29.05.2007 · Warum gehen Chinesen im Park rückwärts, reiben sich an Bäumen oder stoßen Krächzlaute aus? Sie tun es aus permanenter Sorge um den Körper und die Gesundheit, die tief in der chinesischen Kultur verankert ist und den Lebensalltag prägt.
Von Mark Siemons, PekingWer nach dem unverwechselbar Chinesischen sucht, das die Wirren des letzten Jahrhunderts und der Globalisierungsstrudel übrig gelassen haben, sollte nicht zuerst auf irgendwelche Kostüme, Bücher oder Ideen schauen, die jetzt zum Teil künstlich, zum Teil spontan wiederbelebt werden, wie der sogenannte „Konfuzianismus“. Er sollte auf Beine, Münder, Rücken und Bäuche gucken. Das unmittelbar Physische ist es, auf das der Forscher nach der chinesischen Kultur heute eher stößt als auf das, was sich in Bibliotheken aufbewahren lässt.
Wie könnte man zum Beispiel daran vorbeisehen, dass in den Parks die Leute – keineswegs komische Sonderlinge, sondern sehr viele Menschen, manchmal auch junge – rückwärtsgehen? Oder ihren Rücken an Bäumen reiben, sich beim Ausschreiten auf die Waden schlagen und in regelmäßigen Abständen kehlige Krächzlaute ausstoßen? Solche Verhaltensweisen gelten nicht als auffällig, sondern sind hier nicht weniger natürlich als das Joggen in einem westlichen Park. Wobei das Verhalten des Joggers, der noch eigens Vorkehrungen treffen muss, nämlich spezielle Schuhe, Trainingshosen, womöglich Pulszähler braucht, als eine weit willkürlichere Veranstaltung erscheint. In chinesischen Parks wird ohne jede Vorbereitung, gewissermaßen aus dem Stand, gerieben, gekrächzt und rückwärtsgegangen. Man setzt dazu noch nicht einmal einen anderen Gesichtsausdruck auf, sondern geht fließend von einem Zustand in den anderen über.
Reiben, reizen, krächzen
Der Grund ist natürlich die Gesundheit. Wer rückwärtsläuft, aktiviert andere Gehirnzonen als beim Vorwärtsgehen und tut zugleich etwas für das Rückgrat. Wer den Rücken an Bäumen reibt, reizt bestimmte Punkte in der Muskulatur und verbessert so den Fluss des Qi, des Energiestroms, im Körper. Wer Krächzlaute ausstößt, lässt das verbrauchte Qi wieder heraus, was dem inneren Haushalt gleichfalls guttut. Doch wichtiger als die Begründungen im Einzelnen, die alle der traditionellen chinesischen Medizin entstammen, ist die Übergangslosigkeit, mit der sie in die normalen Lebensabläufe eingebettet, ja von diesen gar nicht mehr unterschieden sind.
Das Argument der Gesundheit ist allgegenwärtig in China. Das fängt schon damit an, dass man sich üblicherweise mit der herzlichen Formel „Hast du schon gegessen?“ begrüßt, sich als Erstes also um den ausreichenden Stoffwechsel des anderen kümmert. Gleich als Nächstes kommt in privateren Verhältnissen die Sorge um den Teint: Man schaut sich prüfend ins Gesicht und kommentiert anerkennend oder kritisch den Hautzustand des anderen. Gesundheit und körperliche Verfassung gelten nicht als Zufalls- oder Schicksalsprodukt, sondern als persönliches Verdienst, eine Art Charakterzeugnis, und sind deshalb ein bevorzugter Gegenstand persönlich gemeinter Rügen und Komplimente.
Das überdauernde Körperwissen
Das ist insofern plausibel, als auch der das ganze Leben durchdringende Kanon gesunder Verhaltensweisen normativen Charakter hat. Nach dem Aufwachen sollte man erst einmal mit den Augen rollen, man sollte besser nicht kaltes, sondern warmes Wasser trinken (gilt auch für Bier), und abends soll man die Füße in heißem Wasser massieren. Und „in keinem anderen Land“, spottet der taiwanische Kritiker Su Lonjin, „wird man so häufig wie in China die Aufforderung hören, sich warm anzuziehen“. Er führt das ziemlich ungnädig darauf zurück, dass die chinesische Kultur ihre Angehörigen systematisch infantilisiere und entindividualisiere. Der China-Interpret Lin Yutang dagegen bezeichnete das fern aller Verstiegenheiten bodenständig „Biologische“ gerade als den sympathischsten Zug der chinesischen Kultur.
So oder so sticht ins Auge, dass da eine Tradition, deren Ursprünge sich mehr als zweitausend Jahre zurückverfolgen lassen, überraschend intakt geblieben ist – und dies offensichtlich nicht durch Bücherwissen, sondern durch mündliche Überlieferung in den Familien. Die gemäß überkommenen Einsichten vollzogene Sorge um den Körper hat als letztes Rückzugsgebiet des Selbst auch Phasen wie die Kulturrevolution überdauert, als die Worte, Gedanken und Gefühle schon alle enteignet worden waren. Nur der Körper und das, was eine lange Reihe von Ahnen über ihn wussten, blieb übrig als Reservoir für das eigene Leben – und viele mögen das inmitten der Ansprüche des sich ausweitenden Marktes heute ähnlich empfinden. Das alte Körperwissen widerstand den Abstraktionen der Politik, des Kommunismus, anscheinend nicht weniger als denen der modernen ausdifferenzierenden Wissenschaft.
Prüfe den Leib dreimal am Tag
Dabei bezeichnen weder „Körper“ noch „Gesundheit“ etwas Spezielles, Herausgehobenes. Da es den Dualismus von Körper und Seele in China herkömmlicherweise nicht gibt, gibt es auch nicht das Konzept eines der Seele gegenübergestellten, isolierten „Körpers“. Das gewöhnlich für „Gesundheit“ gebrauchte Wort, „shenti“, ist dasselbe, das auch den Körper und das Selbst meinen kann. „Ich prüfe meinen Leib dreimal am Tag“, sagte Konfuzius und meinte damit auch eine Selbstprüfung. Es gibt also von vornherein gar nicht die Spaltung zwischen Zustand und Substanz, Leib und Seele, Fitness und Geist, die durch einen westlichen Begriff wie „ganzheitlich“ nachträglich erst wieder aufgehoben werden müsste. Die Gesundheits-Körper-Selbst-Pflege, für die es außerhalb Chinas kein gemeinsames Wort gibt, umfasst im Park eben nicht nur das Rückwärtsgehen, sondern auch das berühmte Schattenboxen, das gemeinsame Singen von Volks- und Revolutionsliedern, das Kalligraphieren auf dem Boden mit Hilfe langstengliger Pinsel voll Wasserfarbe und den abendlichen Tanz zur Discomusik aus Kassettenrekordern.
Genuss, Kontemplation und medizinisches Kalkül gehen da fließend ineinander über: beim Zubereiten einer Suppe, bei dem man sich Gedanken über die körperlichen Wirkungen jeder einzelnen Zutat macht, ebenso wie bei der Kunst. Kalligraphie, Malen und Musizieren werden nicht anders als Gartenarbeit und Angeln bei Herzproblemen empfohlen, ohne dass da einer das Bewusstsein einer Instrumentalisierung des einen durch das andere hätte. Zugleich sagt ein von der Universität Nanjing herausgegebenes Handbuch zur Lebenskultivierung streng und eindeutig: „Eine übermäßige Beanspruchung des Gehirns ist nicht ratsam.“ So schön Geist und Kultur sein mögen, wenn sie einen aus dem Gleichmaß bringen, sollte man sie drosseln.
Leben, nicht Wahrheit
Im Westen würde man sich mit Händen und Füßen gegen eine solche Beschwichtigung des Denkens wehren, würde sie genauso für medioker halten wie den ständigen Rekurs auf die Gesundheit für nervend. Chinesische Philosophen dagegen zählen die alles bestimmende Sorge um den Körper gerade zu den tiefsten Einsichten, zu denen das Denken gelangen kann. Der Fluchtpunkt des Denkens ist nicht wie im Westen die potentiell unendliche „Wahrheit“, sondern das endliche „Leben“, das es zu nähren gilt. Ins Grenzenlose ausgreifende Konzepte wie Sinn, Seele und „das Andere“ können da nur eine relative Rolle spielen. Im Klassiker Zhuangzi fragt im vierten Jahrhundert vor Christus Lückenbeißer seinen Freund Abgetragenes Gewand, worin das vielbeschworene „Tao“, dieser kosmische Weg des Weisen, denn eigentlich bestehe. Doch statt des hochgeistigen Exkurses, den er zweifellos erwartet hatte, erhält er bloß die Antwort: „Bring deine körperliche Form in Ordnung.“
Im Rückwärtsgehen und Baumreiben hat sich also eine Tradition bis heute erhalten, die nicht bloß eine folkloristische Nebenlinie der chinesischen Kultur darstellt, sondern an ihren Kern rührt. Vieles, was China sonst noch an geistigen Orientierungen bereithält, ist von dieser relativierenden Endlichkeitsperspektive durchdrungen. Freilich hat ein solches Denken, das sich scheut, eine über die eigene Existenz hinausgehende Position einzunehmen, auch einen blinden Fleck: Es ist, worauf der französische Philosoph François Jullien hinwies, tendenziell dazu verurteilt, nie aus der Abhängigkeit der Macht herauszukommen. Was freilich nicht heißt, dass es in der chinesischen Geschichte nicht viele durch soziale Nöte ausgelöste Widerstandsbewegungen gegeben hätte. Doch die beriefen sich, von den „Gelben Turbanen“ im zweiten Jahrhundert bis zu den „Boxern“ im neunzehnten, oft nicht auf irgendeine Dissidenz, sondern wieder auf den Körper und eine spezielle Weise seiner Kultivierung.