Zweig der Propagandaschlacht entwickelt, die er „ein neues Muster der Führung der öffentlichen Meinung“ nannte. Rund dreihunderttausend Leute sollen in China in dieser Industrie beschäftigt sein, die von sich behauptet, immer transparenter und professioneller zu werden.

          Aus einer an die amerikanische Website „China Digital Times“ weitergegebenen Anweisung geht hervor, dass die Kommentatoren „ernsthaft die Mentalität der jeweiligen Nutzer“ studieren sollen. So sei es zum Beispiel nicht anzuraten, sich der Idee der Demokratie frontal entgegenzustellen, sondern besser, auf Beispiele der Gewalt in dieser oder jener Demokratie hinzuweisen.

          Unverdächtige Disputanten

          In einem Interview mit Ai Weiwei verriet ein Kommentator 2011 einmal, dass er in manchen Debatten gleich mehrere Identitäten annimmt und dann einen erbitterten Streit mit sich selbst über einen Randaspekt vom Zaun bricht, damit die übrigen Disputanten vom eigentlichen Thema abgelenkt werden.

          Je besser diese Kommentatoren ihre Arbeit machen, desto schlechter sind sie im Einzelfall als solche zu identifizieren. Sowohl ihre Namen als auch ihr Ton und ihre Argumente sind solche, wie sie am Sitz der jeweiligen Medien üblich sind. In Deutschland kann das etwa die Allerweltsmeinung sein, dass das alles in der EU doch ganz genauso sei, es kann die Nachfrage sein, von welchen westlichen Nichtregierungsorganisationen das denn diesmal angestachelt worden sei, um ein nichtwestliches Land zu destabilisieren, oder es kann, besonders häufig, der Vorwurf der pauschalen Einseitigkeit sein, der seinerseits nicht weiter begründet werden muss.

          All dies kann auch von ganz unverdächtigen Disputanten stammen, was dazu mahnt, noch schärfer den Kern des jeweiligen Gedankens in den Blick zu nehmen, statt sich von seinem Aroma verführen zu lassen. Wer sich in diesen Tagen öffentlich über die Demokratie in Hongkong und in der ganzen Welt Gedanken macht, sollte sich immer vor Augen halten, welche Interessen bei dieser Debatte auch eine Rolle spielen.

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